Auch die Aufnahme der Epileptischen übernahm Pastor Stürmer, insbesondere die Festsetzung der Pflegegelder. Es war vom ersten Augenblick an Vaters Grundsatz gewesen, keinen Epileptischen um des Geldes willen abzuweisen. Aber seine Güte war doch nicht selten mißbraucht worden, namentlich auch von Gemeindeverwaltungen, die sich den Pflichten gegen ihre Gemeindekinder zu entziehen suchten und den Wohltätigkeitssinn der Freunde der Epileptischen ausnutzten. Jetzt sind die Leistungen der Gemeinden, soweit diese zur Unterbringung ihrer epileptischen und geisteskranken Eingesessenen verpflichtet sind, fest durch das Gesetz geregelt. Damals war es nicht so. Und Pastor Stürmer ging mit zäher Treue allen Quellen nach, die zum Unterhalt der Epileptischen beitragen konnten.

Während die Schwestern in Vater ihren Leiter behielten, wurde Pastor Stürmer der Leiter der Brüder. Doch blieb das feste Band dadurch erhalten, daß Vater bei den Brüdern eine oder zwei Unterrichtsstunden gab, Stürmer umgekehrt bei den Schwestern. Rascher als Vater drängte Stürmer zur Klärung und Entscheidung. Vaters unermüdliche Geduld konnte nicht anders, als immer und immer wieder zu warten, ehe er eine Schwester oder einen Bruder, die ungeeignet schienen, veranlaßte zurückzutreten. Er hat damit, wie schon gesagt, den Diakonissen und Diakonen, die Tag für Tag mit solchen ungeeigneten Kräften zu tun hatten, oft Außerordentliches zugemutet, hat freilich so auch ihre Schultern im Tragen und Ertragen gestählt und manche derartige Kraft mit seiner unermüdlichen Geduld innerlich überwunden und dadurch der Arbeit erhalten, die sonst verbittert ihres Weges gegangen wäre.

Stürmer hatte diese Art nicht. Unlautere Elemente wurden unter den Brüdern schneller ausgeschieden als unter den Schwestern; und das war auch gut, da die Geduld des Mannes von Natur kürzer ist als die der Frau und die Brüderschaft zu stark in ihrer Arbeitsfreudigkeit gehemmt worden wäre, wenn Pastor Stürmer nicht immer wieder schnell die lauen Elemente abgewehrt hätte.

Seine Entschiedenheit trug er natürlich auch in die Schwesternstunden hinüber und ergänzte so Vater in der Erziehung der Schwestern, wie umgekehrt Vater manche Herbigkeit glätten konnte, die Stürmers Arbeit an den Brüdern mit sich brachte.

Stürmers Predigten, die er abwechselnd mit Vater hielt, machten auf Kranke und Gesunde tiefen Eindruck durch die Kraft und Innerlichkeit der Überzeugung, die von ihnen ausging, auch wenn sie nicht immer von allen verstanden wurden. Namentlich waren es Stürmers Unterrichtsstunden, vor allem auch der Konfirmandenunterricht der epileptischen und gesunden Kinder, wodurch er der ganzen Gemeinde zum großen Segen wurde. Pastor Wilm, jetzt am Diakonissenhause in Witten, dem Stürmer als väterlicher Freund nahe stand, hat mit dem Titel „Unter dem Rauschen des Gottesbrünnleins” (erschienen in der Buchhandlung der Anstalt Bethel) Auszüge aus den Predigten und Stunden Stürmers herausgegeben. Wer Stürmer ganz verstehen und einen Eindruck empfangen will von der tiefen Kraft, die von diesem stillen Mann in die Gemeinde ausging und bis heute fruchtbar geblieben ist, der muß zu diesem Büchlein greifen.

Die Texte, über die die Predigten und Ansprachen gehalten wurden, verabredeten die beiden miteinander, und Pastor Stürmer hielt sich unerschütterlich daran. So waren einmal für die Abendgottesdienste der Passionswoche die sieben Worte Jesu am Kreuz festgelegt worden, und auf den Abend des Palmsonntags, als des ersten Tages der Passionswoche, fiel das erste Wort: „Vater, vergib ihnen.”

Nun traf es sich, daß an diesem selben Tage unsere Eltern ihre silberne Hochzeit feierten. Vater hatte am Morgen den Gemeindegottesdienst gehalten; am Abend sollte die Feier sein, in welcher Pastor Stürmer die Freude und die Wünsche der Gemeinde zum Ausdruck bringen sollte. Man erwartete einen besonderen Freudentext. Aber nein, Stürmer blieb bei dem, was einmal festgelegt war: „Vater, vergib ihnen.” Und es ergab sich, daß der geistvolle Mann in zartester Weise in die Behandlung des Textes die tiefsten Erfahrungen und die ganze Lebensgeschichte der Eltern einflocht, die im Grunde aus der Vergebung der Sünden heraus ja in nichts hinauslief als in Leben und Seligkeit. „Denn wo Vergebung der Sünden ist, da ist Leben und Seligkeit.” Auf diese beglückendste Wahrheit stellte Stürmer an diesem Abend das Leben der Eltern und mit ihnen der ganzen Gemeinde und traf so in der Tat den festlichsten Ton.

Die unerschütterliche Freundestreue und tiefe Verehrung, die Stürmer gegen Vater erfüllte, brachte es mit sich, daß er bei Tag und Nacht bereit war, Vater zu entlasten und zu ergänzen. Es gab keine Reise, keine Predigt, keine Stunde, die Vater nicht in jedem Augenblick, wenn ihm Hindernisse dazwischen kamen, auf ihn übertragen konnte. Wie oft sind wir Kinder hinübergesprungen durch den Garten des Diakonissenhauses ins zweite Pfarrhaus, um solch ein Anliegen zu überbringen, und immer wurde es mit derselben Willigkeit aufgenommen, trotzdem der treue Mann vielfach unter schwersten Kopfschmerzen litt, die ihm die Arbeit zur Qual machten. Aber klagen hat man ihn nie hören.

Die epileptischen Kranken hatten nach wie vor auch bei Vater zu jeder Zeit und Stunde freien Zutritt. Aber immer wieder konnte er sie dann Pastor Stürmer zur gründlicheren Behandlung aller ihrer Klagen zuweisen. Oft war das Sprechzimmer Stürmers mit Epileptischen gefüllt, die rings um ihn her saßen. Er pflegte dann wohl in großer Gemütsruhe von der eingegangenen Post einen Brief nach dem andern mit dem Bleistift aufzurollen, — denn um den Umschlag wieder verwenden zu können, zerschnitt er ihn niemals — und während dessen hörte er einen Wunsch nach dem andern an. Aber auch für die gesunden Anstaltsglieder blieb das Stürmersche Haus ein stets weitgeöffneter Ruheport und für die Gäste, die kamen, eine nie sich schließende Herberge zur Heimat. Das war namentlich in den Zeiten, wo der leidende Zustand unserer Mutter unser Haus in die Stille versetzte, eine große Wohltat für unsere Eltern.