So konnte es vorkommen, daß Vater für den geschickten Hauswirt am meisten bangte, mit dem ungeschickten am meisten Rücksicht übte. Denn bei jedem sah er nicht auf das Geld, sondern auf die Barmherzigkeit. Gegen Verschwendung in jeder Gestalt war er unerbittlich. Wie oft haben wir es gesehen, wie er einen halben Backstein, der am Wege lag, aufhob und an seinen Platz trug. Wie oft hat er immer wieder zur Treue gerade in den kleinen und kleinsten Dingen ermahnt. Aber niemals um der materiellen Ersparnis willen, sondern weil Gott gerade auch das Kleinste nicht gering geachtet sein läßt.

In dieser seiner Freiheit und seiner Gebundenheit gegenüber dem irdischen Gut sich von Mellin verstanden zu wissen, mit ihm darin völlig eins zu sein, das bedeutete für Vater und die ganze Arbeit eine unermeßliche Wohltat. Und dieser Sinn der unbedingten Freiheit und ebenso unbedingten Treue gegenüber dem ungerechten Mammon wurde nun von Mellin durch seinen täglichen Dienst den einzelnen vermittelt. Damit wurde der Grund gelegt einerseits zu einer Sparsamkeit im Kleinen und Kleinsten, die manche Haushaltung zu einer Musterwirtschaft machte, andererseits aber auch zu einer Freiheit und Weite, die das Geld zu einer Dienerin der Liebe machte und seine harte Tyrannei, die sich so oft in den Mantel der Sparsamkeit hüllt, nicht aufkommen ließ.

Mellin erlebte noch den Bau der Zionskirche, zu der so viele kleine und große Gaben aus aller Welt Enden durch seine Hand gegangen waren. An einem Sonnabendabend im Sommer 1884 ging er mit uns durch den Buchenwald zum Bauplatz hinaus, und ich sehe noch das strahlende Angesicht, mit welchem er in unserer Mitte stehend zu dem Balkenwerk emporsah, das kurz vorher gerichtet war. Am nächsten Tage besuchte er auswärts einen leidenden Freund und kehrte erst abends zurück. Am andern Morgen blieb seine Tür verschlossen. Als man sie öffnete, fand man den treuen alten Mann entschlafen. Auf seinem Tisch lag der kleine Bogatzky, der auch für ihn, gerade so wie für unsere Eltern, der Freudenmeister der täglichen Buße und des täglichen Glaubens geworden war. Ich blätterte darin herum und fand, wie er jeden Tag, an welchem er zum heiligen Abendmahl gegangen war, besonders bezeichnet hatte: „Heute zum Tisch des Herrn.” Ein treuer Knecht seines Herrn, im Irdischen und im Himmlischen. „Ei, du frommer und getreuer Knecht — gehe ein zu deines Herrn Freude!” Zwischen den Gräbern der Diakonen ist noch heute sein Grab zu finden.

6. Die Ärzte.

Bis zum Jahre 1887 waren es Bielefelder Ärzte, die nebenamtlich die Kranken der Anstalt besuchten, erst Dr. Tiemann, dann, als seine Nachfolger, die Doktoren Bertelsmann und Müller-Warneck, beide alten Bielefelder Familien entstammend. Sie kamen immer erst in der Mittagsstunde, nachdem sie ihre Kranken in der Stadt besucht hatten. Jeder hatte eine Abteilung im Diakonissenhause und einige Abteilungen der Epileptischen. Die Epileptischen-Abteilungen wurden nicht täglich, sondern, abgesehen von besonderen Fällen, nur zwei- oder dreimal die Woche besucht. So waren die Besuche der Ärzte in den Anstaltshäusern verhältnismäßig schnell erledigt. „Unsere lieben Ärzte haben nicht viel zu tun,” hörte man Vater in jener Anfangszeit öfter sagen, „die Brüder und Schwestern machen die Hauptsache.”

Es ist später wohl der Vorwurf erhoben worden, es wäre in jener ersten Zeit auf ärztlichem Gebiet zu wenig geschehen. Aber damals waren die eintretenden Kranken meist solche, an denen alle ärztliche Kunst sich bereits umsonst abgemüht hatte. Allmählich änderte sich das, und namentlich das Gesetz über die Fürsorge für Epileptische und Geisteskranke vom Jahre 1891 brachte es mit sich, daß mehr und mehr auch die frischeren Fälle der Epilepsie zur Behandlung kamen. Die Erweiterung der Anstalt durch die Errichtung sogenannter geschlossener Häuser für Epileptische und Gemütskranke gab vollends dem Krankenbestand gegenüber den ersten Anfängen ein ganz verändertes Gesicht. Damit war die feste Anstellung vermehrter ärztlicher Kräfte, die im Hauptamte standen, gegeben. Ihnen folgte Schritt auf Schritt ein umfassender wissenschaftlicher Apparat, der es ermöglichte, auf der Höhe der wissenschaftlichen Forschung zu bleiben und ihre Ergebnisse zur engeren und weiteren Anwendung zu bringen.

Doch liegt auch für das Urteil des Arztes die Bedeutung des Anstaltsaufenthaltes bei den Epileptischen nicht in erster Linie in der medizinischen Behandlung, sondern vielmehr in der neuen Atmosphäre, die sie umgibt. Das Leben der Zurückgezogenheit, der Einsamkeit, der Arbeitslosigkeit, der Aussichtslosigkeit hat für die Epileptischen mit ihrem Eintritt in die Anstalt ein Ende; eine feste, ärztlich geregelte Tagesordnung mit dem gleichmäßigen Wechsel von Arbeit und Ruhe nimmt sie auf; wachsame Augen der Pfleger und Pflegerinnen sind für den Augenblick des Anfalls zur Stelle, und das Zusammenleben mit Leidensgenossen wirkt keineswegs, wie vielfach angenommen wird, niederdrückend, sondern beruhigend und ablenkend. Die Kranken werden gelehrt, den Pflegern und Pflegerinnen zur Hand zu gehen, bei den Schwindeln und Anfällen ihrer Mitkranken selbst mit zuzugreifen und schwerer Leidende in besondere Obhut zu nehmen, sodaß sich ihnen immer wieder die Wahrheit bewährt: „Drückt dich eine Last, nimm eine fremde hinzu! An beiden wirst du leichter tragen, als an deiner allein.” Aber natürlich gehört dazu, daß die Diakonen und die Diakonissen, die einer solchen Krankenstation vorstehen, sich nicht selbst vom Krankenelend überwinden lassen, sondern mit fröhlichem Herzen dem festgeordneten Tageslauf Geist und Leben einhauchen. Und insofern behielt Vater bis heute recht, wenn er sagte: „Die Schwestern und Brüder tun die Hauptsache.”

Sie sind ja auch die einzigen, die dem Arzt aus ihren Beobachtungen heraus genauen Bericht über Stimmung und Zustand des einzelnen Kranken geben können. Sie haben die für die ärztliche Behandlung notwendige Liste über die Schwindel und Anfälle zu führen, die bei jedem einzelnen Kranken im Laufe des Tages und der Nacht vorgefallen sind. Darum ist gerade bei den Epileptischen ein zuverlässiges Pflegepersonal die Grundbedingung einer gedeihlichen ärztlichen Behandlung.

Schon wenige Jahre nach seinem Eintritt in Bethel schrieb Vater für die Diakonen und Diakonissen eine Berufsordnung, welcher er ältere Arbeiten ähnlicher Art zugrunde legte, die er durch eigene Gedanken ergänzte. Diese Berufsordnung wurde jedem einzelnen Diakonen und jeder Diakonisse in die Hand gegeben und diente zugleich als Hilfsbuch bei den wöchentlichen Berufsordnungsstunden. Vater hat darin immer wieder Pflegern und Pflegerinnen die sorgsame Unterordnung unter den Arzt zur freudigen Pflicht gemacht und sowohl Brüdern wie Schwestern die Neigung genommen, selbst den Arzt spielen zu wollen.

Auch er seinerseits hat sich an die in der Berufsordnung aufgestellten Regeln gebunden. Nie hat er in die Befugnisse des Arztes eingegriffen. Für seine Person war er am liebsten sein eigener Arzt. Seine gründliche Morgenwäsche und sein Trunk frischen Wassers vor dem Morgenfrühstück und dem Nachmittagskaffee waren seine vorbeugenden Medikamente, die sich in hohem Maße bei ihm bewährten. Aber nicht einmal auf diesem einfachsten hygienischen Gebiet hat er je einem Kranken Ratschläge gegeben. Alle diese Dinge überließ er ganz dem Arzt. Für ihn war die Krankheit selbst im Grunde das große Heilmittel, das Gott zur innersten Genesung verordnet hatte. Diesem Heilmittel lehrte er trauen und stillhalten und schließlich dafür danken.