Drei Tage daraus brannte es zum zweiten Male, diesmal in dem Ackerhofe für Epileptische, Hebron. Auch diesmal blieben alle Nachforschungen nach der Ursache des Brandes unaufgeklärt; nur daß alles darauf hindeutete, daß in beiden Fällen ein heimlicher Racheakt vorlag.

Aber Vater blieb jedes Gefühl der Bitterkeit fern. In seinen Ohren tönte jener nächtliche Ruf fort: „So ist’s recht, daß Bodelschwingh brennt; warum hat er uns aus unsern Häusern vertrieben!” Wie ein Feuerbrand war dieses Wort in seine Seele gefallen und hatte gleichzeitig wie ein Blitz ein dunkles Gebiet erhellt, das nun als ein neues weites Arbeitsfeld vor seinem Auge lag: das Feld der Wohnungsfrage.

Worin lag das Berechtigte in jenem nächtlichen Anklageruf? In der Tat war im Hinterlande der Anstalt eine Besitzung nach der andern im Laufe der Jahre aufgekauft worden. Nicht nur die Eigentümer dieser Besitzungen waren fortgezogen, sondern mit ihnen auch die Mieter, die teils mit den Besitzern im selben Hause, teils in den kleinen Kotten der aufgekauften Bauernhöfe gewohnt hatten. Niemand, auch Vater nicht, hatte sich darum gekümmert, wo sie geblieben waren. Das fiel ihm jetzt wie eine schwere Anklage auf die Seele. Denn immer, wenn er auf Bitterkeit und Feindschaft stieß, fragte er zunächst nicht nach des andern Schuld, sondern nach seiner eigenen.

Er überdachte, wie alle diese kleinen Besitzer und Mieter sich früher einer Wohnung abseits der großen Stadt hatten erfreuen können und dazu eines Stückes Garten- und Feldlandes, wo Mann, Frau und Kinder miteinander die Früchte für sich und ihr Kleinvieh ziehen und den Feierabend und Sonntag in Gottes freier Schöpfung zubringen konnten. Jetzt waren sie durch den Verkauf in die Stadt gedrängt, ohne Licht und Luft für Weib und Kind und ohne das liebgewordene Stück Land, aber mit wachsender Verbitterung im Herzen gegen die „Frommen”, die für die Kranken sorgten, aber die Gesunden darüber verkümmern ließen. Was Wunder, wenn sich diese Verbitterung Luft machte!

Aber das war doch nur ein kleines Stück des weiten Gebietes, das durch jenes Wort in helles, lebendigstes Licht gerückt worden war. Das ganze Wohnungselend der Großstädte tauchte vor ihm auf. Wie viel edles deutsches Familienleben war hier in staubige Straßen, in hohe, unruhige Mietskasernen zusammengepfercht! Ohne Sonne, ohne Vogelsang, fern von Wald und Feld mußten hier die Eltern ihre Kinder aufwachsen sehen, während dicht vor den Toren der Städte sich das weite Land dehnte, wo ungezählte Familien ihr eigenes Heim hätten finden können. „Man hat gänzlich vergessen,” schrieb Vater, „daß, seitdem wir Pulver und gezogene Geschütze haben, die Zeiten längst vorüber sind, in denen man die Menschen, um ihnen Schutz zu gewähren, in feste Städte zusammenpressen mußte.”

Aber was hatte überhaupt den deutschen Arbeiter in die Stadt gedrängt? Die Erinnerung an seine Zeit als landwirtschaftlicher Eleve und Inspektor in Hinterpommern tauchte vor Vaters Augen auf. Schon damals waren es vielfach gerade die Gutsarbeiter gewesen, die, sobald sie sich genügend erübrigt hatten, die Abhängigkeit von der Gutsherrschaft aufgaben und, von der Sehnsucht nach Selbständigkeit getrieben, entweder nach Amerika gingen oder in die Großstädte zogen. Seitdem hatte dieser Zug vom Lande in die Stadt immer mehr zugenommen. Statt daß Bismarcks Wort aus einer seiner ersten Reden: „Die großen Städte müssen zerstört werden” — im rechten Sinne verstanden — in die Wirklichkeit umgesetzt worden wäre, hatte man die Städte immer mehr zu schrecklichen Wasserköpfen anwachsen lassen, die den ganzen Volkskörper verunstalteten, dessen Glieder gleichzeitig durch die beständige Abwanderung vom Lande in die Stadt immer mehr verkrüppelten.

Dazu kam die zunehmende kirchliche Verwahrlosung in den großen Städten. Vater ließ sich nie erbittern, aber hier haben wir ihn doch manchmal mit tiefen Gefühlen des Schmerzes kämpfen sehen im Gedanken an die schmerzlichen Versäumnisse der Kirche. Statt mit dem Wachsen der Großstädte Schritt zu halten, überall schnell und im voraus für geeignete Plätze für Kirchen oder noch lieber einfache Bethäuser zu sorgen, statt kleine Gemeinden einzurichten, in denen noch ein persönliches Verhältnis zwischen Pastor und Gemeindegliedern möglich gewesen wäre, hatte man diese Riesengebilde entstehen lassen, Gemeinden von oft vielen Zehntausenden von Seelen, die keine Gemeinden mehr waren, sondern nur noch Pflegestätten für einzelne.

Aber nie hielt sich Vater lange bei solchen Anklagen auf. Immer wandte er sich schnell zu dem, was er selbst versäumt habe, was er selbst wieder gut machen könne. Und hier mußte er, der sich so manchmal über die Kurzsichtigkeit entsetzt hatte, mit der man früher in Hinterpommern die Bauernhöfe aufgekauft hatte und die Gutsarbeiter ihrer Wege hatte ziehen lassen, ohne zu fragen, wohin — jetzt mußte er sich ehrlicherweise gestehen, daß er selbst das gleiche hatte geschehen lassen; denn was hatte er für die Leute getan, die ihre Besitzung und Wohnung seinen Kranken eingeräumt hatten? Nichts. Aber was konnte er jetzt tun?

Vaters Studierstubenfenster lag nach dem Garten und den Bergen hinaus. Von seiner Arbeit fiel sein Blick auf diese Berge und in unsern Garten. Welche Freude hatte er immer an seinen Obstbäumen, die er aus Dellwig mitgebracht hatte! Schon im frühesten Frühjahr suchte er nach den treibenden Blütenkolben. Im Garten, vor seinen Augen, hatte er uns ein Turnreck aufrichten lassen und uns die ersten Übungen daran selbst vorgemacht; dicht unter seinem Fenster hatten wir unsern Kaninchenstall und unsere Räuberhöhle angelegt; und im Giebel an der andern Seite girrten die Tauben, die des Morgens, wenn wir in der kleinen Veranda frühstückten, uns auf Schultern und Armen saßen und uns die Bissen aus dem Munde holten. Das alles hatte er und hatten wir. Aber der Arbeiter wohnte in der engen Stadt! Wie oft hat er sich und uns diesen Gegensatz vor Augen gemalt!

Über den Garten hinweg aber ging der Blick auf die Höhen des Teutoburger Waldes, an deren Abhang die Ackerbürger von Bielefeld und seiner Vorstadt Gadderbaum ihre Gärten und Felder hatten. Dort oben war auch der schöne neue städtische Friedhof entstanden, und links davon, vom Friedhof auf der einen Seite, von Buchen- und Tannenwald auf zwei andern Seiten eingeschlossen, aber mit freier, weiter Aussicht nach Osten hin, lag ein Grundstück von etwa sechs Morgen Größe. Darauf blieb Vaters Blick hängen. Diesmal konnte er nicht warten, bis von irgendwoher ein Angebot kam; denn jetzt galt es, verloren gegangenes Gebiet zurückzuerobern. Freund Bökenkamp, der stille, vorsichtige, zuverlässige Mann, tat die entscheidenden Schritte, und bald war das Grundstück oben am Berge gekauft. Damit war neuer Heimatboden gewonnen für Heimatlose, Vertriebene, Verbitterte.