Dazu kam das unmittelbar wirtschaftliche Interesse. Jede juristische Person konnte für ihr Gebiet besondere Bitten aussprechen, besondere Anträge auf Gewährung von Beihilfen aus öffentlichen und aus privaten Mitteln stellen. Wäre es, statt drei, nur eine juristische Person gewesen, so hätte die Einbuße an Beihilfen aus öffentlichen und privaten Mitteln eine beträchtliche sein müssen. Darum blieb die Dreiteilung erhalten und hat sich bis heute bewährt.
Nun ist es von hoher Bedeutung gewesen, daß die Vorstände dieser drei juristischen Körperschaften sich aus Persönlichkeiten zusammensetzten, die mit größter Treue und Hingabe das Werk von Anfang an auf Herz und Gewissen trugen.
Von diesen Vorstandsmitgliedern wurden der Kommerzienrat Gottfried Bansi und Pastor Simon bereits erwähnt. Bansis Großvater stammte aus dem Engadin in der Schweiz, von wo er, wie so viele Engadiner, als Bäcker ins Ausland gegangen war. Seine Wanderschaft hatte ihn nach Bielefeld geführt, und hier war er haften geblieben. Er hatte aus seiner Schweizer Heimat die Kenntnis der würzigen Kräuter mitgebracht und daraus ein Magenmittel bereitet, das noch heute gern gebraucht wird und dessen Vertrieb zur Entwicklung eines angesehenen Geschäftes führte. Unvergeßlich wird Bansis kleine, fast schüchterne Erscheinung allen bleiben, die noch in jene Anfangszeiten zurückschauen können. Er war wie einer, der sich nie ganz zu Hause fühlte, weder in seinem Geschäft noch in Bielefeld, sondern sich immer heimlich zurücksehnte in die schlichteren Verhältnisse der Heimat seiner Väter, und der den verborgenen Schmerz zu übertäuben suchte durch rastlose Hingabe an andre. Für wie viele ist er im Verborgenen ein Wohltäter gewesen, und mit welch unermüdlicher Treue hat er durch Jahre hindurch den Vorsitz in den Sitzungen des Vorstandes geführt!
Neben Bansi taucht die hohe Gestalt des Pastors Simon auf, der später Jahrzehnte hindurch Superintendent der Synode Bielefeld war. Auch er war kein Westfale, sondern ein Hesse von Geburt. Ein Germane von Kopf bis zu Fuß, wie ein Recke, mit einer Löwenstimme und dann wieder zart und sanft wie ein Kind. Er besaß ein großes Geschick in geschäftlichen Angelegenheiten und hatte in den fünf ersten Jahren von 1867 bis 1872, während welcher er die Anstalt leitete, eine gesunde Grundlage gelegt, auf der er bis zu seinem Tode 1912 weiterbauen half.
Dann kam wieder ein Kaufmann, der Kommerzienrat Hermann Delius, eine patriarchalische Gestalt, der seinen Bart wie der alte Kaiser Wilhelm I. trug, und an dem wir Kinder mit ehrfürchtiger Scheu emporsahen. Er war in ruhiger, sachlicher Vornehmheit der Vertreter des alten Leinenhandels Bielefelds. Seine Mutter gehörte zu jenen Frauen Bielefelds, in denen sich das neuerwachte Glaubensleben in besonderer Kraft entfaltet hatte. Der Segen der Mutter hatte sich auf den Sohn fortgeerbt und kam nun durch diesen den Arbeiten des Vorstandes zugute.
Pastor Jordan, ebenfalls Mitglied des Vorstandes, war Vaters Kriegskamerad aus den Feldzügen 1866 und 1870. Er stand an der Neustädter Kirche, in unmittelbarer Nachbarschaft der Anstalt. Unter der Kanzel noch wirksamer als auf der Kanzel, war er in seiner Gemeinde der väterliche Freund und Berater von hoch und niedrig und behielt daneben immer noch Zeit übrig, der jungen Anstalt in unermüdlicher Hilfsbereitschaft als treuer Nachbar zur Seite zu stehen. Als Herausgeber des Sonntagsblattes hat er ihr jahrelang auch mit der Feder wertvolle Hilfe gebracht.
Der geschäftliche Kleinbetrieb der Vorstandsangelegenheiten, soweit er Ankauf und Verkauf betraf, lag seit den ersten Anfängen in den Händen des Kaufmanns Heinrich Bökenkamp. Er vereinigte in seiner Person die Klugheit des Landmannes mit der Gewandtheit des Kaufmanns und hat ganz in der Stille, je mehr sich die Aufgaben und der Besitz der Anstalt ausdehnten, ganz unschätzbare Dienste geleistet.
Es wären noch weitere Namen zu nennen, so der ehrwürdige Kaufmann Coesfeld, der erste Anstaltsarzt Dr. Tiemann, dessen Namen Vater immer mit besonderer Dankbarkeit nannte, u. a. Aber ihre Gestalten sind schon fast in der Erinnerung verblaßt oder gar verschwunden. Der einzige noch Lebende von den Vorstandsmitgliedern jener ersten Zeit ist Direktor Mohr, ein Württemberger von Geburt, der aus kleinen Anfängen zum Leiter eines der angesehensten Betriebe der Bielefelder Leinen- und Baumwollindustrie emporstieg und so durch seinen gesegneten Lebensgang die Entwicklung der Anstalt aus dem unscheinbaren Reise zum ausgedehnten Baum darstellt.
Vater hatte nach den Statuten bei den Beratungen der Vorstände nicht mehr Stimme als jedes andere Vorstandsmitglied auch. Und Präses des Vorstandes war nicht er, sondern Kommerzienrat Bansi, welcher, wie erwähnt, auch die Sitzungen leitete. Vater aber war derjenige, der die Beratungen der Vorstände vorbereitete und für die Ausführung ihrer Beschlüsse zu sorgen hatte. So ergab es sich, daß er bald, nicht der Form, wohl aber der Sache nach der eigentliche Leiter des Gesamtwerkes wurde.
Wenn aber hier und da das Verhältnis zwischen dem Vorstande und ihm so dargestellt worden ist, als wenn er mehr und mehr in uneingeschränkter Machtvollkommenheit unter Übergehung des Vorstandes die Leitung in seine alleinige Hand genommen hätte, so wird dadurch das Bild getrübt. Es wird mir vielmehr immer eindrücklich bleiben, mit welchem Ernst Vater jeder einzelnen Vorstandssitzung entgegensah, sowohl den Sitzungen des engeren Vorstandes, die in kurzen Zwischenräumen stattfanden, als der Versammlung der vereinigten weiteren Vorstände, des „Verwaltungsrats”, die jährlich einmal abgehalten wurde. Immer hat es ihm daran gelegen, eine völlige innere Einigkeit zwischen allen verantwortlichen Männern zu erzielen und festzuhalten. Und das ist ihm auch gelungen.