Der Besitz an Grund und Boden war ursprünglich nur klein gewesen. Und der größte Teil davon bestand in steilen Berghängen, die mit Buchen bestanden waren und zur Anlage von Neubauten sich schwer eigneten. Aber Schritt um Schritt, mit der wachsenden Notwendigkeit der Ausdehnung, boten die anliegenden und umliegenden Besitzer ihr Eigentum an Wohnstätten und Ländereien zum Verkauf an.

In Wirklichkeit war es vielfach ihr Eigentum nicht mehr. Sie waren durch Überschuldung zum Verkauf genötigt. „Wir wohnen”, sagte Vater einmal, „zum großen Teil auf Land, das uns der Schnaps angeschwemmt hat.” In der Tat herrschte damals im Hinterland der Anstalt die Alkoholnot in erschreckendem Maße. Der Wohlstand ging zurück, die Verschuldung führte zur Überschuldung und zum Zwangsverkauf. Teilweise waren es grauenhafte Umstände, unter denen die früheren Besitzer dem Alkohol erlagen. Einen fand man erschossen in seinem Garten; ein anderer hatte sein Jagdgewehr in seinem Wald an einen Baum gebunden und mit Hilfe einer Schnur den Hahn gegen sich selbst abgefeuert. Einem dritten hatte seine Frau in der Not das Geld versteckt, um ihn am Fortsaufen zu hindern. Die Frau lag krank zu Bett. Der Mann drohte mit Gewalt. Aber die Frau blieb fest. Da schleppte der unglückliche Säufer eins seiner eigenen Kinder an das Bett der Mutter und drückte dem Kind so lange den Hals zu, bis es blau wurde und die gequälte Mutter aus Angst um ihr Kind nachgab und das Geld herausrückte. So waren es Stätten des Fluches, die rings um die Anstaltshäuser her lagen und die sich nun in Segen verwandeln sollten.

Trotz der großen Nähe der in stetiger Entwicklung begriffenen Stadt Bielefeld blieben die Preise für die zum Ankauf angebotenen Besitzungen in erträglichen Grenzen. Eine starke Konkurrenz fiel darum fort, weil man die Epileptischen fürchtete und sich nicht in ihrer Nähe ansiedeln wollte. Dennoch blieb es lange Zeit für die Bürger Bielefelds ein von ihrem Standpunkt aus berechtigter Schmerz, daß ihnen so Schritt um Schritt das langgestreckte nach Süden gerichtete Tal als Stadtgelände entzogen wurde.

Schon gleich nach der Entstehung der Anstalt für die Epileptischen war unter Führung eines angesehenen Großgrundbesitzers eine von vielen einzelnen Namen unterschriebene Erklärung erschienen, die gegen die Ansiedlung fallsüchtiger Kranker in der Nähe der Stadt Einspruch erhob. Ihr Anblick müsse die Spaziergänger erschrecken, und die Häuser, gerade am Eingang in das Tal des Kantensieks und Sandhagens gelegen, würden die Entwicklung der Stadt hemmen. Um nicht durch seinen Widerstand die Stimmung noch mehr zu reizen, erklärte der Vorstand der jungen Anstalt sich mit einer Verlegung einverstanden unter der Bedingung, daß ein ähnlich günstiges Grundstück in größerer Entfernung von der Stadt angeboten und die Mittel dargereicht würden zur Errichtung von Bauten, die dem bisherigen Krankenbestand entsprächen. Das Anerbieten wurde nicht angenommen, und der Widerstand erlosch im Laufe der Jahre.

Jetzt sieht man Sonntag für Sonntag die Wege der Anstalt von zahllosen Spaziergängern der Stadt Bielefeld benutzt, die nichts von Scheu vor den Kranken wissen. Gerade die Nähe der Stadt mußte mit dazu beitragen, den Kranken den Aufenthalt in der Anstalt lieb zu machen. Fernab in großer Einsamkeit, ohne etwas zu merken von dem Pulsschlag der Zeit, hätten doch manche das Gefühl haben können, dauernd aus der menschlichen Gesellschaft verbannt zu sein.

Die Zeichnungen für die kleinen Werkstätten, für die Umbauten der neuerworbenen Besitzungen und auch für die Neubauten machte Vater der Regel nach selbst. Vielfach benutzte er die Abende dazu. Vor dem Zubettgehen saß dann wohl noch eins von uns Kindern auf seinem Schoß, wir andern standen herum, und er zeigte uns auf einem abgerissenen Stück Papier, wie sich das alte Haus umbauen ließe oder wie das neue am praktischsten angelegt würde. Der erste Entwurf wurde dann immer wieder neu durchdacht und mit dem jetzt noch lebenden, nun hochbetagten Maurermeister Karmeier besprochen, bis der Bauplan schließlich von letzterem in genaue Zeichnung gesetzt und ausgeführt wurde. Die damalige Baupolizei kannte noch nicht die scharfen Vorschriften von heute, und so konnten oft mit sehr geringen Mitteln aus den alten Häusern, die von den bisherigen Besitzern geräumt waren, höchst bescheidene, aber doch oft auch höchst gemütliche Heimstätten für die Kranken errichtet werden.

Sehr bescheiden blieben auch die Neubauten jener Anfangszeit. Vater stand immer unter dem Eindruck großer kommender Ereignisse. „Kinder,” sagte er öfter, „was werdet ihr noch erleben!” Er rechnete nicht mit einem Weltbestehen von unbegrenzter Zeit. „Es wird nicht mehr so lange dauern, dann kommt der Herr wieder.” Aber der Ankauf einer kleinen Ziegelei, die am Rande des Anstaltsgebietes lag, brachte es dann doch mit sich, daß der Bau von massiven Häusern sich wohlfeiler stellte als die Fachwerkbauten, die schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit große Ausbesserungen nötig machten.

Waren die Häuser glücklich gerichtet oder vollends zum Einzug hergestellt, so gab es jedesmal ein kleines Fest. Das Richtfest der Bäckerei ist das erste, das ich mitfeierte. Es ist mir in unauslöschlicher Erinnerung geblieben. Das Richtelied, von Vater verfaßt und in Reime gebracht, bestand in einem Zwiegespräch zwischen Bauherrn und Zimmergesell. Vater als Bauherr stand unten, der Zimmergesell oben auf dem frischgelegten Gebälk des Baues. Und zwischen beiden flogen Frage und Antwort hinauf und herunter. Daran schloß sich dann in der Backstube, die unten in dem bereits fertig gemauerten Keller lag, das Richtessen. Die epileptischen Bäckergehilfen mit ihrem Meister Meise und seiner Familie, die Maurer und Zimmerleute und die geladenen Gäste saßen im engen Raum fröhlich beisammen. Lieder und Ansprachen wechselten miteinander. Es war über alle Maßen gemütlich. Aber was für mich die Hauptsache war, es gab belegte Butterbrote und Semmeln, so viel jeder nur wollte, und — das war die Krone — für jeden ein Fläschchen Bier, auch für die Epileptischen. So harmlos ging es damals noch zu.