Es zeigte sich ferner, daß die Zahl der Reisenden, die an unsere Tür klopften, verhältnismäßig gering war. Unser Haus lag abseits der großen Heerstraße. Wer aber an den Hauptverkehrswegen wohnte, der stand unter dem Eindruck einer wirklichen Landplage. So war es nicht nur in Bielefeld, so war es mehr oder weniger überall. Die Kinder einer Witwe in Gütersloh hatten ein kleines Papphäuschen geschenkt bekommen, das in Form der Pfefferkuchenhäuschen statt mit Kuchen und Süßigkeiten ganz mit Ein- und Zweipfennigstücken beklebt war. Es waren im ganzen 52 Geldstücke. Nun schlug die Mutter den Kindern vor, sie sollten, statt das Geld für sich zu verwenden, jedem armen Reisenden, der an ihre Tür klopfte, jedesmal eins der Stücke von dem Häuschen loslösen. Die Kinder stimmten freudig zu. Und siehe da, an einem einzigen Tage waren sämtliche 52 Stücke fortgegeben. 52 Bettler an einem Tage!

Nun waren aber keineswegs alle diese heimat-, obdach- und arbeitslosen Leute bereits gewohnheitsmäßige Bettler. Unter die, denen das müßige Bettler- und Kneipenleben zum zweiten Dasein geworden war, mischten sich solche, die nach wie vor verzweifelt nach Arbeit suchten aber keine fanden. Überall, wo sie anfragten, stießen sie auf Kopfschütteln. Wenn sie aber um eine Geldgabe baten, trafen sie immer wieder auf mitleidige Herzen. So gewann mancher Schritt um Schritt das Betteln lieb, während er sich in gleichem Maße der Arbeit entwöhnte. Die Barmherzigkeit seiner Mitmenschen erzog ihn zum Betteln!

Was aber war seitens der Behörden zur Eindämmung dieser Not geschehen? Sie hatten den Bettel unter Strafe gestellt! Wer bettelte, kam in Polizeigewahrsam; wer wiederholt beim Betteln gefaßt wurde, wurde mit Gefängnis bestraft. Je öfter sich der Fall wiederholte, je höher stieg die Strafe. Da nun aber viele der Arbeitslosen, die ohne ihre Schuld arbeitslos geworden waren, schlechterdings ohne zu betteln ihr Leben nicht fristen konnten, so entspann sich zwischen ihnen und den Beamten der Polizei ein regelrechter Kleinkrieg, nicht ein Krieg der Gewalt, sondern der List. Vielfach gingen zwei Arbeitslose zusammen. Der eine „stand Schmiere”, d. h. er beobachtete von einem sicheren Standort aus, ob die Luft rein und kein Polizist in der Nähe sei, während der andere an die Türen der einzelnen Häuser klopfte und um eine milde Gabe bat. So wurden ganze Kapitalien zusammengetragen und gemeinsam durchgebracht.

Natürlich kam es immer wieder vor, daß die Polizei doch den einen oder andern beim Betteln ertappte und abführte. Je nachdem wurde er dann zu Haft, Gefängnis oder Korrektionsanstalt (Arbeitshaus) verurteilt. Vielen der alten Bettler machte das nichts mehr aus. Ja, im Winter war es ihnen sogar erwünscht, verhaftet zu werden. Die Klügsten unter ihnen suchten die Städte auf, weil sie wußten, daß es dort im Gefängnis den behaglichsten Winteraufenthalt und das beste Essen gab. Dort setzten sie so lange ihren Bettel fort, bis sie gefaßt und zu Gefängnis verurteilt wurden. In den Gefängnissen und Korrektionshäusern selbst aber saßen gewohnheitsmäßige Vagabunden zusammen mit jungen Burschen, die zum erstenmal verurteilt waren und nun von den alten Kunden in all die Geheimnisse und all den Schmutz des eigentlichen Vagabundenlebens eingeweiht wurden. „Die wenigsten Menschen”, schrieb Vater, „wissen, was das heißt, zum erstenmal in ein Korrektionshaus gesperrt zu werden. Ich halte die Todesstrafe für eine leichtere Strafe als die erste Verurteilung zum Arbeitshaus.”

So wurden diese Häuser, die das Landstreicherwesen eindämmen sollten, geradezu zu Hochschulen des Vagabundentums, aus denen sich eine wahre Flut von unsauberen Elementen schlimmster Art über das Land ergoß, körperlichen und seelischen Ansteckungsstoff überall hintragend.

Aber längst ehe sich für Vater diese Einzelheiten ergaben, war er zur Tat geschritten. „Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen,” das klang ihm im Ohr und im Gewissen. Und er selbst fügte hinzu: „Wenn wir barmherziger werden wollen, dann müssen wir härter werden.” Nun war unser Haus nur durch einen schmalen Bergweg, den Jägerbrink, von dem steil abfallenden Buchenwalde getrennt. Es war Vater schon längst ein Anliegen gewesen, den steilen, wilden Abhang gleichmäßig nach dem Jägerbrink abzuschrägen und durch eine kleine Mauer gegen den Bergweg abzugrenzen. Hacke und Spaten wurden angeschafft, und als die nächsten Arbeitslosen an unsere Tür klopften, sagte Vater, daß sie gern Essen bekommen könnten, daß es aber keines Menschen würdig sei, bloß zu essen, ohne zu arbeiten, wenigstens solange die Möglichkeit bestände, sich sein Essen durch Arbeit zu verdienen. Ob sie bereit seien, vorher eine Stunde drüben am Abhang zu arbeiten. Sofort schieden sich die Geister. Die einen lehnten entrüstet das Ansinnen ab und gingen schimpfend davon; die andern griffen zu Spaten und Hacke und ließen sich nach getaner Arbeit ihr Essen doppelt gut schmecken. Ihnen war das ehrlich erarbeitete Brot lieber als das schimpfliche Bettelbrot! Es dauerte nicht lange, da war die Arbeit vollendet und die Mauer aus den im Abhang selbst gewonnenen Steinen aufgeführt. Sie steht noch heute, und über ihr erhebt sich jetzt ein kleiner Tannenbusch.

Aber es war doch nur eine halbe Hilfe. Wohl hatten sich die Leute ihr bißchen Mittagbrot durch ihre Arbeit erwerben können, dann aber mußten sie ihren Weg auf den Straßen und an den Zäunen fortsetzen. Einer von ihnen, dieses armseligen Lebens überdrüssig, bat Vater, ob er ihn nicht dauernd behalten und beschäftigen könnte. „Ja,” sagte Vater, „wenn Sie fallsüchtig wären, dann könnte ich Sie behalten.” Da stieß der Mann heraus: „Ich bin aber auch fallsüchtig.”

Dies Wort traf Vaters Herz. Wie ein Blitz beleuchtete es die Lage. In diesem einen Mann stand das ganze Heer dieser ausgestoßenen Menschen vor ihm, arbeitslos, heimatlos, hoffnungslos wie die Epileptischen auch. Langsam und desto schauerlicher versinkend im Morast des Nichtstuns, des Bettels, des Ungeziefers und des Saufens. Die Barmherzigkeit der Menschen half ihnen nicht auf, sondern als eine in Wahrheit grausame Barmherzigkeit ließ sie diese Unglücklichen durch Almosen, die nur noch den Schein der Barmherzigkeit an sich trugen, immer tiefer sinken. Und die Gerechtigkeit des Staates half ebenfalls nicht, sondern stieß, eine in Wahrheit ungerechte Gerechtigkeit, diese Verlorenen nur immer weiter aus der menschlichen Gesellschaft aus. Denn wer gab solch einem armen Menschen noch Arbeit, der in seinen Papieren fünf, zehn, zwanzig und noch mehr Polizeistrafen verzeichnet hatte? Niemand. Überall wurde er abgewiesen. Wohl drückte man ihm ein paar Pfennige in die Hand. Aber diese Pfennige wurden ihm nur zum Anlaß neuen Falles, tieferen Versinkens in dem Sumpf der Vagabundenkneipen. Das waren in der Tat Fallsüchtige, deren Los noch schwerer war als das Los der fallsüchtigen Epileptischen!

Was tun? Zunächst durfte der eine nicht wieder hinausgestoßen werden. Er blieb. Aber nun galt es, auch den andern, die wie dieser Erstling sich nach einer rettenden Hand ausstreckten, gründlich zu helfen.