Dazu kam dann der persönliche Dienst als Gehilfe unseres Vaters. Die Post kam schon früh, und Vater ließ jede Sendung durch seine Hand gleiten, um an der Handschrift zu prüfen, ob die Rücksicht auf den Briefschreiber es erfordere, daß er allein den Brief öffnete. Alle übrigen Briefschaften übergab er dem Kandidaten. Natürlich kam es vor, daß auch unter dessen Augen Geheimnisse kamen, die den Briefschreiber und Vater allein angingen. Aber nie ist solches Geheimnis ausgeplaudert worden. Das große Vertrauen, das Vater vom ersten Augenblick an in seine Mitarbeiter setzte und das die zartesten und tiefsten Kräfte im Herzen zur Mitarbeit wachrief, wurde heilig gehalten.

War die Post durchgesehen, so berichtete der Kandidat über die einzelnen Schriftstücke, und Vater gab Anleitung zur Erledigung. Je klarer und kürzer der Bericht ausfiel, je größer war für Vater bei seiner gedrängten Zeit natürlich die Wohltat. So berichtete einer, der es besonders knapp machen wollte: „Junger Mann, Offizier gewesen, Schulden gemacht, Abschied, sucht Stellung.” Da sagte Vater nur, aus tiefster Seele heraus: „Arme Mutter.” Der Kandidat hat nachher erzählt, von welch unauslöschlichem Eindruck diese zwei Worte auf ihn gewesen seien.

Die einen Briefe bekam der Kandidat zur Erledigung, mit andern ging er in die einzelnen Häuser, um sie dort zu besprechen oder auf den Schreibstuben abzugeben. Was übrig blieb, beantwortete Vater selbst, und zwar am liebsten immer sofort, indem er seinem Sekretär, der stets die Vormittagsstunden ebenfalls auf dem Arbeitszimmer war, diktierte. „Nur nichts aufschieben” war seine Losung. „Aufschieben macht Qual.” Dann hörte der Kandidat zu, welche Antworten gegeben wurden, und die tiefe Liebe, die bei aller Kürze aus jedem Briefe sprach, den Vater diktierte, konnte nicht ohne stärksten Einfluß bleiben und wurde zu einer Saat, die in der Erinnerung haften blieb und bei manchem Kandidaten, der inzwischen längst zu Amt und Würden gekommen war, Jahr um Jahr neue Früchte trug.

Am Nachmittag wurde unter der Leitung des Seniors der Kandidaten und später eines Inspektors die Auslegung des Alten und Neuen Testamentes nach dem Grundtext getrieben, an der Hand von Vorträgen und Ausarbeitungen der Mitglieder wurden theologische Fragen besprochen und außerdem die Geschichte der Inneren und Äußeren Mission behandelt.

Die Übungen in der Katechese und in der Predigt leitete Vater selbst. Aber eigentlich konnte man die kurzen Stunden, die jeden Mittwochnachmittag um halb drei Uhr im Krankensaal des Kinderheims gehalten wurden, nicht katechetische Übungen nennen. Wie schon einmal erwähnt, war Vater in der Tat kein Schulmeister, darum erwartete er auch von den Kandidaten keine katechetische Kunstleistung. Was Vater verstand, war etwas anderes: er konnte erzählen. In der Weise, wie er die biblischen Geschichten in höchster Anschaulichkeit darstellte, hat manche seiner Schwestern es zu einer Kunst des Erzählens gebracht, die Kinder und Kranke aufs tiefste fesselte und die bis in den Grund nicht nur des Gemütes, sondern auch des Gewissens ging. Dieses Erzählen, nur durch gelegentliche Fragen unterbrochen, hat er auch mit den Kandidaten geübt und ihnen selbst vorgemacht.

So besinne ich mich, wie er einmal vor den Kindern, die zum Teil in ihren Betten lagen, zum Teil auf kleinen Stühlen vor und zwischen den Kandidaten saßen, die Geschichte von der königlichen Hochzeit erzählte. Als er an die Stelle kam, wie der König hineinging, die Gäste zu besehen, und Vater nun seine Augen von einem zum andern wandern ließ, da ging ein Beben durch uns hindurch, und als er vollends darstellte, wie der König den einen Gast traf, der kein hochzeitliches Kleid anhatte, da schlug jeder unwillkürlich die Augen nieder in der Sorge, er selbst könne vielleicht der eine sein. Es war gar keine Mache dabei, nichts Theatralisches, nichts Eingeübtes; es war ein wirkliches Ergriffensein von der Schönheit, Größe und Gewalt des Wortes Jesu.

Auch die alttestamentlichen Geschichten wurden so behandelt. Alle nicht in Hast, aber in möglichster Kürze. Länger als höchstens eine Viertelstunde hatte meistens der einzelne Kandidat nicht. Dann kam noch ein zweiter an die Reihe, um irgend eine andere Geschichte aus dem Leben daheim oder in der Heidenwelt zu erzählen.

Am Freitag um fünf Uhr war die Predigt der Kandidaten in der kleinen Kapelle von Sarepta. Sie war den Kandidaten so leicht und zugleich so schwer gemacht wie nur möglich. So leicht, weil das Publikum, vor dem sie zu sprechen hatten, nicht zum Fürchten war. Die Fenster, die nach rechts und links in die Krankensäle führten, waren geöffnet, und von ihren Betten lauschten die Kranken nicht auf hohe Töne der Weisheit, sondern auf ein einfaches Wort der Erquickung; und auf den Bänken in der Kapelle selbst saß für gewöhnlich nur eine einzige Station von epileptischen Mädchen unter der mütterlichen Führung der alten Schwester Christiane. Auch sie stellten keine hohen Ansprüche, sondern waren um so dankbarer, je einfacher das Wort war, das zu ihnen gesprochen wurde.