Das Grundstück wurde in acht gleich große Bauplätze eingeteilt, und für jeden Platz entwarf Vater je ein Haus, für jedesmal eine Familie bestimmt, jedoch groß genug, daß oben in den Dachzimmern noch die erwachsenen Kinder oder, wenn eins der Kinder sich verheiratete und die Besitzung übernahm, die alternden Eltern Wohnung finden konnten. Dann wurde der Platz öffentlich ausgeschrieben. Jeder Arbeiter konnte sich bewerben. Nach seiner Partei oder politischen und kirchlichen Stellung wurde nicht gefragt. Bedingung war nur, daß er eine selbstersparte Summe von 500 Mark anzahlen konnte. Darin sollte die Bürgschaft liegen, daß man es mit einem nüchternen, fleißigen Mann zu tun habe, der auch in Zukunft regelmäßige Abzahlungen leisten würde.

Hatte man schon von unserm Hause aus den Eindruck, wie schön es dort oben sein müsse, so zeigte sich, wenn man oben stand, die Lage der Grundstücke vollends als unvergleichlich. Es meldeten sich alsbald mehr Bewerber, als berücksichtigt werden konnten. Das Los mußte entscheiden. Unter die acht, zu deren Gunsten die Entscheidung fiel, wurden abermals durch das Los die einzelnen Plätze verteilt. Doch war keiner gezwungen, den für jedes einzelne Grundstück vorhandenen Bauplan anzunehmen. Er konnte daran je nach Wunsch und Bedürfnis ändern. Man wollte helfen und raten, aber keine Gewalt antun. Sobald ein Drittel des Gesamtwertes abgezahlt war, ging das kleine Besitztum an seinen neuen Eigentümer über.

Was aber wurde aus den übrigen Bewerbern, die nicht hatten berücksichtigt werden können? Sie waren jetzt diejenigen, die vorwärts drängten. Ein Aufhalten, ein Stillstehen wäre Unbarmherzigkeit gewesen. So kam es zum Ankauf des zweiten Grundstückes, des dritten u. s. f., und in allmählichem Fortschreiten legte sich ein großer Kranz von Arbeiterheimstätten in näherer oder weiterer Entfernung rings um Bielefeld.

Aber die örtliche Not, die hier gestillt wurde, war doch nur ein winziger Bruchteil der ungeheuren Wohnungsnot des Vaterlandes. Und die Aufgabe, die man hier auf kleinem Raum löste, mußte überall in Angriff genommen werden. Es galt, einen eigenen Mittelpunkt zu schaffen, von dem aus diese Not an alle herangetragen und diese Aufgabe allen zur Pflicht und Freude gemacht wurde. So entstand im April 1885 der „Deutsche Verein Arbeiterheim”. In besonderen Anschreiben setzte Vater den Zweck des Vereins auseinander, und bald meldeten sich aus allen Teilen des Vaterlandes die Mitglieder, teils einzelne Privatleute, teils Korporationen und Gemeinden. Die Kaiserin und später die Kronprinzessin Cecilie übernahmen das Protektorat zum Zeugnis, daß es sich hier um die wichtigste Grundlage alles Staats- und Volkslebens, die Erhaltung der Familie, handle.

„Mehr Luft, mehr Licht und eine ausreichend große Scholle für den Arbeiterstand!” war nun der Ruf, den Vater durch Wort und Schrift hinausgehen ließ in Stadt und Land. In schlichtesten, tief ergreifenden Worten brachte er alle Saiten des Herzens zum Schwingen. Herz, Gemüt, Verstand, Gewissen faßte er in gleicher Weise an. Die städtischen und ländlichen Behörden so gut wie die einzelnen Besitzer wies er auf diese entscheidende Aufgabe hin. Wir haben sein Herz beben gehört, zittern gefühlt über der Frage: Wird es noch gelingen, hier das deutsche Gewissen wachzurufen?

Und immer gingen Wort und Tat Hand in Hand. Die grundlegende Frage war: Wie kann dem Arbeiter das Geld zur Aufrichtung einer Heimstätte beschafft werden? Denn selten oder nie hatte er dazu ausreichendes eigenes Kapital in der Hand. Wohl hatte der Verein „Arbeiterheim” an seinem Teil den einzelnen Erwerbern als Rückhalt gedient und ihnen das nötige Kapital flüssig gemacht. Aber seine Schultern wären zur Durchführung im großen zu schwach gewesen. Es mußte stärkerer und weiterer Rückhalt geschaffen werden. Wo war er zu finden?

Die staatlichen Rentenbanken halfen größeren und mittleren Besitzern mit Darlehen, die in jahrzehntelanger Tilgungsfrist unter geringer Verzinsung zurückgezahlt wurden. Hier setzte Vater ein. Was dem größeren und mittleren Besitzer zugebilligt wurde, warum sollte es dem kleinen nicht auch gewährt werden?

„Es gibt kein Kapital, das sicherer angelegt wäre, als beim kleinen Mann, kein Kapital auch, das höhere Zinsen brächte.” In allen Tonarten, mit allen Beweismitteln hat Vater diesen Satz vertreten. Er kannte die nie zu erstickende Liebe des deutschen Familienvaters zur eigenen Scholle. Er vertraute mit größter Zuversicht, daß der deutsche Arbeiter überall, wo man ihm die Hand dazu böte, alles daran setzen würde, ein eigenes Heim nicht nur zu erwerben, sondern auch zu behalten und die, die ihm dazu verhalfen, nicht im Stich zu lassen. Er wußte auch, daß es unter allen irdischen Mitteln kein sichereres Gegengift gibt gegen Trunksucht, Unzucht und Prunksucht als das eigene Dach und den eigenen Herd.

Darum gelang es ihm auch in unablässigem Bemühen um die Herzen der verantwortlichen Männer und Behörden in Provinz und Staat, in Schreibstuben und auf den Ministerstühlen, daß schließlich die Beleihungsgrenze bis zu den kleinsten Besitzungen ausgedehnt wurde. Im Jahre 1907 erfolgte der Ministerialerlaß über Zwergrentengüter, wonach auch die sogenannten Zwergsiedlungen von nicht mehr als einem halben Morgen Größe von den Rentenbanken bis zu drei Vierteln des Gesamtwertes beliehen wurden.