Damit war der Weg gebahnt zu umfassenden Siedlungen in städtischen und ländlichen Bezirken. Wenn nur weitherzige Baupolizeivorschriften, weitblickende Gemeindepolitik und weitgreifende Anleitung der Verwaltungsbehörden alle tätigen, sich selbst helfenden Kräfte des deutschen Vaterlandes künftig nicht eindämmten, sondern weckten und förderten, so zeigte sich jetzt die ungehinderte Aussicht auf eine Gesundung des gesamten Volkskörpers. Der Arbeiter war nicht mehr ausschließlich angewiesen auf die Barmherzigkeit von Privaten oder gemeinnützigen Vereinen, sondern es war ihm zu einem Recht verholfen an die materiellen Hilfsquellen des Staates.

Schwere Hemmungen blieben ja bestehen. Immer war es so, daß, wo irgend eine Arbeitersiedlung einsetzte, die Bodenpreise in der Umgebung der Siedlung in die Höhe schnellten und den nachfolgenden Siedlern die Erwerbung eines Eigentums erschwerten. Um hier grundlegende Wandlungen zu schaffen, hatten die Bodenreformer unter Damaschke eine unermüdliche Arbeit angegriffen. Aber dieses ganze große Gebiet ließ Vater unberührt. Ich fragte ihn einmal, wie er über die Frage der Bodenreform im Sinne Damaschkes dächte. Er antwortete: „Davon verstehe ich zu wenig.” Es lag nicht in seiner Natur, sich mit Fragen zu beschäftigen, deren Lösung erst in weiter Zukunft lag. Er fühlte sich auch auf diesem Gebiete nicht zum Reformer oder Reformator berufen. Die praktischen Aufgaben, die sich ihm mit zwingender Gewalt aufdrängten, griff er an und suchte er dadurch zu lösen, daß er die vorhandenen Hilfsmittel verwandte und diese Hilfsmittel so viel wie irgend möglich ausgestaltete.

Alles, was zunächst nur Theorie blieb, lag außerhalb seines Interesses. Die ganze immer mehr anwachsende Literatur über die sozialen Probleme blieb ihm fremd. Er las nichts davon. Nur das, was seine unmittelbar jetzt lösbare Aufgabe betraf und ihn darin förderte, bildete eine Ausnahme. Das griff er mit hellem Blick heraus und machte er sich zu eigen.

Als ihn zu einer Zeit, wo alle Welt mit der „sozialen Frage” als solcher beschäftigt war, der ihm befreundete Professor Riggenbach in Basel bat: „Sagen Sie mir einmal Ihre Gedanken über die soziale Frage!” antwortete er: „Ich spreche nicht gern über Dinge, von denen ich nichts verstehe.” Aber dann ließ er den Fragesteller in anschaulichster Weise hineinsehen in die Gebiete des sozialen Lebens, auf denen er nicht theoretisch, sondern praktisch gearbeitet hatte.

Vaters historischer Sinn, die Dankbarkeit für das, was geworden war, die Achtung vor einer jahrhundertealten treuen Arbeit des Staates ließen ihn nie in den Verhältnissen die Hauptschwierigkeiten erblicken. Deshalb griff er, wie verwickelt oder rückständig diese Verhältnisse oft auch sein mochten, immer mit großer Zuversicht hinein, indem er allem, was gesund in ihnen war, zur Fortentwicklung half, um dadurch ganz von selbst das Verkehrte absterben zu lassen. Nicht unter den Hemmungen, die von den Dingen ausgingen, litt er, wohl aber unter denen, die von den Menschen herrührten. Und gerade auf dem Gebiet der Arbeiterwohnungsfrage erlebte er es mit wachsendem Schmerz, wieviel hier durch Kurzsichtigkeit, Engherzigkeit, Hartherzigkeit und mangelnde Nächstenliebe unterlassen und versäumt wurde.

Am meisten schmerzte ihn die Stellung der landwirtschaftlichen Kreise; denn bei ihnen lag die eigentliche Entscheidung. Je mehr die Städte sich dem Gedanken öffneten, in ihrem Umkreise für die Ansiedlung des Arbeiters zu sorgen, desto mehr Arbeiter wurden doch wieder aus dem Lande in den Bannkreis der Stadt gelockt. Darum mußte das Land seine bisherige Stellungnahme aufgeben. Wohl gab es auch hier eine langsam zunehmende Einsicht. Aber sie war doch nicht allseitig genug. „Wir werden uns keine Laus in den Pelz setzen dadurch, daß wir unsere Arbeiter selbständig machen”, mußte er immer wieder hören. In einer der besten Gemeinden des Ravensberger Landes sagte er in einer Predigt, daß die Besitzer alle im Grunde nicht Besitzer, sondern nur Verwalter ihres Gutes seien und daß sie, um als Verwalter bestehen zu können, wenn Gott einmal Rechenschaft von ihnen forderte, die Pflicht hätten, dem kleinen Mann zu einem Haus und Stück Land zu verhelfen, das dieser dann wieder als selbständiger Verwalter innehaben könne. Der Bauer müsse sich endlich von dem Gedanken freimachen, als sei es unrecht, wenn er von dem von den Vätern ererbten Besitz etwas abgebe für den kleinen Mann. Aber Vater stieß auf kühle Ablehnung und wurde auf lange Zeit hinaus nicht wieder in diese Gemeinde eingeladen.

Ähnlich ging es ihm weiten Kreisen der Großgrundbesitzer gegenüber. Er hat es nie verkannt, wieviel von manchen unter ihnen für den Landarbeiter geschah, wie die Wohnungen in wachsendem Maße verbessert wurden und der Landarbeiter sich, wenn er seine Einkünfte berechnete, vielfach weit besser stand als der freie Industriearbeiter der Großstadt. Aber eng und starr hielten vielfach auch die besten Besitzer an dem Grundsatz fest: „Alles für den Arbeiter, nichts durch ihn”, d. h. sie waren bereit, für den Arbeiter und die Verbesserung seiner Lage in jeder Hinsicht nach dem Maße ihrer Kräfte zu sorgen, aber nur, solange er als Mietsmann in abhängiger Stellung dem Gute gegenüber blieb. Sobald es sich aber darum handelte, den Arbeiter auf eigene Füße zu stellen, sodaß er auf eigener Scholle durch eigene Arbeitskraft sich sein Heim schuf und dann durch freien Entschluß in ein neues Dienstverhältnis zum Gute trat, hielten die Besitzer mit ihrer helfenden Hand zurück. Man wollte ihn in der Hand behalten, und gerade so verlor man ihn.

Durch die immer mehr gesteigerte Tätigkeit der Volksschule wurde der Gesichtskreis auch des Landarbeiters erweitert, sein Selbstbewußtsein gehoben, all seine Kräfte geweckt. Aber man gab diesen Kräften kein Feld eigener Betätigung, eigener Entfaltung. Das mußte schließlich zu einer Katastrophe führen. „Zwanzig Jahre habt ihr noch Zeit,” hörte ich Vater zu einem Großgrundbesitzer sagen; „wenn ihr dann nicht Ernst gemacht habt, habt ihr die Revolution.” Und ein anderes Mal: „Vor den Russen und Franzosen ist mir gar nicht bange. Aber bange ist mir vor der Unzufriedenheit und Gottentfremdung im eigenen Volk. Wenn ihr helfen wollt, dann helft, dem Deutschen die eigene Scholle wiederzugeben.” Dabei ging für ihn die Lösung der sozialen und der religiösen Frage immer Hand in Hand. So sagte er auf dem Kongreß für Innere Mission in Kassel im Jahre 1888: „Um reif zu werden für die himmlische Heimat und Heimweh nach dem Vaterhause droben zu haben, ist es nötig, daß man zuerst einmal ein irdisches Vaterhaus liebgewonnen hat. Diejenigen, die nichts mehr von einem Verlangen nach einem irdischen Vaterhause wissen, sind meist auch für das Verlangen nach einem ewigen Vaterhause abgestorben.”

Es muß ehrlicherweise zugegeben werden, daß Vater manchen Großgrundbesitzer befremdete, weil er bei der Glut, mit der er seinen Gedanken vertrat, bei manchem den Eindruck erwecken konnte, als wollte er alles Bestehende auf den Kopf stellen. Aber im Grunde hatte er nie daran gedacht, daß die vorhandenen Mietsverhältnisse sämtlich aufgelöst werden sollten, damit jeder Arbeiter sein eigener Herr würde auf eigener Scholle. Er wollte nur, daß dem Arbeiter die Möglichkeit dazu verschafft und daß seiner drängenden Kraft Ventile geöffnet würden. Es war ja klar, daß viele das sorgenfreie Leben im Mietshause der Verantwortung für ein eigenes Besitztum vorziehen würden. Aber denen, die nach dieser Verantwortung sich sehnten, sollte der Weg dazu offen stehen.