Siebzehn Jahre nach ihrem Tode kam ich einmal auf Reisen in eine rheinische Stadt, gerade rechtzeitig zum Beginn des Gottesdienstes. Es predigte ein Pastor, der früher eine Zeitlang in Bethel gearbeitet hatte und mir befreundet war. Es war eine dreigeteilte, tief zu Herzen gehende Predigt. Nachher ging ich in die Sakristei, um meinen Freund zu begrüßen. Da sagte er: „Die Predigt habe ich schon einmal in Bethel gehalten — aber nur in zwei Teilen. Damals hat mir deine Mutter gesagt: ‚Sie haben den dritten Teil vergessen.’ Den habe ich jetzt nachgeholt.” So wirkte ihr offenes und klares Wort über Jahre hinaus.

Aber sie trug den reichen Schatz ihrer Seele in einem Gefäß, dessen Wandungen sehr zart geblieben waren. Ihr an und für sich so heiteres Gemüt konnte hie und da von ganz kleinen Dingen überrannt und in eine Stimmung gebracht werden, die sich auf ihre ganze Seele und damit auch auf unser Haus wie ein Nebel legte. Dann half kein Zureden; der Zustand mußte einfach seine Zeit haben. Darunter haben wir Kinder manchmal gelitten, und die Mutter selbst am meisten. War der Zustand der Verstimmung überwunden, dann strahlte die Sonne des Glückes wieder desto heiterer über unserm Haus. Vater selbst ertrug sie in solchen Stunden mit unermüdlicher Geduld. Wir haben nie ein einziges hartes Wort gegen die Mutter von seinen Lippen gehört.

Zu diesen vorübereilenden Schatten kamen längere Ruhe- und Krankheitszeiten der Mutter, namentlich in den letzten Jahren ihres Lebens, als unter der großen Last, die auf ihr lag, die Widerstandskraft der Nerven schwächer und schwächer wurde. Aber das waren eigentlich besondere Feierzeiten für unser ganzes Haus. Denn der Strom der Fremden, die aus- und eingingen, stand dann still. Vater hielt sich so viel wie möglich zu Haus. Und die einsamen Wege durch Wald und Feld, die Mutter dann mit dem Vater, oft aber auch bald mit dem einen, bald mit dem andern von uns Kindern machte, waren wichtige Sammelstunden für uns in dem sonst oft so unruhigen und zerstreuenden Anstaltsleben.

In solchen Zeiten erquickte dann Mutter sich und uns durch ihr Klavierspiel. Sie besaß eine Weichheit und Kraft des Spiels, wie ich es mit Bewußtsein nie wieder gehört habe. In den letzten Jahren ihres Lebens war es nur noch Bach, den sie spielte, und der tiefste deutsche Musikmeister war ihr durch die Tiefe des Leidens in besonderer Weise verständlich und tröstlich geworden.

Vor dem Eintritt in ihre letzte Krankheitszeit wurden ihr noch einige Monate völliger geistiger und körperlicher Frische beschert. Das war für sie wie für uns alle eine ganz unbeschreibliche Wohltat. Alle Hemmungen waren verschwunden. Das Leuchtende, Sprudelnde, Humorvolle und dabei so zärtlich Fürsorgende ihres innersten Wesens brach hervor, wie wir es in solchem Maße eigentlich nur in der frühesten Kindheit gekannt hatten. Ein achttägiges Zusammensein im schönen Beatenberg im Berner Oberland, das uns vier Kinder um die Eltern vereinigte, war der Höhepunkt dieser Zeit.

Als wir im Spätherbst auf verschiedenen Wegen wieder in Bethel uns zusammenfanden, hatte sich schon die letzte Krankheit der Mutter angebahnt. Es zeigte sich, daß in dem letzten hellen Feuer, das uns so tief beglückt hatte, zugleich ihre Kraft ausgebrannt war. An ihr Ende dachte freilich keiner von uns.

Um sie einmal ganz in die Stille zu führen, brachte Vater sie in die Anstalt eines ihm nahestehenden Arztes. Dort verschlimmerte sich der Zustand schnell und steigerte sich zur Verwirrung der Gedanken. Ein Brief, der Vater herbeirufen sollte, fand durch ein Versehen nicht rechtzeitig den Weg zur Post. Er wurde überholt durch ein Telegramm vom 4. Dezember 1894, das unsere Schwester öffnete. Es enthielt die erschütternde Mitteilung vom Tode der Mutter.

Nur bei der Nachricht von dem Tode Kaiser Friedrichs hatten wir Vater weinen sehen; jetzt, als wir beiden älteren Söhne aus Berlin heimeilten, hörten wir ihn bitterlich schluchzen. Dann aber konnte er in großer innerer Stille vor der versammelten Gemeinde Gott und Menschen danken für dies nun abgeschlossene gesegnete Leben.

Unsere kleine Dachkammer oben, wo wir Brüder unser Quartier behalten hatten, hat damals manche stille Träne gesehen. Der tiefe Schmerz schloß die Herzen fester denn je zusammen und überwand die zarte Scheu, die sonst gerade uns Westfalen eigen ist, sodaß unser ältester Bruder des Abends aus dem Herzen heraus mit uns und für uns betete. Einige Male wachte ich mitten in der Nacht an meinem eigenen Wehklagen auf. Fortan bildeten wir Kinder enger denn je einen Kreis um den geliebten Vater. Aber ersetzt werden konnte der Verlust nie wieder.

2. Mutter Emilie und Schwester Lottchen.