Johannes Trojan.
(Die weitere Entwicklung dieser Arbeit siehe in den Kapiteln „Freistatt”, „Das Wanderarbeitsstättengesetz” und „Hoffnungstal”.)
Der Bau der Zionskirche.
Inzwischen hatte die Entwicklung in Bethel nicht stillstehen können. Die Provinzen Westfalen, Rheinland, Hannover, Schleswig-Holstein und Hessen-Nassau hatten zunächst von der Errichtung eigener Anstalten für Epileptische abgesehen und baten in steigendem Maße für ihre Kranken um Aufnahme. Da, wo in den übrigen Teilen Deutschlands Anstalten für Epileptische im Entstehen waren, mußte ihnen zu richtiger Entfaltung Zeit gelassen werden, sodaß, auch abgesehen von den genannten Provinzen, noch immer die Bitten um Aufnahme in Bethel drängten. Dazu kamen nach wie vor die Aufnahmegesuche aus dem Ausland.
Sollte Vater, so wie er es in der Arbeitslosen-Sache getan hatte, darauf hinarbeiten, daß jede Provinz, jeder größere Bundesstaat nach der Art von Wilhelmsdorf nicht nur eine eigene Arbeiterkolonie bekam, sondern auch eine eigene Anstalt für Epileptische? Er hat es nicht getan!
Die Arbeiterkolonien waren einfache Gebilde, in denen fast ausschließlich Landwirtschaft getrieben wurde. Eine Anstalt für Epileptische aber muß ein vielgliedriger Körper sein, wenn sie ihren Bewohnern gründlich dienen will. Die Arbeiterkolonien waren nur Hafenplätze, in denen wrack gewordene Schiffe sich herstellen und wieder ausstatten lassen konnten zur neuen Fahrt ins Leben, zur Rückkehr in den alten Beruf. Eine Anstalt für Epileptische aber sollte so viel wie irgend möglich dauernd jeden einzelnen Kranken an den Platz stellen, der seinen Kräften, Gaben und Neigungen entsprach. Das ist aber nur in einer Anstalt möglich, die ihrer Ausdehnung keine zu engen Grenzen setzt, sondern die verschiedensten Handwerke und Betriebe sich entfalten läßt und auf diese Weise die Kranken nicht auf einen zu engen Kreis der Beschäftigung beschränkt.
Wie sehr darum auch Vater auf der einen Seite, wo und wie er nur konnte, bei der Errichtung neuer Anstalten für Epileptische mithalf, sobald er sah, daß ein wirkliches Bedürfnis vorlag und ursprüngliche Liebe und urwüchsige Kraft zum Wohl der Epileptischen sich regten, wie z. B. bei den jungen Anstalten von Rastenburg in Ostpreußen, Rotenburg in Hannover, Hochweitzschen in Sachsen, so warnte er doch auf der andern Seite ernstlich, wo es sich um Gründungen handelte, die von vornherein nur für einen kleinen Kreis von Epileptischen in Betracht kamen. Denn nur zu leicht sahen sich diese kleinen Anstalten gezwungen, sich mit einem eng umschriebenen Kreis von Arbeitsgelegenheiten begnügen zu müssen. Dadurch aber war von vornherein der Geist der freudigen vielgestaltigen Arbeit beengt, ohne den das Leben des Epileptischen so gelangweilt und drückend ist.
So kam es denn, daß Bethel um der Barmherzigkeit willen die Pflöcke seiner Zelte weiter und weiter stecken mußte. Ein Handwerkshaus, ein Ackerhof kam zum andern. Für die epileptischen Frauen und Mädchen mußte mehr Raum gemacht und auch die Kinder mußten gesondert werden. Im Buchenwald, hoch wie der Berg Hermon alle andern Häuser überragend, entstand ein Haus für die epileptischen Pensionäre, wo Russen, Dänen, Finnen, Amerikaner und britische Untertanen friedlich mit den Deutschen zusammen wohnten. Und ähnlich war es unten im Tal, wo an der sonnigsten Stelle des Kantensieks für die epileptischen Pensionärinnen im Hause Bethanien eine freundliche Heimat geschaffen wurde.
Aber auch die Gründung von Wilhelmsdorf brachte für Bethel neue Pflichten. Der Regel nach sollte jeder nur ein Vierteljahr lang in Wilhelmsdorf bleiben, um dann andern Platz zu machen. Aber wohin, wenn diese Zeit abgelaufen war und sich kein sicherer Arbeitsplatz zeigte? Und selbst wenn er sich zeigte, so entstand doch die Frage, ob die Widerstandskraft schon genug gestählt sei, um allen Versuchungen im Strom der Welt standzuhalten. Bei denjenigen, die aus dem Arbeiter- oder Handwerkerstande kamen, gelang es immer noch am leichtesten, ihnen zur Rückkehr in den früheren Beruf zu verhelfen. Aber für die Kaufleute und Akademiker war die Schwierigkeit oft unübersteiglich. Darum mußte sich ihnen Bethel in seinen Arbeitsstätten, Schreibstuben und Schulen und mit all seinen übrigen Möglichkeiten als Übergangsstätte öffnen und Raum für sie machen.
So stieg und stieg die Zahl derer, die Sonntags in der Kapelle von Sarepta sich zusammendrängten, um dort die ewige Wahrheit als Arznei zu empfangen. Schließlich genügten die Räume schlechterdings nicht mehr. Für die Sommermonate hatte Vater oben im Buchenwalde Bänke aufschlagen lassen, die ganz nach Bedarf vermehrt werden konnten. Und die Gottesdienste hier oben in der Waldkirche unter Begleitung der Posaunen sind seitdem die besondere Freude der ganzen Gemeinde geblieben. Aber für die kalte Zeit und die Regentage mußte ein Ausweg gesucht werden.