[Neue Aufgaben.]

Die Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf.

Der siegreiche Feldzug von 1870/71 hatte einen übergroßen Tatendrang auf wirtschaftlichem Gebiet im Gefolge. Die französischen Goldmilliarden, die in das Land geströmt waren, hatten viele Augen geblendet. Es waren Gründungen aus der Erde gestampft worden, die sich nicht halten konnten. Auf den Aufschwung folgte ein großer Rückschlag. Viele Arbeitskräfte, die in die neu entstandenen Fabriken geströmt waren, wurden brotlos. Sie in die Verhältnisse, aus denen sie gekommen waren, zurückzuverpflanzen, gelang nur schwer. Eine große Zahl von ihnen bevölkerte die Landstraßen. Es waren meist die körperlich und moralisch Schwächsten, die am ersten entlassen wurden. Nun zogen sie von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt, suchten nach Arbeit, aber fanden sie nur gar zu selten. Denn überall stockte Handel und Wandel.

Man nannte dies fahrende Volk „reisende Handwerksburschen”. Aber das, was der ursprüngliche Name damit meinte, waren sie nicht. Der alte Handwerksgeselle, der seine lange Lehrzeit hinter sich hatte, wanderte nach Handwerkerbrauch. Er mußte, wollte er sich in seiner Heimat als selbständiger Meister niederlassen, nicht nur die Welt gesehen, sondern vor allem neue Erfahrungen für sein Handwerk gesammelt haben. Er schnallte also sein Felleisen um und reiste statt mit der viel zu teuren Post, die seine kleinen Ersparnisse schnell verschlungen haben würde, an seinem Wanderstab durchs Land, von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt. Wo er in seinem Handwerk einen leeren Arbeitsplatz fand und einen Meister, der ihm gefiel, da blieb er, oft kurz, oft lang, bis er weiterzog und schließlich, als Handwerker und als Mensch in seinen Erfahrungen bereichert, die Schritte heimwärts lenkte.

Dabei war es Sitte, daß der Handwerksbursche überall „das Handwerk grüßte”, d. h. bei den Meistern, die mit ihm eines Handwerks waren, um Zehrgeld vorsprach, damit er in der Gesellenherberge nicht seine kleine Barschaft zu verzehren brauchte, sondern von seinem Gesellenverdienst für den ersten Anfang als Meister einen kleinen Sparpfennig von der Wanderschaft mit heimbringen konnte. Wie der Student auf den Universitäten, so hatten auch diese wandernden Handwerksstudenten ihre besonderen Ausdrücke, deren Sinn nicht jeder verstand, die aber unter den Handwerksburschen selbst gang und gäbe waren. Wie beim Studenten, so hieß auch bei ihnen das Geld Moos, das Ausweispapier, das ihr Handwerk, ihre Heimat usw. bescheinigte, hieß Flebbe, usw.

Aber je mehr das Handwerk zurückging und die Industrie aufkam, je mehr verschwand auch der eigentliche Handwerksbursche von den deutschen Wanderstraßen. Aus dem kleinen Rinnsal der wandernden Handwerksgesellen wurde ein immer höher anschwellender Strom von Arbeitslosen jeglichen Gewerbes, die Arbeit suchend Land und Stadt überzogen. Fanden sie keine Arbeit, so waren die kleinen Ersparnisse, die sie mit auf die Wanderschaft genommen hatten, bald verbraucht. Wovon sollten sie leben? Sie klopften an die Türen und baten um milde Gaben. Der eine gab Essen, der andere ein Butterbrot, der dritte einige Pfennige, der vierte auch wohl, wenn die Kleidung zerschlissen war, ein Paar Schuhe, ein Paar Strümpfe oder ein Hemd, eine Jacke oder eine Hose. War es Sommertag, so schlief man bei „Mutter Grün”, war es aber kalte Jahreszeit, so mußten den Tag über so viele Pfennige zusammengesucht werden, daß es zum Schlafgeld in der Herberge reichte.

Auch an die Tür des Pfarrhauses von Bethel flutete dieser Strom. Oft schöpfte unsere Mutter das letzte aus der Mittagsschüssel heraus, und wir trugen es zu dem Wandersmann, der sich draußen gemütlich auf der Stufe des kleinen Windfangs niederließ und sein Mittagbrot verzehrte. Oft brachte auch Vater selbst den Teller hinaus, um den Mann kennen zu lernen und sich nach seinen Verhältnissen zu erkundigen, und Mutters mitleidiges Herz holte manches alte Kleidungsstück hervor, um dem abgerissenen Mann zu helfen.

Nun geschah folgendes: Eines Tages kam Vater ins Diakonissenhaus hinüber und fand da wieder einen solchen „armen Reisenden”, wie sie sich selbst zu nennen pflegten, dem gerade eine der Schwestern ein Hemd gab, das er flehentlich erbeten hatte. Das Gesicht des Mannes kam Vater bekannt vor, und es stellte sich heraus, daß derselbe Mann wenige Tage vorher auch bei uns gewesen war und ebenfalls ein Hemd bekommen hatte. Wo war das erste Hemd geblieben? Und wo hatte sich der Mann während der Zwischenzeit aufgehalten? Das gab Vater Anlaß, der ganzen Frage der „armen Reisenden” näher nachzuforschen.

Es ergab sich ihm nun, daß viele von ihnen das Reisen längst aufgegeben und statt dessen in Bielefeld ihr Standquartier aufgerichtet hatten. Sie waren des Wanderns müde geworden, weil an andern Orten ja ebenso wenig Arbeit zu finden war wie in Bielefeld auch. So waren sie geblieben und nahmen nun bald diesen, bald jenen Stadtteil, bald auch einen der äußeren Bezirke für ihre Streifzüge vor, um sich für den Tag das nötige Essen und für die Nacht das nötige Schlafgeld zu verschaffen.

Je tiefer Vater in die Sache eindrang, desto düsterer wurde das Bild, das sich ihm entrollte. Ein ganzes Heer von Gewohnheitsbettlern tauchte vor seinen Augen auf, die mit größter Schlauheit die Mildtätigkeit und Gutmütigkeit der Bewohner ausnutzten und wahre Schätze von Lebensmitteln und Kleidungsstücken durch die beweglichsten Reden erpreßten. Oft konnten sie nur das wenigste davon für sich selbst verwenden. Alles übrige wurde an Kollegen, die im Betteln weniger geschickt waren, für ein Spottgeld verkauft oder aber in der Herberge gegen Schnaps umgesetzt. Vater stellte in der Nähe von Bielefeld solch eine berühmte Schnapsherberge fest, in der der Wirt mehrere Schweine mästete allein mit den Butterbroten, die seine Gäste bei den gutmütigen Landbewohnern zusammenkollektiert hatten und die sie nun, außerstande, sie zu verzehren, bei ihm gegen den Branntwein eintauschten.