Aber wer Schwester Lottchen hiernach eingeschätzt hätte, würde ihr unrecht getan haben. In Wirklichkeit trug sie die einzelnen Schwestern nicht minder stark auf dem Herzen wie Mutter Emilie. Ihr Gedächtnis war von einer geradezu staunenerregenden Treue und Genauigkeit. Sie reiste nie, kannte darum die einzelnen Stationen, auf denen die Schwestern arbeiteten, nicht aus persönlichem Augenschein. Aber sie holte sich bei jeder Schwester so eingehenden Bescheid über die Umstände, unter denen sie arbeitete, daß sie über jeden einzelnen Fall deutlich im Bilde war. Sie wußte genau über die Krankenhäuser, Pflegehäuser, Kleinkinderschulen Bescheid, in denen die Schwestern arbeiteten: ob sie praktisch eingerichtet waren oder nicht und darum der Schwester die Arbeit erleichterten oder erschwerten. Sie wußte, ob die Zimmer der Schwestern nach Süden oder nach Norden lagen, ob sich die Küche im Keller oder zu ebener Erde befand. Sie kannte jeden Zug, mit dem die Schwestern ankamen oder abreisten, wußte die Fahrpreise auswendig bis zu jeder einzelnen Station und legte das Fahrgeld in Papier eingewickelt vor jeder Abreise der einzelnen Schwester zurecht. Sie sorgte für die Kleidung und das Taschengeld der Schwestern, führte für jede einzelne Schwester ein besonderes Kontobuch und hatte auch ihre Urlaubszeiten im Kopf.
Selbst nahm sie nie Urlaub. Statt dessen verließ sie jeden Donnerstagnachmittag pünktlich zur festgesetzten Stunde das Haus und ging in die Stadt zu ihrer Schwester, die dort eine eigene kleine Wohnung besaß. Da ruhte sie inmitten ihrer Verwandten aus und erfrischte sich im Kreise des heranwachsenden Geschlechts der Familie. Abends war sie dann wieder im Mutterhause. So ging es fast vier Jahrzehnte durch bis zu ihrem Ende.
Diese beiden immerhin ungewöhnlichen Frauen fand Vater vor, als er seine Arbeit im Diakonissenhaus antrat. Sie haben gemeinsam dem Diakonissenhause das Gepräge gegeben. Sie waren der Feuerherd, um den sich die Familie der Schwestern sammelte. Die Glut dieses Herdes bestand nicht aus einer selbstbeschaulichen, sich selbst pflegenden, mit sich selbst beschäftigten Frömmigkeit. An diesen drei Persönlichkeiten konnte man vielmehr in Wahrheit sehen, daß das Ziel des Christen im Dienst des andern besteht, nicht in der frommen Ausgestaltung der eigenen Persönlichkeit. So konnte es nicht anders sein, als daß die stille reine Glut, die von diesem Herde ausstrahlte, immer größere Scharen in ihren Bereich zog.
Vor dem Auge der Erinnerung steigt eine schier unabsehbare Reihe von Frauengestalten in der weißen Mütze auf, die, fast alle aus kleinen und kleinsten Verhältnissen hervorgegangen, nun in den verschiedensten Stellungen, sei es auf einsamstem schwierigem Posten, sei es als Leiterinnen großer städtischer Krankenanstalten, auf dem schlichten Wege selbstverleugnender Hilfsbereitschaft und in mütterlicher Umsicht und Weitherzigkeit bei hoch und niedrig, jung und alt Zeugnis ablegten von dem Herrn, in dessen Dienst sie standen.
Es war ein Wachsen und Sichausbreiten, wie es in verhältnismäßig so kurzer Frist kein Diakonissenhaus erlebt hat. An dem geräuschlosen Glühen Mutter Emiliens und Schwester Lottchens und an Vaters loderndem Brennen entzündeten sich immer neue Flammen. Wer konnte und wollte solches Wachstum hemmen? Aber damit entstand auch die Sorge, ob mit dem Wachstum nach außen das Wachstum nach innen Schritt halten würde.
Es war schon in jenen Anfangszeiten so, daß, wer in Vaters Nähe kam, unwillkürlich in eine andere Höhenlage gehoben wurde. Durch den Geist des Vertrauens, der Liebe, des kindlichen Glaubens, der von Vater ausströmte, wurde jeder über sich selbst hinaus versetzt. Der Betreffende hörte auf, er selbst zu sein. Er wurde für den Augenblick schon jetzt das, was er später einmal werden konnte und werden sollte. Darüber konnten Selbsttäuschungen nicht ausbleiben. Man kam in Gefahr, sich für etwas zu halten, was man noch nicht war. Darum blieb bei mancher Schwester, die in Vaters Nähe kam, trotz stärkster innerer Erlebnisse die entscheidende innere Wendung oder das echte innere Wachstum aus. Die außergewöhnlichen Wirkungen, die Vater ganz ohne Absicht ausübte, lockten bei allen, mit denen er zusammenkam, alle Sonnenseiten des menschlichen Wesens heraus, ließen alle Schattenseiten zurücktreten. Aber gerade so kam es, daß er in der Beurteilung von Schwestern sowohl wie in der Beurteilung seiner übrigen Mitarbeiter wieder und wieder vor tiefe und schwere Enttäuschungen gestellt wurde.
Und gerade auf diesem Gebiete, auf welchem Vaters Schranke lag, sah er sich weder von Mutter Emilie noch von Schwester Lottchen in ausreichender Weise ergänzt. Auch ihnen fehlte die Gabe der stillen Seelenführung, wie sie eine Mutter in der Verborgenheit ihren Kindern angedeihen läßt, indem sie sich dabei der Eigenart jedes einzelnen Kindes anpaßt. Das Wort Gottes und die Arbeit waren die Erzieher der Schwestern; aber das Zwischenglied, die stille persönliche Pflege, die sich in die Besonderheit der einzelnen Schwester hineinversenkt, trat zu sehr zurück.
Mit dem Wachstum des Mutterhauses wuchs darum, wie bei Mutter Emilie und Schwester Lottchen, so erst recht bei Vater das Verlangen nach einer zunehmenden Zahl innerlich führender Persönlichkeiten. Aber das große Gedränge der Not, das um Hilfe flehte, hemmte immer wieder die ausreichende Erfüllung dieses Wunsches und ließ ihn über andern Aufgaben stärker zurücktreten, als es gut war. Manche Persönlichkeit von innerlich reicher Begabung, aber geringer äußerer Kraft schied wieder aus, weil sie den großen Anforderungen, die an die körperlichen Leistungen gestellt wurden, nicht gewachsen war; und der Korpsgeist, der die Stärke, aber auch die Schranke einer Schwesternschaft ist, wurde nicht immer der Eigenart der einzelnen Mitarbeiterinnen gerecht und ließ manche Schwester wieder in ihr Elternhaus zurückkehren, die ein wertvolles Glied des Kreises hätte werden können.
Um diesem Mangel stärker abzuhelfen, kam es vor, daß Vater hier und da, nicht gegen die Ordnung, aber doch über die Ordnung des Diakonissenhauses hinweg, ältere Persönlichkeiten, die nicht von der Pike auf im Mutterhause gedient und nicht die sonst übliche Zahl der Jahre bis zur Einsegnung abgedient hatten, in leitende Stellungen einsetzte und ihnen die geistliche Pflege und Führung jüngerer Schwestern anvertraute.
Auch dadurch wurden die empfundenen Lücken bis zu einem gewissen Grade ausgefüllt, daß sich allmählich ein Kreis sogenannter freier Hilfsschwestern um das Mutterhaus her bildete. Sie gehörten nicht als eigentliche Diakonissen dem Mutterhause an, hatten aber in ihm ihre Ausbildung gefunden und stellten sich, je nachdem ihre Familienverhältnisse und ihre ganzen Umstände es erlaubten, bald für längere, bald für kürzere Fristen dem Mutterhause zur Verfügung. Aus ihnen traten dann immer wieder einige ganz in die Schwesternschaft über.