Wenn ich mich recht besinne, geschah es auf diesem Wege, daß in Vater der Gedanke erwachte, dem Johanniterorden zu empfehlen, sich für seine Aufgaben in Krieg und Frieden aus den Kreisen der gebildeten Mädchen mit einem Stab von Pflegekräften zu versehen, die in den einzelnen Mutterhäusern geschult werden sollten, aber dann nicht zunächst diesen, sondern in erster Linie dem Johanniterorden sich zur Verfügung hielten. So wurde der alte Gedanke des Ritterordenswesens, daß die führenden Kreise des Volkes sich unmittelbar mit ihrer ganzen Person dem Dienste des Nächsten in Pflege und Hilfsdienst widmen sollten, zu neuem Leben erweckt.

In bezug auf die Frage der gelegentlichen Verheiratung der Schwestern hat es von Fall zu Fall zwischen Vater und den beiden leitenden Schwestern wohl Verschiedenheit der Meinungen gegeben, — wobei die beiden Schwestern das strengere, Vater das weitherzigere Element vertraten —, aber grundsätzlich stimmten alle drei darin überein, daß eine Diakonisse ihren Beruf als Lebensberuf ansah und nicht mehr mit der Verheiratung rechnete. In diesem Entschluß sah Vater nicht eine Knechtschaft, sondern eine große Freiheit und Sicherheit angesichts der mancherlei schwierigen Lagen, in die eine Diakonisse bei Ausübung ihres Berufes kommt. Höher aber als der Entschluß der Schwester stand ihm die göttliche Führung. Diese genau zu erkennen, darauf kam es ihm an in jedem einzelnen Fall, in welchem eine Schwester vor die Frage der Verheiratung gestellt wurde.

Der Regel nach riet er aufs ernstlichste ab. Er hatte zu oft erfahren, daß es doch bloß Menschenwege waren, die man für göttliche ansah, hatte auch zu oft festgestellt, daß Diakonissen, die schon länger in einer selbständigen Stellung sich befunden hatten, sich selten ganz in die Beschränktheit des Lebens an der Seite des Mannes fanden. Er konnte auch dem um eine Diakonisse anhaltenden Mann es ernst ins Gewissen schieben, ob es wirklich recht sei, bei der großen Fülle lediger Mädchen den Blick auf eine Kraft zu lenken, die im Dienst der Kranken und Elenden bereits erfahren sei und deren Lücke nicht so leicht wieder ausgefüllt werden könnte.

Aber starr war er nicht. Überzeugte er sich, daß es nicht Menschenwerk war, dann hat er mehr als einer Diakonisse seinen Segen auf ihren Weg gegeben, ist auch in ständiger Verbindung mit ihr geblieben und suchte sie, wenn er irgend konnte, in ihrer Familie auf.

So eng Vater auch mit seinen beiden Mitarbeiterinnen verbunden war, und so wenig er an Einrichtungen rüttelte, die er übernommen hatte und die durch die Verhältnisse geboten waren, so sah er doch das Ideal der Leitung eines Mutterhauses in Sarepta nicht verwirklicht. Vielmehr schwebte ihm dafür die ursprüngliche Verfassung des Kaiserswerther Diakonissenhauses vor, wo Vater und Mutter Fliedner nicht nur Vater und Mutter für ihre leiblichen Kinder, sondern auch für die Diakonissen gewesen waren. Wiederholt sagte er, das schönste wäre, wenn seine Frau, unsere Mutter, ihn auf allen seinen Reisen zu Diakonissen begleiten könnte, um überall mit ihm zugleich nach dem Rechten zu sehen. Darum blieb der Besuch des Ehepaares Dändlicker, das gemeinsam als Vater und Mutter ihrem Diakonissenhause in Bern vorstand, eine ganz besondere Herzenserfrischung für unsere Eltern und ebenso der Gegenbesuch, den sie nach Jahr und Tag in Bern machten.

Eine erste Bedingung zur Aufrichtung eines solchen Ideals war freilich, daß die Diakonissenhäuser nicht zu groß wurden. Darum hat Vater, wo er nur konnte, zur Entstehung selbständiger kleiner Diakonissenhäuser mitgeholfen und überall für die Anfangszeit die tüchtigsten Schwestern zur Verfügung gestellt, so in Amsterdam, Oldenburg, Kreuznach, Detmold, Arolsen und Miechowitz, wie denn auch die Entstehung des zweiten westfälischen Mutterhauses in Witten und der rheinischen Anstalt Tannenhof bei Lüttringhausen ihm eine ganz besondere Freude und Entlastung war.

Grundlegende Änderungen hat er bei keinem dieser neu entstehenden Diakonissenhäuser, die um seine Unterstützung baten, anbahnen helfen. Es blieb bei gelegentlichen mündlichen kritischen Äußerungen über die Mängel des jetzigen Diakonissenwesens, sowohl was die Durchbildung der einzelnen Schwester als die Zusammensetzung der Schwesternschaft betraf. Ihn schmerzte es unablässig, zu sehen, wie hohe und höchste katholische Familien immer wieder mindestens eine ihrer Töchter in den Dienst der Kirche stellten, während die evangelischen Diakonissenhäuser eine Rekrutierung aus allen Schichten der christlichen Gemeinde doch zu schmerzlich entbehren mußten.

Hätte Vater, als er die Arbeit in Bielefeld übernahm, nicht schon die festgelegte Grundlage des Diakonissenwesens vorgefunden, so könnte man sich denken, daß er für die Heranbildung einer evangelischen Truppe von Pflegern und Pflegerinnen des Volkes in allen seinen körperlichen und geistigen Nöten, ich möchte nicht sagen freiere, wohl aber höhere Wege gesucht hätte, auf denen in ganz anderer Weise, als es jetzt der Fall ist, die Gesamtheit der ihrem Herrn in Wahrheit ergebenen Christenheit sich vor den Wagen des Elends gespannt hätte. Aber zum Reformator von Instituten, die bei allen Schranken, welche ihnen anhaften, doch schon einen Stempel reichen göttlichen Segens an sich trugen, hat sich Vater nie berufen gefühlt.

3. Wilhelm Heermann.

Oft hat Vater den Gedanken abwehren müssen, daß er der Begründer der Anstalt gewesen sei. Er war ja tatsächlich erst eingetreten, als der erste Anfang bereits fünf Jahre zurücklag. Wenn er aber gefragt wurde, wer denn eigentlich der Begründer gewesen sei, wen sollte er da nennen? Er hätte manche Namen aus Rheinland und Westfalen anführen müssen, die in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bei den ersten Fundamenten zusammengewirkt hatten und für die Pastor Balke aus Rheydt der öffentliche Sprecher geworden war. Balkes Bild behielt darum in Vaters Zimmer seinen Platz.