Auf dem schmalen Bergrücken unterhalb der Waldkirche, der sich steil zum Kantensiek hinuntersenkt, wählte Vater den Platz für die neue Kirche. Hier lag sie ganz still und doch leicht erreichbar für alle Häuser, die zu Füßen des Berges in den beiden Tälern sich hinaufzogen oder in den Rand des Buchenwaldes gebettet waren. Am 16. Juli 1883, an demselben Tage, wo Wilhelmsdorf eingeweiht wurde, fand die Grundsteinlegung statt, zu der von Wilhelmsdorf her der Kronprinz kam. Es war mitten im strömenden Regen einer der größten Festtage, den die Gemeinde erlebte. Still hielt der Kronprinz während der Ansprache unseres Vaters im Unwetter aus. Unsern jüngsten noch nicht sechsjährigen Bruder geleitete er fürsorglich aus dem Regen unter einen schützenden Schirm. Selbst wehrte er ab, als man ihm einen Schirm überhalten wollte, und ließ sich, wie Vater später immer wieder den Kranken erzählte, für uns naßregnen. Kräftig klang seine damals noch gesunde Stimme zu jedem seiner drei Hammerschläge; „Christus der Grundstein — Christen die Ecksteine — Gott segne den Bau!” Und welche tief-menschliche Güte ging den ganzen Tag über von seinem Wesen aus! Es waren Stunden, die die Gemeinde unlöslich mit dem Hohenzollernhause verbanden, dem besten Königsgeschlecht, das die Weltgeschichte kennt.
Wenn übrigens immer wieder die Meinung auftaucht, als wäre zwischen Vater und dem Kronprinzen jede Grenze weggewischt gewesen, so ist das irrig. Wohl hatte Vater gewünscht, daß es bei der Mittagsmahlzeit, die der Kronprinz nach der Feier im Walde in unserm Hause einnahm, ganz familienmäßig zugehen und darum auch wir Kinder mit dem hohen Gast und den andern wenigen Geladenen an einem Tisch essen möchten. Aber die Einwände der Mutter hatten aus Gründen des Platzmangels gesiegt, und die Eltern hatten sich dahin geeinigt, daß wir Kinder im Nebenzimmer unsern besonderen Tisch haben sollten, aber bei geöffneter Tür. Von da aus haben wir es dann mit erlebt, in welch überaus herzlicher Weise unser hoher Gast den Eltern zugetan war, sie neckte und Vater „Friedrich” und „Du” nannte. Aber Vater blieb, wie in seinen Briefen, so auch jetzt im mündlichen Verkehr, bei dem respektvollen „Kaiserliche Hoheit”.
Im Herbst wurden dann die Fundamente der Kirche gelegt, und im frühesten Frühjahr — wenn ich mich recht besinne, war es der erste Februar — begann die Maurerarbeit. Es war nach des Kronprinzen Wunsch wirklich ein gottgesegneter Bau! Die Zeichnungen hatte Vater auch diesmal wieder selbst gemacht. Schon einen Sommer vorher hatte er manche Stunde seiner Ferienzeit dafür gewidmet. Nur die Stärke der Kreuzbalken, die den Dachreiter tragen sollten, ließ er der Sicherheit wegen von einem befreundeten Baumeister in Hannover berechnen. Hohe künstlerische Ziele steckte er sich bei dem Bau nicht. Es war ein sehr schlichter Raum. Aber von jedem Platze aus konnte man die Kanzel sehen, und die fünf kleinen Ruhekammern an den Enden und Ecken der Kirche, in die die Kranken während des Anfalls gebracht wurden, gaben ihm das besondere Gepräge eines Gotteshauses für Fallsüchtige.
Die tägliche Beaufsichtigung des Baues übergab er einem jungen Maurer, der, in Hamburg arbeitslos geworden, von Wilhelmsdorf gehört hatte und in achttägiger Wanderung, des Nachts immer in den Heuhaufen schlafend, geradeswegs nach Wilhelmsdorf gekommen war. Dort hatte er sich durchaus bewährt. Es steckte ein gewisser Stolz in ihm, und er behauptete, da er eine Zeitlang eine Baugewerkschule besucht hatte, sich Architekt nennen zu dürfen. Die andern aber nannten ihn statt dessen immer nur „Arg-im-Dreck”. Das nahm er aber nicht übel, sondern zeigte sich wirklich bei unermüdlichem Fleiß und gutem Humor als ein überlegener Geist, dem trotz seiner Jugend sich alles fügte, sodaß der Bau in großem Frieden und noch größerer Freude vorwärtsschritt.
Steine und Sand wurden zur Schonung der Pferde unten am Berge abgeladen. Quer den Wald hinauf bildeten die epileptischen Mädchen lange Ketten, in denen die Steine, von Hand zu Hand wandernd, auf den Bauplatz befördert wurden. Andere trugen in ihren Schürzen den Sand hinauf. Und nachmittags kamen die Jungen von Nazareth und die erwachsenen Kranken der Landstationen mit ihren Schiebkarren. Wer aber sonst hinaufstieg, um den Bau zu sehen, der nahm, Vaters Beispiel folgend, allemal in jeder Hand einen Backstein mit. Rotkehlchen und Rotschwänzchen nisteten in größter Zutraulichkeit in den Mauerlöchern, aus denen eben erst die Gerüststangen ein Stockwerk höher verlegt waren, und wurden auf das sorgsamste von den Maurern gehütet.
Ungezählte Gaben der Liebe wurden in den Bau hineingebaut, die Vater durch ein besonderes Kollektenblatt erbeten hatte. Wir Brüder schliefen damals nur mit den Schulbüchern unter dem Kopfkissen, um beim ersten Morgenerwachen die Schularbeiten zu erledigen. Denn nachmittags und abends ließ der Kirchbau beim besten Willen keine Zeit dazu.
Auf einen Glockenturm hatte Vater verzichtet. Nur oben in dem Dachreiter sollte ein bescheidenes Glöckchen hängen. Davon hatte der alte Missionar Lückhoff in Südafrika gehört und in seiner schwarzen Gemeinde für einen richtigen Glockenturm 2000 Mark gesammelt. Das war Vater eine ganz besondere Freude, und er prüfte sofort, ob sich der Plan ausführen ließe. Es zeigte sich, daß ein solcher größerer Turm viel zu teuer geworden wäre und die ganze Anlage der Kirche gestört haben würde. Aber in den Ecken neben dem Altarraum waren zwei Sakristeien vorgesehen, deren Mauern leicht in die Höhe gezogen werden und sich zu zwei kleinen Türmen zu beiden Seiten des Chors auswachsen konnten.
Ich sehe noch Vater, wie er auf dem freien Mauerwerk in zehn Meter Höhe ohne Schwindelscheu vor uns Kindern herlief, um die Mauern zu prüfen, ob sie wirklich die Glockentürme tragen konnten. Es zeigte sich, daß sie stark genug waren, und so stehen heute die beiden kleinen Türme da zum Zeichen der Gemeinschaft zwischen Europa und Afrika.
Die Einrichtung der Kirche wurde zum größten Teil in den Werkstätten der Epileptischen hergestellt. Am 26. November war der Bau zur Einweihung vollendet. Nach dem 126. Psalm „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird”, der längst zum Lieblingspsalm der Kranken geworden war, und entsprechend der hohen Lage des alten Zionsberges bekam die Kirche den Namen Zionskirche. Prinz Albrecht von Preußen, der spätere Prinzregent von Braunschweig, damals als Großmeister des Johanniter-Ordens mit Vater in mannigfacher Beziehung, schloß die Tür auf mit den Worten: „Ich öffne die Tür mit dem Wunsche, daß alle, die in dieses Haus eingehen, Frieden suchen und alle, die ausgehen, Frieden gefunden haben.” Den Mittelpunkt der Feier bildete naturgemäß Vaters Ansprache, und man kann sich denken, wie gerade bei dieser Gelegenheit sein Herz überfloß von Dankbarkeit gegen Gott und Menschen.