Aber gerade hierin lag nun auch die große Schwierigkeit der Aufgabe. Über die höchsten Dinge ganz kindlich zu sprechen, sodaß Leidende, Sterbende und am Geiste Schwache sich daran aufrichten können, das war die Kunst, die hier gelernt werden konnte, nicht an hohen menschlichen Vorbildern, sondern an dem Vorbilde dessen, der die tiefsten Geheimnisse des Reiches Gottes in so schlichte Bilder und Gleichnisse fassen konnte, daß sie allen Völkern der Welt in ihren einfältigsten und ihren weisesten Gliedern zugleich faßlich und unergründlich sind.

In der kleinen Brüderstube der Männerstation von Sarepta, in der der alte Heermann gewohnt hatte und gestorben war, fand dann im unmittelbaren Anschluß an die Predigt die Kritik statt. Erst kam die Nachmittagsstunde bei den Kindern des Kinderheims zur Besprechung, dann die Predigt. „Wer sagt ihm etwas?” fragte dann Vater die versammelten Kandidaten. „Bitte, sagt ihm etwas!” Zum Schluß kam dann Vater selbst. Er ließ sich das Konzept nicht vorher geben, aber er hörte sehr genau der Predigt zu.

Auch das Äußere ließ er sich nicht entgehen. Es war damals die Zeit der langen Schnurrbärte. „Sieh mal,” sagte er zum Träger eines derartigen Schmuckes, „die Kranken fürchten sich, wenn du mit solch einem langen Schnurrbart daherkommst, als wärest du ein Unteroffizier.” So traf er, ohne zu verletzen, die verborgene Eitelkeit.

An der Einteilung der Predigt rüttelte er, wenn es nötig war, mit kräftigen Stößen. Aber ihren Inhalt behandelte er immer mit der größten Zartheit. Denn hier handelte es sich ja jedesmal um das Opfer des Heiligsten, was ein Mensch besitzt, das um so größerer Schonung bedurfte, je zarter die Pflanze noch war, die die Früchte ihres Glaubens und ihrer Erfahrung der kleinen Zuhörerschaft dargeboten hatte. Den glimmenden Docht nicht auszulöschen, sondern durch freundliche Ermunterung zu entfachen, und das zerstoßene Rohr nicht zu zerbrechen, sondern zu stärken, das übte Vater in diesen kurzen Feierstunden. Und wenn er weder Lob noch Tadel sparte, so war es so, daß das Lob ermunterte, aber zugleich demütigte, und der Tadel befreite und darum zugleich getrost machte. Einem Kandidaten, dessen Predigten er schon wiederholt zugehört hatte, sagte er: „Wenn du predigst, dann wird mir immer so bange. Du zeigst immer wieder so scharf das sündige Herz. Ich mache das anders. Ich meine, man muß erst in der Gnade stehen und dann von der Gnade aus sich mit den Händen und Armen hinunterneigen und sie heraufheben.”

Sooft wie möglich ließ er sich von den Kandidaten auf die Feste im Ravensberger Lande begleiten. Bei der Rückkehr von solch einem Feste stellte es sich heraus, daß die Kandidaten, die in einem zweiten Wagen saßen, an zwei Frauen, die zu Fuß gingen, vorübergefahren waren, ohne sie zum Mitfahren einzuladen. Er ließ sie alle aussteigen und den Wagen zurückfahren, um die Frauen aufzunehmen.

Sieben Jahre hat Vater in dieser Weise die Konviktsarbeit geleitet. Zwei Gehilfen, Wilm und Hild, die aus den Kandidaten selbst hervorgegangen waren, haben ihn dabei wie Söhne unterstützt. Schließlich zeigte sich die Berufung einer besonderen Kraft zur Leitung dieser wichtigen Arbeit als das Gewiesene.

Pastor Rahn war in der Zeit, wo er in Amsterdam in größtem Segen an der deutschen lutherischen Gemeinde stand und das dortige Diakonissenhaus ins Leben rief, zu Vater in nächste Beziehung getreten. Er übernahm im Jahre 1895 die Führung der Kandidaten, denen er, bis seine Kräfte zusammenbrachen, ein väterlicher Freund und wissenschaftlicher Berater von nie versagender Gründlichkeit, Treue und Hingabe geworden ist.

Afrika.

„Zu den Regeln des Reiches Gottes schickt es sich, daß wir da mit besonderer Kraft des Evangeliums einsetzen, wo die Not am größten ist.”