In der selbstlosen Hingabe an sein Amt und in der wahrhaft großartigen Freundestreue gegen unsern Vater verzehrte sich Stürmers Kraft. Während eines Familienabends bei den epileptischen Damen in Bethanien erlitt er 1895 einen Schlaganfall, von dem er sich nicht wieder erholte. „Es ist schwer, nichts zu sein”, seufzte der tätige Mann wohl gelegentlich. Als er im Herbst 1899 erlöst war, rief Vater an seinem Grabe: „Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan, ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt.” Das ging uns durch Mark und Bein. Seine Witwe erkrankte an der Gicht, die schließlich zur völligen Lähmung führte, aber bis zu ihrem Tode mit einer Stille und Geduld getragen wurde, die in der Gemeinde fortwirken.

5. Otto Mellin.

Das Kassenwesen der Anstalt forderte bald eine besondere Kraft. Wen sollte Vater rufen? Auch diesmal wieder, wie bei Pastor Stürmer, war ihm die Qual der Wahl erspart. Seit seiner Landwirtszeit in Hinterpommern war er mit seinem seelsorgerlichen Freunde Mellin verbunden geblieben. So kam der schon ergrauende Mann zu uns und bezog die beiden warmen Südzimmer im Giebel unseres Pfarrhauses. Erst als er längst seine Augen geschlossen hatte und wir Kinder erwachsen waren, deutete Vater einmal an, durch welche tiefen Versuchungen „Onkel Mellin”, wie wir ihn nannten, gegangen war, längst ehe er ihn kennen gelernt hatte. In der Tiefe hatte ihn Gottes Gnadenstrahl getroffen, und nun lag ein Abglanz davon auf seinem Angesicht und in seinem Wesen.

Wir Kinder hatten ein unbegrenztes Vertrauen zu ihm. Immer konnten wir bei ihm eindringen. Aus den alten Aktenstücken seines Papierkorbes drehte er uns herrliche lange Posaunen, und wenn er sich auch gar nicht mit uns beschäftigte, so war es uns schon eine Wohltat, in der Nähe dieses friedevollen Mannes uns aufhalten zu können. Als es sich zeigte, daß die Kassenstube im unteren Teil der Stürmerschen Wohnung günstiger lag als bei uns, siedelte Mellin dahin über, und von dort aus ist er vielen Anstaltsgenossen, jungen und alten, namentlich auch den Diakonen ein seelsorgerlicher Freund geworden, gerade so wie einst in seinem Posthalterstübchen in Hinterpommern der Landjugend und den jungen Landwirten.

Es bleibt beachtenswert, wie Vater von vornherein die tiefsten, innerlichsten Persönlichkeiten, die in seinem Gesichtskreis lagen, zur Mitarbeit heranzog, nachdem sie längst vorher in seinen Lebensweg gestellt waren. Und daß ihm gerade für das scheinbar so äußerliche Gebiet der Geldangelegenheiten die tiefe Persönlichkeit Otto Mellins sich darbot und beide sich ganz verstanden, war von unauslöschlicher Bedeutung für den Fortgang der Arbeit.

Wer die heutige Entwicklung der Anstalten überschaut, der fragt sich, woher die Mittel kamen und wie es möglich war, daß so große Mittel unserm Vater anvertraut wurden. Das Geheimnis lag in der persönlichen Freiheit Vaters dem irdischen Besitz gegenüber. Er hatte für seine Person kein Geld nötig. Er hatte nie Geld bei sich. Ging er auf Reisen, so legte ihm unsere Mutter das Portemonnaie zurecht. Aber auch so kam es vor, daß er es liegen ließ. Dann borgte er sich unterwegs das Nötige; und die Leute gaben es ihm. Als er einmal zur bestimmten Stunde in Potsdam zu einer Audienz beim späteren Kaiser Friedrich, dem damaligen Kronprinzen, sein mußte und auf dem Potsdamer Bahnhof in Berlin sich die Fahrkarte lösen wollte, entdeckte er, daß seine Tasche leer war. Kurz entschlossen legte er die goldene Uhr seines Vaters hin. Aber ein Reisender, der hinter ihm stand, legte den Fahrpreis neben die Uhr, und Vater konnte Uhr und Fahrkarte einstecken.

Es war für uns Kinder immer ein Schmerz, gar nichts zu wissen, was wir unserm Vater zum Geburtstag oder zu Weihnachten schenken sollten. Er hatte nichts Asketisches an sich, aber er ließ sich wirklich an Nahrung und Kleidung genügen und hatte darüber hinaus keine Wünsche und keine Bedürfnisse. Doch diese Freiheit den irdischen Dingen gegenüber machte ihn keineswegs unsorgsam. Er rechnete immer, wenn er nach Hause kam, ab. Jede, auch die kleinste Gabe wurde sofort notiert und in Verwahr gegeben. Auch für uns Kinder verstand es sich von selbst, daß wir über das kleine Taschengeld, das wir bekamen, sorgsam Buch führten. Beides, die sorgliche Harmlosigkeit dem Gelde gegenüber und die große Sorgsamkeit, die er ihm zugleich widerfahren ließ, hatte bei Vater in Gott seinen Grund. Gott lebt und gibt; was brauche ich zu sorgen um das Geld? Gott aber gibt das Geld, also bin ich sorgsam; denn ihm gehört beides, Silber und Gold, darum bin ich ihm auch für den kleinsten Pfennig verantwortlich.

So spürte man es Vater ab: bei ihm ist das Geld wirklich in guter Hand. Ihm können wir es anvertrauen. Er braucht es nicht zu unnützen Zwecken, nicht zum eigenen Vorteil, nicht zum eigenen Ruhm. Hier wird wirklich das Geld, das so selten Gutes stiftet, aus einem Fluch zum sorgsam verwalteten Segen. Hier wird aus dem harten Tyrannen ein Diener des Erbarmens.

Aber auch diese Verwaltung und Verwendung des Geldes innerhalb der Anstalt geschah unter dem Gesetz der Freiheit, in der innerlichen Unabhängigkeit vom Gelde, und nie wurde mit Rücksicht auf das Geld etwas unterlassen, was wirklich von der Liebe gefordert wurde. Die Liebe sollte regieren, nicht das Geld. „Nie”, sagte Vater einmal, „soll das Geld Königin sein, sondern die Barmherzigkeit. Hierbei werden die Anstalten sich auch materiell am besten stehen.” Darum wurde auch für die einzelnen Haushaltungen kein bindender Haushaltsplan aufgestellt. Es ging auf Treu’ und Glauben, wie beim Bau des ersten Tempels in Jerusalem. Dem einen Hauselternpaar war die Gabe gegeben, mit wenigem auszukommen. Gut, wenn es sich nur keinen Ruhm daraus machte, sich nicht vom Sparsamkeitsteufel ergreifen und die Liebe darüber sterben ließ. Dem andern Hauselternpaar wollte es trotz aller Mühsal nicht gelingen, mit dem Monatsgelde auszukommen. Was schadete es, wenn es sich nur nicht von ängstlicher Sorge fassen ließ und darüber für sich und die Kranken den Frieden einbüßte.