Bei der Nachfeier im Diakonissenhaussaal überbrachte der Generalsuperintendent Nebe im Auftrage der Theologischen Fakultät Halle Vaters Ernennung zum Doktor der Theologie. Wir Kinder waren sehr stolz; Vater aber hat nie von dem Titel Gebrauch gemacht, ebensowenig wie von seinen Orden. Nicht aus Geringschätzung. Er konnte sich gelegentlich redlich für andere bemühen, wenn er wußte, daß jemand mit solch einer Auszeichnung eine Freude und Ermunterung zuteil wurde. Aber für ihn selbst war dies Gebiet menschlicher Anerkennungen überwunden. Er bedurfte ihrer nicht, weder für seine Person noch für seine Arbeit. Nur das Eiserne Kreuz, das ja nicht eigentlich in die Reihe der Orden gehört, legte er bei besonderen Vaterlandsfesten und bei Besuchen im königlichen Hause an.

Der junge Bauführer der Kirche aber verdiente sich bei dem Bau seine Sporen. Er kehrte in seine Vaterstadt zurück, und nach Jahr und Tag fanden wir seinen Namen an der Spitze eines gemeinnützigen Bauunternehmens.

Arbeiterheim.

„Es ist ein schweres Unrecht, wenn man den kleinen Mann, der doch wie wir mit beiden Beinen auf der Erde steht und stehen muß, nur immer auf das Jenseits vertröstet.”

F. v. B.

Bielefeld war rasch gewachsen. Neben die alte Leinenindustrie waren andere Industrien getreten, die bald die Vorherrschaft übernahmen. Mit dem schnellen Wachstum, das nach außen alle Lebensverhältnisse ergriffen hatte, hatte das Wachstum der inneren Kräfte nicht Schritt gehalten, weder bei Arbeitgebern noch bei Arbeitnehmern. Die Stände rückten immer weiter auseinander. Die Arbeitgeber behaupteten ihre alte uneingeschränkte Stellung, und ihnen gegenüber drängten die Vortruppen der Revolution heran. Es kam zu immer erregteren sozialdemokratischen Versammlungen. Einige Male nahm Vater daran teil. Er glaubte zum Frieden oder wenigstens zur Verständigung helfen zu können, stieß aber auf kühle Ablehnung, zum Teil auf bitteren Hohn. Nach dem zweiten oder dritten Versuch verzichtete er endgültig auf diesen Weg. Er hat seitdem nie wieder irgend eine parteipolitische Versammlung besucht, zu welcher Richtung sie sich auch bekannte.

In der Arbeiterschaft aber hatte sich zunächst der Verdacht festgesetzt, daß Vater zu den Reaktionären gehöre, die auch die berechtigten Ansprüche der Arbeiter hintertrieben. Die Diakonissen von Sarepta, die in jahrelanger treuer Arbeit an Kindern, Kranken und Armen der Stadt, namentlich aus den Kreisen der arbeitenden Bevölkerung, gedient hatten, wurden jetzt auf den Straßen als geheime Agentinnen Bodelschwinghs öffentlich beschimpft.

Im Winter 1886 brach in Bielefeld der erste größere Streik aus. Die Erbitterung wuchs in solchem Maße, daß es zu Gewalttätigkeiten kam und der Belagerungszustand erklärt werden mußte. Mitten in die Erregung der Gemüter wurde die Nachricht geworfen, Vater hätte der Fabrik, in der der Streik entstanden war, durch Kolonisten von Wilhelmsdorf heimlich Hilfe geschickt. Die Sache war völlig aus der Luft gegriffen, wurde aber geglaubt, und eine Flutwelle von Zorn und lange verhaltenem Grimm warf sich auf Bethel. Nun mußte auch das friedliche Anstaltsgebiet in den Belagerungszustand einbezogen werden. Militär-Patrouillen umkreisten bei Tag und Nacht die Anstaltshäuser. In unsern Garten wurde ein Schilderhaus mit ständigem Wachtposten und geladenem Gewehr gesetzt. Die Chorfenster der Zionskirche, die vom alten Kaiser Wilhelm, dem Kronprinzen und dem Prinzen Wilhelm, dem späteren Kaiser, geschenkt waren, wurden durch Drahtnetze gegen Steinwürfe geschützt.

Da erscholl eines Nachts Feuerlärm: „Eben-Ezer brennt!” Es war das alte Bauernhaus unten im Tal, die Wiege der Anstalt für Epileptische. Nicht das Haupthaus brannte, sondern ein angebauter Schlafsaal, von blöden epileptischen Männern bewohnt, dessen Dach sich tief an den Berghang lehnte und durch böswillige Hand mühelos von ebener Erde aus angesteckt werden konnte. Die Feuerwehr war schnell zur Stelle, aber ebenso schnell sammelte sich rings um die Brandstelle her eine Schar wilder Gestalten, meist junger Burschen, die dem Schauspiel zusahen. In das Schreien der Kranken, die zum Teil nur mit Gewalt aus dem brennenden Hause getragen werden konnten, mischte sich das Johlen jener Zuschauer, in denen die rohe Leidenschaft entfesselt war. In plattdeutscher Sprache hörte man den Ruf: „So ist’s recht, daß Bodelschwingh brennt; warum hat er uns aus unsern Häusern vertrieben!”