Gleich jenseits des Teutoburger Waldes, nur eine halbe Stunde von den Tälern entfernt, in denen die Epileptischen ihre Heimat gefunden hatten, dehnt sich die weite Ebene der Senne, alter Meeresboden, in dessen Sandbänken sich noch heute Muschellager und hin und her zerstreut auch mal ein Stück Bernstein finden. In der Richtung der alten Landstraße, die Bielefeld mit Paderborn verbindet, drang Vater mit seinem getreuen Berater Bökenkamp in dieses einsame Land vor. Nur hier und da ein ärmlicher Hof. Sonst weithin rote Heide, stehende Wasserlachen, kümmerliche Kiefern, ein weites ödes Land. Überall lagerte in der Tiefe von ein bis drei Fuß der Ort, eine dunkle Eisensteinschicht, die ein Auf- und Absteigen des Wassers hinderte und weder für Baum noch Halm ein Gedeihen aufkommen ließ. Wurde der Ort aber aufgedeckt, so zerfiel er an der Luft und an der Sonne, und aus dem Feind des Landes wurde ein Freund, der mit dem armen Sand vermischt den Boden besserte. Hier war also Arbeit die Fülle für die Arbeitslosen, im hoffnungslosen Land hoffnungsvolle Aufgaben für die Hoffnungslosen. Bald hatten auch die beiden Suchenden am Ufer des Dalbke-Baches, zwei Stunden von Bielefeld entfernt, einen zum Verkauf stehenden zerfallenden kleinen Hof entdeckt, der den obdachlosen und heimatlosen „Brüdern von der Landstraße”, wie Vater fortan am liebsten diese seine jüngsten Schützlinge nannte, Obdach und Heimat bieten sollte.
Es dauerte nicht lange, da konnten die ersten, die in Bethel vorübergehend Aufnahme gefunden hatten, nach der kleinen Kolonie in der Senne übersiedeln. Und nun ging durch ganz Bielefeld die Parole: „Kein Arbeitsloser braucht mehr mit Pfennigen abgespeist zu werden. Es ist Arbeit für ihn da; schickt ihn hinaus in die Senne!” Das brachte die Scheidung. Die abgefeimten Bettler drückten sich davon. Sie konnten und wollten nicht mehr los vom Bettel und Schnaps. Sie verzogen sich in die weitere Umgegend, in die die verwünschte Parole noch nicht gedrungen war. Aber die andern kamen, zerlumpt, verlaust, versoffen, Männer aus allen Gauen, allen Ständen und jeglichen Alters; Jünglinge und Greise, Arbeiter und Barone, Studierte und solche, die kaum die Schule besucht hatten.
Würde solch eine bunt gemischte Gesellschaft sich ineinander schicken? Wir hatten in Bielefeld einen Gendarm, zu dem ich als Kind immer voll Stolz und heimlichem Neid emporschaute, wenn er in langem, wallendem Bart dahergeritten kam. Der meldete sich eines Tages bei Vater. Ich sehe ihn noch, gestiefelt und gespornt, die Treppe heraufkommen. Er wollte seine Dienste anbieten für den Fall, daß eine feste Hand, die kein Fackeln kannte, unter der zusammengewürfelten Schar nötig werden sollte. Aber sie wurde nicht nötig. Hier waren ja lauter Leute, die freiwillig gekommen waren, durch nichts anderes gedrängt als die selbst empfundene, selbst erfahrene Not. Niemand hielt sie als ihr eigener Entschluß und die Luft der Barmherzigkeit, Ordnung und Sauberkeit, die sie umgab, und die so lange entbehrte Wohltat der Arbeit und des selbstverdienten Brotes.
Gerade für diese ausgemergelten, kraftlosen Menschen war die Arbeit im weichen Sand wie geschaffen. Denn je nach der Tiefe, in der sich der Ortstein befand, wurde der Sand ausgehoben, bis der Ort erreicht, zerschlagen und nach oben geworfen war. Die Schicht des zweiten Grabens füllte den ersten, die des dritten den zweiten und so fort. So wuchs durch die Arbeit des Rigolens neues Land für Wiese und Acker aus dem armen Heideboden empor und weckte zugleich neue Hoffnung für eine neue Zukunft in dem Herzen des Kolonisten.
Kein Treiber hetzte sie, sondern jener Husar, der sich am 14. August 1870 Gott gelobt hatte und nun als Bruder eingetreten war, stand selbst mit im Graben, den Spaten führend, ein Bruder unter Brüdern, ein Arbeiter unter Arbeitern, ein Werdender unter Werdenden! Auch der Schwächste konnte diese Arbeit tun und neue Kraft für Leib und Seele aus ihr schöpfen. Hier gab es wirklich noch einmal ein Aufstehen für Fallsüchtige. Hier rief die Glocke nicht zum elenden Fusel und erbettelten Brot, sondern zur selbst erworbenen Mahlzeit und läutete den Feierabend ein zum Lobpreis Gottes, der fahrenden Leuten diese Stätte bereitet hatte, zur stillen Sammlung unter seine Stimme. Dann wurde draußen auf der Bank noch ein Abendpfeifchen geraucht und dem Abendlied der Amsel gelauscht: „Längst vergess´ne alte Lieder wurden wach in ihrer Seele.”
Es konnte nicht ausbleiben, daß der Ruf der jungen Kolonie sich schnell ausbreitete. Von allen Seiten strömte es herbei. Ein Aufhalten gab es nicht mehr. Es mußte gebaut werden. Die schwächeren Kräfte blieben beim Rigolen, die stärkeren legten Hand an bei der Aufrichtung der notwendigsten Räume für Menschen und Vieh. Aber noch ehe sie fertig waren, wurde es ganz deutlich, daß mit dieser einen Zufluchtsstätte dem überall wogenden Elend nicht gedient war. Es mußte umfassender Rat geschafft werden. Wo war die helfende Hand, die durch das ganze Vaterland hin sich den Versinkenden entgegenstreckte?
Vater wandte sich an den, der ihm einst in der Berliner Gymnasiastenzeit ein Spielkamerad gewesen war und der sich seitdem wie ein Freund zu ihm gestellt hatte: den Kronprinzen Friedrich Wilhelm, den späteren Kaiser Friedrich. Immer haben die Hohenzollern Herz und Verständnis für den Geringen und Geringsten im Volke gehabt. Das zeigte sich auch jetzt. Auf stillen Wegen im Schloßgarten von Potsdam wurde zwischen beiden Männern der Bund geschlossen zum Wohl der „Brüder von der Landstraße”.
Das Kronprinzenpaar hatte kurz vorher seine Silberhochzeit begangen. Zu dieser Feier war ihm eine in ganz Deutschland veranstaltete freie Sammlung in Höhe von einer halben Million Mark überreicht worden. Die Kronprinzessin bestimmte die auf sie entfallende Hälfte zur Gründung des Hauses der Viktoria-Schwestern in Berlin, und der Kronprinz bot Vater die andere Hälfte an, um damit den „Brüdern von der Landstraße” gründlich Hilfe zu schaffen. Vater schlug dem Kronprinzen vor, jeder preußischen Provinz und jedem deutschen Bundesstaat aus dem Dotationsfonds eine Prämie zur Verfügung zu stellen zur Aufrichtung einer Kolonie für Arbeitslose. Gleichzeitig bat er den Kronprinzen, selbst die junge Kolonie in der Senne einzuweihen und ihr Protektor zu werden. Beide Wünsche erfüllte der Kronprinz. Damit war mit einem Schlage der jungen Sache die Bahn durch ganz Deutschland gebrochen.
In der Morgenfrühe des 16. Juli 1883 kam der Kronprinz. Ich sehe noch die wehenden Fahnen Bielefelds, die jubelnde Menschenmenge, die Blumensträuße, die in den Wagen geworfen wurden, und neben dem Kronprinzen Vaters Gestalt, der von dem allen kaum etwas zu sehen und zu hören schien, sondern tief in das Gespräch mit dem hohen Gast und den ihn begleitenden Herren versunken war. Die Fahrt ging durch den Teutoburger Paß unmittelbar hinaus nach Wilhelmsdorf. In dem alten, inzwischen zum Speisesaal ausgebauten Kuhstall des Bauernhauses versammelten sich die Mitglieder der preußischen Regierung, der Provinzial-Verwaltung, die Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche um den Erben des Hohenzollernthrones zum Dienst der Verachteten und Ausgestoßenen des Volkes. Zur Erinnerung an Kaiser Wilhelm I. bekam die Kolonie den Namen Wilhelmsdorf.
Bald kamen von überall her Abgesandte, um die Kolonie an Ort und Stelle kennen zu lernen und mit Hilfe der kronprinzlichen Prämie in ihrer Heimat ähnliche Zufluchtsstätten ins Leben zu rufen. Natürlich konnte die Prämie, die in jedem einzelnen Fall nur 5–10 000 Mark betrug, nur für die ersten Fundamente ausreichen. Aber weitere Beihilfen aus öffentlichen und privaten Mitteln strömten der Mutterkolonie Wilhelmsdorf und den entstehenden Tochteranstalten zu.