„Einen Menschen langsam zu Grunde zu richten, ist unendlich viel kostspieliger, als einem Menschen rechtzeitig zu helfen”, war der Grundsatz, den Vater immer wieder hinausrief und der überall Verständnis und Echo fand. Was kostete in der Tat ein einziger Bettler der Bevölkerung für Unsummen! Jahraus, jahrein schatzte er das Land ab, versoff sein Geld, ließ sich im Winter im Gefängnis oder in der Korrektionsanstalt durchfüttern und zog, und das war das teuerste, durch sein Wort und Beispiel einen nach dem andern hinter sich her in den Sumpf, die dann wieder an ihrem Teil den Bewohnern von Stadt und Land zur Last fielen. Da bedeutete es in der Tat eine große Ersparnis, den entstehenden Kolonien eine Unterstützung zuteil werden zu lassen, sie dagegen dem zu versagen, der nur betteln, aber nicht arbeiten wollte.

Überall waren es freie kirchliche Vereine, die die Träger des Gedankens waren, evangelische und katholische. Es war für Vater eine ganz besondere Freude, daß hier in dem tiefen Tal der Wanderarmen-Not sich die Wege beider Konfessionen trafen, beide von den trennenden Höhen herabstiegen, um gemeinsam zu raten und zu taten. Und das ist all die Jahre hindurch bis heute geblieben. Daß dabei Hemmungen und Widerstände zu überwinden waren, versteht sich von selbst.

Als Vater nach Münster kam, um mit dem Bischof die Anlage einer katholischen Kolonie zu beraten, meldete ihm der Kastellan, daß der Bischof mit dem Domkapitular zu tun habe und nicht zu sprechen sei. Nun war gerade der Domkapitular, wie Vater wußte, ein Gegner der Sache und machte dahin seinen Einfluß beim Bischof geltend. Vater hatte Stock und Hut bereits abgelegt, nahm sie nun aber von neuem zur Hand; denn es lag ihm nicht daran, mit dem Domkapitular zusammenzutreffen. Unterwegs fiel ihm auf, wie viele Leute ihn verwundert ansahen, als wüßten sie nicht recht, ob sie einen Bekannten oder Unbekannten vor sich hätten. Und als nun einer vor ihm den Hut zog und er den Gruß erwiderte, merkte er, daß er im bischöflischen Palais statt seines eigenen den breitkrempigen bequasteten Hut des Domkapitulars gegriffen hatte. Lachend kam er zurück, und lachend empfing ihn der Kastellan: „Der Herr Bischof warten bereits.” Solche kleinen Ereignisse und Verlegenheiten, die Vater in der Zerstreutheit öfter passierten, mußten mithelfen, größere Verlegenheiten zu beseitigen und die Herzen auf den heiteren Ton zu stimmen, in dem alle Dinge am besten gedeihen. Die katholische Kolonie kam denn auch wirklich zustande.

Die Asyle für die Wanderarmen waren errichtet. Sie standen jedermann offen. Niemand abzuweisen, der freiwillig kam, freiwillig auf jeden Schnapsgenuß verzichtete und freiwillig sich der Hausordnung unterwarf, das war von vornherein die Losung dieser Arbeiterkolonien. So war es also nicht mehr nötig, Bettelpfennige zu reichen und dadurch Bettler und Vagabunden großzuziehen. Jeder Arbeitslose konnte in die Kolonie gewiesen werden. Wie aber sollte die Kolonie erreicht werden, wenn sie ein, zwei, drei Tagereisen entfernt war? War das möglich, ohne auf dem Wege dorthin doch wieder zu betteln? War es nicht halbe Arbeit, Kolonien zu schaffen ohne die Zwischenstationen, die zu ihnen hinführten?

In der Tat: sollte dem Betteln gründlich gewehrt und dem Arbeitslosen ganze Hilfe zuteil werden, so mußten die Zwischenglieder geschaffen werden, die alle auf die Zentralstation, die Kolonie, zuliefen. Aber hier war es nicht nötig, neue Wege zu gehen. Es galt nur den Ausbau der alten durch Professor Perthes in Bonn bereits gebrochenen Bahn. Er hatte in Bonn im Jahre 1854 die erste christliche Herberge errichtet, die im Gegensatz gegen die wüsten Branntweinkneipen den Wanderarmen einen wirklichen Dienst erwies, ihnen gegen billiges Entgelt Quartier und Nahrung bot und den gänzlich Mittellosen Brot gegen eine Arbeitsleistung verabfolgte. Solche Herbergen waren inzwischen hin und her entstanden. Aber noch waren sie viel zu gering an Zahl und lagen zu weit auseinander. Darum kam es darauf an, diese Herbergen zu vermehren und durch kleine Zwischenstationen miteinander zu verbinden.

So entstanden zugleich mit der wachsenden Zahl der Herbergen zur Heimat die sogenannten Verpflegungsstationen. In kleineren und größeren Abständen, zwei, drei, vier Stunden voneinander entfernt, bildeten sie die einzelnen Etappen, die von Herberge zu Herberge und schließlich bis zur Kolonie führten. Gegen kurze Arbeit, die meist in Holzhacken bestand, wurde dem Wanderer die nötige Nahrung gereicht, sodaß er, mit dem Ausweis der Verpflegungsstation versehen, die nächste Etappe aufsuchen konnte.

Von dem Wohlwollen und dem sittlichen Ernst der einzelnen Gemeinden getragen, schossen diese Verpflegungsstationen vielfach wie Pilze aus der Erde. Und in demselben Maße, wie der Ausbau dieses Zwischennetzes fortschritt, hörte das Betteln auf. Wo es vorher gewimmelt hatte von fremden Leuten, war es jetzt still geworden. Die Polizei, die vorher mit Recht so manchmal ein Auge zugedrückt hatte, konnte jetzt scharf über die Ordnung wachen. Jeder ehrliche Arbeitslose setzte mit Ernst alle Kräfte daran, Arbeit zu finden. Fand er sie dennoch nicht, so machte er sich auf den Weg in die Kolonie; und nur das licht- und arbeitsscheue Gesindel drückte sich seitab in die Gegenden, wo es bisher weder Kolonien noch Herbergen noch Arbeitsstätten gab, bis auch dort das Überhandnehmen des Bettelns den Weg der barmherzigen Zucht lehrte.

Diese gesamten Aufgaben der deutschen Arbeiterkolonien, Herbergen zur Heimat und Verpflegungsstationen fanden ihr Organ in einer Monatsschrift, die unter dem Titel „Die Arbeiter-Kolonie”, später „Der Wanderer”, durch Jahrzehnte von Bethel aus durch Pastor Mörchen mit eindringender Umsicht herausgegeben wurde und jetzt von Pastor Lemmermann in Hildesheim geleitet wird.

Charakterisiert aber wurde Vaters Tätigkeit an den „Brüdern von der Landstraße” durch ein Lied, das kurz nach seinem Tode in der Münchener „Jugend” erschien:

Ein Kunde war ich, duff und fein,
Stets ohne Moos und Fleppe.
Ich kehrt’ in jedem Wirtshaus ein
Und stieg jedwede Treppe.
Als mir die Straßen, die ich ging,
Zum Hals herausgehangen,
Bin ich zum Vater Bodelschwingh
Nach Wilhelmsdorf gegangen.
Das war ein Kerl! Wie väterlich
Sprach er mir ins Gewissen,
Und „Bruder, Bruder” nannt’ er mich;
Das hat mich fortgerissen:
Zum Spaten griff die träge Hand,
Die sonst nur Klinken drückte,
Und grub und grub im Ackerland,
Und die Bekehrung glückte.
Nun ist der Patriarch zur Ruh’.
Wie einst mit allem Volke
Spricht er mit Petrus jetzt per „Du”
Auf einer Himmelswolke.
Der revidiert den Ankömmling
Gestreng und sagt die Worte:
„Die Fleppe stimmt, Herr Bodelschwingh,
Herein zur Herbergspforte!”