Wohl ist es gelegentlich vorgekommen, daß seine ganze Überredungskunst dazu gehörte, um bei neuen Schritten einen einheitlichen Beschluß zu erzielen. Aber solche Kraft der Überredung ruhte doch auf der tiefen Zuversicht in die Richtigkeit und Notwendigkeit der Sache. Und immer ist es so gewesen, daß aus den Überredeten schließlich Überzeugte wurden.
Auch das andere ist vorgekommen, daß Schritte getan, z. B. Bauten in Angriff genommen wurden, noch ehe der Vorstand seine Einwilligung dazu gegeben hatte. Aber eine absichtliche Zurücksetzung des Vorstandes hat bei solchen Schritten nie zugrunde gelegen. Und wenn der Vorstand nachträglich seine Genehmigung erteilte, so geschah es nicht etwa, weil er wohl oder übel gute Miene zum bösen Spiel machte und, vor eine vollendete Tatsache gestellt, zwecklose Versuche aufgab, sie wieder rückgängig zu machen, sondern weil er später, soweit es sich nicht um Nebendinge, sondern um Fragen von grundsätzlicher Bedeutung handelte, die Notwendigkeit und die Richtigkeit der Sache einsah.
So oft es Vater zum Bewußtsein kam, daß er seinem Vorstande gegenüber in der äußeren Form die Bahn der buchstäblichen Korrektheit nicht innegehalten hatte, hat er sich auch nicht gescheut, deswegen um Entschuldigung zu bitten. Das hat er erst recht getan, wenn ihn jeweilen seine Leidenschaft fortgerissen und er ungewollt jemand gekränkt hatte. Und weil ihm das von Herzen kam, so konnte ihm nie jemand etwas nachtragen. Denn man fühlte, daß hier eine Hingabe war, eine Glut, eine Liebe, der gegenüber Verstimmung, Übelnehmen, kleinliche Verärgerung ausgeschlossen waren.
Und doch läßt sich nicht leugnen, daß gegen Vaters Willen durch seine überragende Erfahrung und Einsicht, durch seine alle mit sich fortreißende Tatkraft und durch das große Vertrauen, das er genoß, die Bedeutung des Vorstandes heruntergedrückt wurde. Nicht daß man keinen Widerspruch gegen ihn gewagt hätte. Es mag wenige Menschen gegeben haben, die Widerstände so vollständig unpersönlich, so rein sachlich, so ohne jede Empfindlichkeit aufnahmen wie Vater. Darum hat man auch aus den Kreisen des Vorstandes heraus nie mit dem Widerstand zurückgehalten, so oft er notwendig schien. Und ich wüßte von keiner Angelegenheit, die Vater gegen die klare Überzeugung des Vorstandes durchgedrückt oder aufrechterhalten hätte. Bei Meinungsverschiedenheiten grub er tiefer oder nahm den Flug höher und suchte so in größeren Tiefen oder höheren Höhen neue Wege der Einigung. Fand er sie nicht, so wartete er lieber lange. Und gerade diese innerste zarte Rücksichtnahme ließ die Achtung und das Vertrauen nur desto höher steigen.
So aber mußte es kommen, daß manche Vorstandsmitglieder sich überflüssig fühlten. Sie wußten die Sache in den besten Händen; warum noch weiter sich um jede Einzelheit kümmern? Warum nach neuen, jungen Kräften suchen und um sie werben, wenn man sie im Blick auf die überragende Persönlichkeit des Anstaltsleiters doch nicht locken konnte mit dem Ausblick auf eine starke Verantwortung? So geschah es, daß namentlich aus den Kreisen Bielefelds, dessen beste Männer und Frauen das Werk ursprünglich getragen hatten, nicht mehr der Nachwuchs für den Vorstand hervorging, der jetzt schmerzlich entbehrt wird und den, wie wir hoffen, die steigende Not neu schenken wird.
Wachstum nach außen.
Im Laufe der Jahre richteten sich immer mehr Augen und Hoffnungen nach Bethel, und Familien sowohl wie Gemeinden baten in immer wachsendem Maße um Aufnahme ihrer Kranken. Aus allen Teilen Deutschlands kamen die Bitten, bald auch aus andern Ländern. Immer enger und enger wurden die Betten zusammengeschoben. Das Mutterhaus Sarepta stellte an Raum zur Verfügung, was es nur irgend entbehren konnte. Aber schließlich mußte doch an Erweiterung gedacht werden. Sie vollzog sich in den bescheidensten Formen.
Zunächst wurde für die epileptischen Handwerker, die im Keller des Hauptgebäudes ihre Handwerksstuben hatten, ein Schuppen errichtet mit zwei Räumen, einem für die Anstreicher, einem für die Tischler. Dann kamen die Schuster an die Reihe, die Schmiede, die Buchbinder, die Klempner. Sie alle behielten ihr Quartier im Hauptgebäude. Nur ihre Werkstätten wurden in unmittelbarer Nähe in einem kleinen Bau aus Tannenfachwerk untergebracht. Die Bäcker waren die ersten, für die eine eigene Heimat geschaffen wurde. Unter ihrem Bäckermeister Meise zogen sie in Bethlehem, dem „Brothaus”, ein, das zugleich einer Reihe von epileptischen Kranken gebildeter Stände Unterkunft bot.
Erst für das Diakonissenhaus, dann für die Epileptischen entstanden kleine Ökonomien und damit notwendige und hochwillkommene Arbeitsgelegenheiten für die Epileptischen in Stall, Feld und Garten. Zu den Gärten, die rings um die Häuser her lagen und von weiblichen und männlichen Kranken bestellt wurden, kam eine besondere Gärtnerei hinzu, in der Samen und junge Pflänzlinge und die Blumen für die Blumenbeete von den Epileptischen gezogen werden konnten.
So reihte sich in allmählicher Entwicklung eins ans andere. Kein vorgefaßter Plan lag dieser Entwicklung zugrunde, kein weitausschauendes Programm. Keiner zog, keiner drängte vorwärts. Lediglich die Kranken selber, die um Aufnahme baten, waren es, welche drängten und schoben. Es hätte schmerzliche Stauungen und Störungen gegeben, wenn man solchem Schieben und Drängen nicht nachgegeben hätte. Um so freudiger und zuversichtlicher konnte darum auch Vater seine Stimme erheben und durch das ganze Vaterland um Hilfe bitten für die Not, die aus dem ganzen Vaterlande heraus sich vor die Tür von Bethel legte. Und die Hilfe blieb nicht aus. In dem Maße, als die Erweiterungen notwendig wurden, erweiterte sich auch der Kreis mithelfender Freunde.