Bei den Andachten, die er regelmäßig in den Krankensälen hielt, ging ihm sein Freund und Gesinnungsverwandter, der alte Schmied Pöppelmeier, zur Hand, der die Lieder vorsagte und die Texte verlas, die dann von Heermann ausgelegt wurden.

Im Sterben ließ sich Heermann noch einmal das 53. Kapitel des Buches Jesaia von Vater vorlesen. Als der Vers kam: „Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilet”, rief er: „Halleluja, Halleluja!” Es ging uns schon als Kindern stets durch und durch, wenn Vater, wie er es immer wieder tat, in seinen Predigten von diesem Halleluja des sterbenden Mannes erzählte. Wir konnten das tiefe Geheimnis, weshalb gerade über diesen Versen ein Sterbender jubeln konnte, noch nicht mit dem Verstande fassen, aber unsere Seele ahnte etwas von diesem beseligenden Glauben.

Bedeutsam aber bleibt, daß Vater diesem schlichten Mann des Volkes vor andern grundlegenden Einfluß zuschrieb für die Bereitung des Bodens, auf dem die Anstalt erwuchs.

4. Pastor Stürmer.

Die Arbeit wuchs von Jahr zu Jahr, und Vater hatte Hilfe nötig. Zu suchen brauchte er eigentlich nicht mehr. Bei Gelegenheit eines Missionsfestes, zu dem er von Dellwig aus gereist war, hatte er in Bruchhausen an der Weser den damaligen Hilfsprediger Hermann Stürmer kennen gelernt. Fast auf der Stelle hatte er Herzensfreundschaft mit ihm geschlossen und ihn nach Dellwig eingeladen. Er bedurfte dort der Entlastung, weil mit dem Tode seines Kollegen Philipps außer allen andern Pflichten, die er übernommen hatte, die ganze Gemeindearbeit sich auf ihn gelegt hatte. Stürmer kam und erlebte jene erschütternden dreizehn Tage, in welchen den Eltern alle ihre vier Kinder genommen wurden. Er ist ihnen damals ein großer Trost gewesen, und das gemeinsam erlebte tiefe Leid verband alle drei zu unlöslicher Freundschaft.

Die Anstalten in Ducherow in Pommern waren zu jener Zeit durch manche Schwierigkeit gegangen. Vater hatte von Dellwig aus bei der Ordnung der Verhältnisse an Ort und Stelle mitgeholfen, hatte sich aber nicht entschließen können, selbst nach Ducherow überzusiedeln. Statt seiner empfahl er seinen Freund Stürmer. Nach siebenjähriger Tätigkeit in Ducherow kam dann Stürmer, der sich inzwischen verheiratet hatte, nach Bethel. Es war natürlich ein großes Ereignis für uns Kinder, als unsere beiden Anstaltsschimmel Max und Hektor den neuen Pastor mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Töchtern im Kutschwagen den Berg herauf vor unser Haus zogen.

Wir Kinder haben vom ersten Augenblick dem Pastor und der Pastorin Stürmer den größten Respekt entgegengebracht. In Stürmers äußerer Erscheinung lag nichts Imponierendes, aber Ruhe, Klarheit und eine unerschütterliche Treue standen ihm auf dem Angesicht geschrieben. Die Pastorin aber war in ihrem ganzen Wesen von einer Schlichtheit, Milde und Herzensgüte, daß man sie nur zu sehen brauchte, um ihr Verehrung entgegenzutragen. Daß auch mit den Kindern dieser Eltern uns bald eine herzliche Kameradschaft verband, versteht sich von selbst.

Vor allem entlastete Pastor Stürmer unsern Vater in der Arbeit an den Epileptischen. Was Vater bei seinem zunehmenden Pflichtenkreis nicht mehr so, wie er es wünschte, gekonnt hatte, tat jetzt Stürmer: er nahm sich der einzelnen Stationen und der einzelnen Epileptischen an. Wenn Vater sich oft nur so viel Zeit genommen hatte, das Feuer der Erregung, das bei Epileptischen so leicht auflodert, durch ein kurzes gütiges oder, was auch nicht ausblieb, strenges Wort rasch zu dämpfen, so nahm Pastor Stürmer sich die Muße, dem Herde des Feuers nachzugehen und ihn in seiner Tiefe aufzudecken. So machte es einst einen großen Eindruck auf mich, als ich ihn einmal in seinem Arbeitszimmer mit einem epileptischen Kranken zusammen fand. Er hatte die Bibel auf seinen Knien und suchte darin, bis er den Spruch fand, den er dem Kranken als Arznei mitgab. Das war überhaupt seine Regel: wenn irgend die Fassung des Kranken noch ausreichte, führte er ihn in die Schrift und stellte damit die unruhvolle Seele des Epileptischen auf den festen, unerschütterlichen Grund der ewigen Wahrheit und des ewigen Friedens.

Wie bei den einzelnen hielt er es auch auf den Stationen. Nicht um sich sammelte er die Kranken, nicht an seine Person fesselte er sie, sondern immer war es die Person des Heilandes und die Majestät Gottes, die er an der Hand irgend eines Schriftwortes vor die Kranken hinstellte und damit die tiefsten Wirkungen erzielte.

Daneben war es die Musik, die er unter den Epileptischen pflegte. Auch hierin ergänzte er Vater, der es auf dem musikalischen Gebiet nicht weiter gebracht hatte, als daß er mit einem Finger eine Melodie tippen konnte. Die kleine Orgel, die einst in der Hügelkirche in Paris gestanden hatte, war bei dem Erweiterungsbau überflüssig geworden und stand nun im Speisesaal von Groß-Bethel. Um diese Orgel sammelte Stürmer den Chor der Epileptischen. Der 126. Psalm — „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird” —, mit dem bis heute dieser Chor viele Herzen ergreift, ist von Pastor Stürmer zuerst eingeübt worden.