Aber auch abgesehen von dieser großen, oft sehr anstrengenden, bis in die Nacht gehenden Schreibarbeit ergänzte sie mit ihrer Feder den Vater. Vielfach war sie früher als das übrige Haus auf, um in aller Morgenstille den Briefverkehr mit den Verwandten und Freunden des Hauses und später auch mit den Kindern zu pflegen.
Während der Beruf des Vaters ihn naturgemäß aus dem Hause führte, war Mutter immer daheim. Sie war in jedem Augenblick für uns Kinder da. Mit völliger Sorglosigkeit überließ darum Vater uns Kinder der Mutter. Auf allen ihren Wegen durchs Haus trabten wir hinter ihr her, und überall leitete sie uns an, ihr zur Hand zu gehen und keinerlei Arbeit zu scheuen. Wenn sie nachmittags still auf dem niedrigen Sessel saß, auf dem sie alle ihre Kinder gewartet und genährt hatte, das kleine Arbeitstischchen vor sich, dann hockten wir Kinder um sie her, und sie lehrte uns stricken und sticken, auch uns Jungen, und erzählte dabei am liebsten aus ihrer und des Vaters Lebensgeschichte.
Wie eng und klein gegen ihre früheren Lebensverhältnisse war das Haus geworden, wie bescheiden auch der Lebenszuschnitt! Aber es kam ihr zustatten, daß sie in einer Zeit groß geworden war, in welcher auch in den hochgestellten Kreisen die Lebenshaltung eine sehr einfache und sparsame blieb. So wurde es ihr nicht schwer, mit dem geringen Gehalt, das der Vater bekam, — es war in den ersten 20 Jahren seiner Tätigkeit nicht mehr als 2400 Mark jährlich, zu denen noch ein verhältnismäßig kleiner Zuschuß aus ihrem väterlichen Erbteil hinzukam, — durchzukommen und noch immer übrig zu haben für andere.
Sie selbst war ein Vorbild von Einfachheit. Die Mode machte sie nicht mit. Nur einmal während der 22 Jahre ihres Lebens in Bethel leistete sie sich einen neuen Hut und einmal einen neuen Mantel. Das war ein Fest für uns alle. Seit mit dem Tode ihrer vier ersten Kinder ihr Kopfhaar sehr spärlich geworden war, trug sie eine höchst kleidsame weiße Rüschenmütze. Draußen hatte sie darüber nur selten einen Hut, sondern statt dessen ein dreieckiges schwarzes Tüchlein, und statt des Mantels war ihr ebenfalls ein langes schwarzes wollenes Tuch das liebste. So ging sie uns Kindern und der ganzen Gemeinde in edler Einfachheit voran.
Als wir größer geworden und dem Schlafzimmer der Eltern entflohen waren, versäumte sie doch ohne besondere Not keinen Abend, mit uns zu beten. Das alte, unendlich einfache und zugleich so tiefe Zinzendorfsche Gebet bildete immer die Einleitung: „Christi Blut und Gerechtigkeit, — Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, — Damit will ich vor Gott bestehn, — Wenn ich zum Himmel werd’ eingehn.” Dann kamen die einzelnen Anliegen. Wie hat sie uns gewöhnt, im Gebet insonderheit der einzelnen Verwandten und ihrer Kinder zu gedenken!
So lag unsere Erziehung im wesentlichen in ihrer Hand. Nur sehr selten kam es vor, daß Vater sich in die Erziehung mischte. Während die Mutter mit ihren wachen Augen und ihrem schnellen Empfinden rasch eingriff, hatte Vater eine unermeßliche Geduld mit uns. Nicht selten entgleiste unsere geschwisterliche Liebe in Gegenwart der Eltern. Aber Vater tat meist wie Saul, als hörte und sähe er es nicht. Bat ihn aber, wenn es gar zu arg wurde, die Mutter um sein Einschreiten, dann wirkte es um so tiefer.
So wird es mir unvergeßlich bleiben, wie wir drei Brüder eines Sonntagmorgens in der kleinen Dachkammer, die wir miteinander bewohnten und die gerade über dem Wohnzimmer der Eltern lag, in erbitterten Streit geraten waren und einen Heidenlärm machten. Während wochentags die Schule uns keine Zeit ließ, gab uns gerade der Sonntagmorgen erwünschte Muße, uns einmal gründlich gegeneinander Luft zu machen. Da, während einer kurzen Atempause unseres Streites, hören wir Tritte die Treppe heraufkommen. Werden sie in Vaters Studierzimmer verhallen? Nein, sie kommen den Gang entlang, der auf unser kleines Arbeitszimmer führte, hinter welchem die Kammer lag. Jetzt kommen auch schon die Tritte durch das Arbeitszimmer; jetzt öffnet sich die Tür, nicht weit, sondern nur so viel, daß gerade Vaters vorgebeugter Kopf hineinsehen kann. „Kinder,” sagt Vater, „am Sonntagmorgen?” Mehr sagt er nicht, sondern schließt die Tür wieder und geht davon. Unsere Seele zitterte, nicht weil wir ein Dreinschlagen des Vaters gefürchtet hätten, sondern weil uns der Frieden, die Stille, die große Güte, die sich mit dem väterlichen Ernst verband, bis in die Seele getroffen hatte. Unser Streit war wie in einem tiefen Abgrund versunken und vergessen. Gericht und Gnade Gottes, wie sie in eins tätig sind, sind mir an diesem Erlebnis immer verständlich geblieben.
Noch freiere Hand als bei uns Kindern ließ Vater naturgemäß der Mutter in der Erziehung der Hausmädchen. Weil sie nicht weichlich war gegen sich selbst, so war sie auch nicht weichlich gegen ihre Angestellten. Wer ihre Schule bestand, hatte etwas Tüchtiges gewonnen. Einige bewährte Hausfrauen und mehrere Diakonissen, die von unserm Hause aus den Weg in das Mutterhaus fanden, haben ihr über das Grab hinaus gedankt.
Durch die schweren Führungen ihres Lebens war sie von Menschen gelöst worden und ganz auf Gott gestellt. Jedes Gepränge nach außen hin, aber auch jedes fromme Getue war ihr fremd. Sie kannte aus eigenster Erfahrung die Tiefe des Leides und hatte darum ein unmittelbares überaus wohltuendes Mitempfinden mit jedem Leidenden. Aber sie war ganz und gar nicht wehleidig. Sie beklagte niemanden. Es lag über ihrem Mitleiden der köstliche Humor, der im Schmerz die Quelle der edelsten Freude ahnt und auf dem Grunde des bitteren Kelches die glänzende Perle erblickt. Wie manchen, der müde an Leib und Seele ins Haus kam, um sich bei Vater Rat und Hilfe zu holen, hat sie erst durch eine kleine leibliche Erquickung erfrischt und dann, ohne daß sie in Versuchung kam, Herzensgeheimnisse zu erforschen, durch ein klares, offenes, gütiges Wort die Seele zurechtgerückt, sodaß Vater nur noch halbe Arbeit hatte.
Es gab Zeiten, wo Vater und Mutter regelmäßig um zwei Uhr nachmittags einen gemeinsamen Spaziergang durch die Anstalt und die Anstaltshäuser machten, um überall an der Not teilzunehmen und nach dem Rechten zu sehen. Auf solchen Wegen hat dann Mutter, ganz unbewußt und ungewollt, Vaters Augen und Urteil ergänzt. Bei der großen Beweglichkeit und Glut, die Vaters Herz erfüllte, und bei der großen Tragkraft, die er besaß, kam es oft vor, daß Dinge und Menschen ihm in einem Lichte erschienen, das doch der Wirklichkeit nicht ganz entsprach. Nie hat dann Mutter mit ihrem ergänzenden Urteil zurückgehalten. Unerbittlich, wie andern Menschen gegenüber, blieb sie auch gegenüber ihrem Mann in der Wahrheit, und für die rechte Beurteilung von Menschen und Dingen, namentlich auch bei der Wahl der Mitarbeiter, blieb ihr klares Auge und unbestechliches Empfinden von höchstem Wert für ihren Mann. „Sie hat mir nie geschmeichelt,” hat er an ihrem Grabe gerühmt.