Mit der freien Bahn, die dem Landarbeiter geöffnet werden sollte, ging freilich Hand in Hand, daß auch der Industrie Möglichkeit gewährt wurde, sich auf dem Lande niederzulassen. Nur so würde das Wachstum der Großstädte unterbunden werden. Namentlich die Kanäle sollten nach Vaters Gedanken dazu dienen, die Industrie auf das Land zu ziehen. Unermüdlich war er auch für diesen Gedanken eingetreten.

Mit der Industrialisierung des Landes würde ja auch mehr und mehr dem Mißverhältnis gesteuert werden, daß die Bodenpreise in der Nähe der Städte übertrieben hoch, auf dem Lande unverhältnismäßig gering waren. Und denjenigen Landwirten, denen die ganze Frage nicht so sehr eine Angelegenheit der sozialen Gerechtigkeit, sondern des Geldbeutels war, zeigte Vater, wie auch sie bei ganz nüchterner Berechnung sich sagen mußten, daß das Festhalten des Arbeiters auf dem Lande, auch rein vom rechnerischen Standpunkte angesehen, ihr eigenster Vorteil sei. Durch die Rente, die der Landarbeiter für den erworbenen Grund und Boden zahlte, konnte der Großgrundbesitz einen Teil seiner Schulden abstoßen. Durch die Zunahme der Landbevölkerung war das Absatzgebiet für die Landwirtschaft bereichert und die Möglichkeit zur Erlangung geeigneter Arbeitskräfte nicht gemindert, sondern vermehrt.

Hat Vater vergeblich gearbeitet? Als die Revolution ausbrach und Bielefeld im Norden Deutschlands eine der wenigen großen Städte war, in denen sich der Umschwung der Dinge verhältnismäßig ruhig vollzog, wurde als letzte Ursache dieser erfreulichen Erscheinung zweierlei genannt: die verständige Hand eines maßvollen sozialdemokratischen Führers und die soziale Arbeit Vater Bodelschwinghs. Das will freilich, auf das Ganze des Vaterlandes gesehen, nicht viel sagen. Aber wenn der praktische Ertrag auch verhältnismäßig gering war, — denn was bedeutete die Ansiedlung von einigen tausend Arbeitern auf eigenem Grund und Boden im Einfamilienhaus gegenüber der großen Masse, die in die Städte gepfercht blieben und auf dem Lande keine Entwicklungsmöglichkeit vor sich hatten! — Vater ist durch alle Hindernisse und alle schmerzhaften Enttäuschungen nicht abgeschreckt worden, den Gedanken selbst immer wieder hinauszurufen: „Mehr Luft, mehr Licht und eine ausreichend große Scholle für den Arbeiterstand!”

Als darum während des Krieges der Gedanke entstand, jedem deutschen Kämpfer seinen freien Anteil am deutschen Lande zu sichern, da fand er überall lautes Echo. Großgrundbesitzer des Ostens stellten damals weite Gebiete ihres Besitztums zur Verfügung, damit der Gedanke in die Tat umgesetzt würde. Hätten sie es zwanzig Jahre früher getan, wie viel wäre verhütet worden!

Zu spät ist es auch jetzt noch nicht. Die Gedanken des Vereins „Arbeiterheim” haben sich inzwischen überall durchgesetzt. Das ganze Vaterland ist zu einem Verein Arbeiterheim geworden. So könnte sich der Verein in die Stille zurückziehen. Doch besteht er noch fort, damit er überall, wo es gilt, den Gedanken in die Tat umzusetzen, mit seinen Erfahrungen helfen kann.

Das Kandidaten-Konvikt.

Der Überschuß an Kandidaten der Theologie war in den achtziger Jahren groß. Manche von ihnen mußten jahrelang auf feste Anstellung warten und fragten in Bethel um Arbeit an. Vater ergriff diese Gelegenheit, um dafür zu sorgen, daß die brach liegenden Kräfte während der Wartezeit nicht müßig blieben, sondern eine gründliche Schulung erhielten. Er bat den damaligen Kultusminister Goßler, ihm zur Ausbildung einer kleineren Anzahl zukünftiger Pastoren für den Dienst der inneren und äußeren Mission die erforderlichen Geldmittel darzureichen. So entstand 1888 das Kandidaten-Konvikt. Zunächst für vier, später für acht Kandidaten wurden seitens des Ministers die Mittel gewährt. Ein Nebengebäude des Hauses Hermon, Klein-Hermon, wurde ihre Heimat und ist es bis heute geblieben.

Die Arbeit der Kandidaten wurde so geteilt, daß sie des Vormittags auf den verschiedenen Stationen der Anstalt tätig waren, während der Nachmittag der besonderen Ausbildung auf den zukünftigen Beruf vorbehalten blieb. Einer arbeitete auf der Männerstation des Diakonissenhauses, wo er unter der Anleitung der Kandidaten-Mutter, Schwester Riekchen, das Reinmachen der Krankenstuben, das Bettenmachen und dann die eigentliche Krankenpflege lernte und auch an den Operationen teilnahm; ein anderer hatte seinen Posten in Zoar bei den geistesschwachen epileptischen Knaben, der dritte in Hebron, der Landstation der epileptischen Männer, der vierte auf dem Arbeitszimmer des Vaters. Alle acht bis zwölf Wochen wurde gewechselt, sodaß jeder die verschiedenen Arbeitsgebiete kennenlernte. Mit der Zunahme der Kandidaten nahmen auch die Tätigkeitsfelder zu: Arbeiterkolonie, Herberge zur Heimat, Trinkerheilstätte, Pflege der Geisteskranken, Unterricht der Brüder und der epileptischen Kinder usf.

Es verstand sich für Vater von selbst, daß ein zukünftiger Diener des Wortes Jesu Christi, des Freundes und Helfers der Armen, Kranken und Schwachen, zum geringsten Dienst an den Elenden willig sei. Darum stellte er sofort mit einer Selbstverständlichkeit, gegen die es gar kein Widerstreben gab, die ersten Kandidaten, die sich meldeten, in die Arbeit an den Kranken. Ganz von selbst banden sie sich gleich den Schwestern und Brüdern, die ihnen vorarbeiteten, die blaue Schürze um. Sie wurde ihnen schnell zum Ehrenkleid, das sie nach einem Jahr nur mit Wehmut ablegten. Und mancher von ihnen hat die blaue Schürze unendlich leichter und lieber getragen als den Talar.

Es ging allerdings nicht jedem so. Einige kamen, die schon nach kurzer Zeit wieder verschwanden, weil ihnen der Anblick der Kranken zu schwer, der Dienst zu niedrig und entsagungsvoll war. Aber die allermeisten blieben. Ihnen wurde es zur großen Wohltat, daß sie einmal die Gedankenarbeit mit der gründlichen Praxis vertauschen konnten. Das alte Wort „Praxis epibasis theorias” (der Weg der Gewißheit führt durch die Tat) wurde hier immer wieder zur Wahrheit. Über der tätigen Hilfe, die er leisten konnte, vergaß mehr als ein Kandidat die Gedankengrübelei. Im Zusammenleben mit manchen Brüdern und Schwestern des Diakonen- und Diakonissenhauses merkte er, daß Jesus Christus die eigentliche Großmacht in der Welt sei, von der noch heute Wandlungen und Wirkungen ausgehen, die sonst in keines Menschen Macht stehen, und der kindliche Glaube eines am Geiste schwachen Knaben von Zoar oder eines epileptischen Ackerbauers von Hebron wurde ihm zu einem Erlebnis, das alles übertraf, was die Universitätszeit geboten hatte.