So waren die Gebiete des Seelsorgers und die des Arztes völlig getrennt. Eines lag neben dem andern. Auf dem einen Gebiete, dem des Arztes, war die Krankheit der Feind, der bekämpft werden mußte. Auf dem andern Gebiet, dem des Seelsorgers, war sie der Freund, für den man dankte. Aber gerade so wurde Vater der wirksamste Bundesgenosse des Arztes, indem er die Krankheit innerlich überwinden half und damit die tiefsten Kräfte des Kranken weckte, so daß er den Anordnungen des Arztes sich nicht mit ängstlicher Sorge oder stumpfer Gleichgültigkeit fügte, sondern mit der Gelassenheit des Geistes, die die beste Hilfe ist zur Genesung. Bei dieser innerlichen Trennung der Gebiete waren Zusammenstöße nicht denkbar, und die sachliche Scheidung ermöglichte die freundschaftlichen Beziehungen auf persönlichem Gebiet, wie sie seit jenen ersten Tagen zwischen Vater und den Ärzten bestanden.
Rückblickend darf hier wohl gesagt werden, daß die große Pietät und die tiefe Achtung fremden Arbeitsbereichen gegenüber für Vater ein Hindernis bedeuteten, auf dem Boden der Gesundheitspflege neue Wege einzuschlagen. Ein Reformator war er eben auch auf diesem Boden nicht und wollte er auch nicht sein. Das hätte zu Kämpfen führen können, die möglicherweise den Frieden innerhalb der Anstaltsleitung gefährdet hätten. Aber Kämpfen auf Gebieten, die ihm nebensächlich erschienen, ging Vater aus dem Wege, um so Wichtigeres zu erreichen: die innere Harmonie der gesamten Arbeit.
Als vollends auch das Diakonissenhaus zu erheblichen Erweiterungen seiner Krankenanstalt gezwungen wurde, um für die wachsende Zahl seiner heute 1600 Diakonissen umfassenden Schwesternschaft die Möglichkeit zu gründlicher und allseitiger Ausbildung zu gewinnen, erweiterte sich der Kreis der im Hauptamt stehenden Ärzte noch um weitere Mitglieder, so daß ihre Zahl heute auf zehn gestiegen ist, ohne die Assistenten und auch ohne Spezialisten, die in Bielefeld ihren Sitz haben und von dort aus ihre täglichen Sprechstunden in Bethel abhalten.
Den Vorsitz im Ärzte-Kollegium führt seit nun 35 Jahren der ehrwürdige Geheimrat Huchzermeier. Sein Name braucht nur genannt zu werden, um eine Fülle der trautesten Bilder auftauchen zu lassen. Er war für Vater in Krankheitszeiten nicht nur der Arzt, sondern zugleich der fürsorgendste Freund, und so ist er es für viele Kranke gewesen und geblieben. Seinen Spuren sind dann auch seine Kollegen gefolgt.
Es ist für die Ärzte der Anstalt nicht immer leicht gewesen, sich in die Tatsache zu finden, daß die Oberleitung nicht in ärztlichen Händen lag; aber der Verzicht, den sie übten, ist ihnen entgolten worden nicht nur dadurch, daß sie von den oft so zerreibenden Verwaltungsgeschäften befreit blieben und sie ungehindert sich ihrem eigentlichen Beruf widmen konnten, sondern noch viel mehr dadurch, daß ihnen für ihre hingebende Arbeit ein volles Maß von Liebe und Dankbarkeit von Kranken und Gesunden entgegenströmte. So wurden sie vielfach in höherem Maße als die mit Nebenarbeiten überlasteten Anstaltspastoren die hochgeschätzten Berater und Freunde der Kranken.
Der Anstaltsvorstand.
Vater wurde einmal gefragt: „Wem gehören die Anstalten eigentlich?” Er antwortete: „Der ganzen Christenheit.” Aber die Christenheit brauchte Beauftragte, die in ihrem Namen und für sie den Besitz verwalteten. Das waren die Vorstände der einzelnen Anstalten. Jede Anstalt, wie bereits berichtet, hatte ihren Vorstand für sich, Bethel, Sarepta, Nazareth, und jeder einzelne Vorstand besaß und vertrat die Rechte einer juristischen Person. Er konnte Beamte berufen, Käufe und Verkäufe schließen, Anträge auf Bewilligung von Bauten und Kollekten stellen usw.
Warum — so wurde des weiteren oft gefragt — sind denn drei Vorstände nötig, wenn doch die Anstalten ganz dicht neben einander liegen und alle drei im Grunde den gleichen Zweck verfolgen? Und warum vollends drei Vorstände beibehalten, wenn doch, wie es in der Tat der Fall war, die Mitglieder des einen Vorstandes meist zugleich die Mitglieder des andern waren?
Auf solche Fragen legte Vater die Vorteile auseinander, die in der Beibehaltung der Dreiteilung lagen: Wohl waren die Vorstandsmitglieder der einzelnen Anstalten der Regel nach dieselben, aber der auswärtige Freundeskreis der drei Anstalten war nicht immer der gleiche. Es gab Kreise, die von Anfang an für die Epileptischen mitgearbeitet hatten, aber der Diakonissenarbeit fernstanden, und umgekehrt. Es gab auch solche, denen die Diakonissenarbeit vor andern am Herzen lag, die aber von der Diakonenarbeit kaum etwas wußten. Diesen Kreisen jedesmal das gleiche Interesse an allen drei Arbeitsgebieten zuzumuten, wäre zu viel verlangt gewesen. Die Schultern wären überlastet worden, und das Interesse wäre erlahmt. Hier galt wirklich das Wort: Ein Teil ist mehr als das Ganze.