F. v. B.

Obwohl sein Weg ihn nicht persönlich in die Heidenwelt hinausgeführt hatte, war Vater der Missionsaufgabe treu geblieben. In Paris war er, wie berichtet, für die kommenden und gehenden Baseler Missionare und ihre Familien Berater und Gastgeber gewesen; in Dellwig hatte er durch den „Westfälischen Hausfreund” den Blick auch zu den Heiden hinausgelenkt. In Bethel konnte es darum nicht anders sein. In der Anfangszeit waren es namentlich die kleinen Schriften der Baseler Mission, die ihm ständig zum Verteilen zur Hand waren. Und bald kamen zu den alten Beziehungen neue hinzu. Der junge Bäckergeselle der kleinen Bäckerei von Sarepta, Dietrich Baumhöfner, war als Kind durch eine Kinderschulschwester innerlich angefaßt worden und der göttlichen Stimme treu geblieben. Vater bahnte ihm den Weg in das Berliner Missionshaus, das ihn nach Südafrika aussandte.

Seine Briefe, die er von der Reise und aus den ersten Anfängen in Transvaal schickte, schrieben wir Kinder ab, weil Vater die Originale an andere Missionsfreunde weitersandte. Im Wochengottesdienst las er sie der Gemeinde mit einer so tiefen Anteilnahme vor, daß wir die Reise und die Arbeit Baumhöfners persönlich miterlebten. Im Anschluß an solch eine Stunde eilte ich nach Hause, um meine ganze kleine Barschaft der Missionsbüchse anzuvertrauen, die in Gestalt eines knienden Negers in unserm Zimmer stand. Schon nach wenigen Monaten, als wir eben auf die Bitte Baumhöfners die ersten Posaunen für seine kleine Gemeinde hinausgeschickt hatten, kam die Nachricht, daß er in Georgenholz dem Fieber erlegen war. Wir alle, Kranke und Gesunde, empfanden seinen Tod als einen großen persönlichen Verlust. Die Liebe zur Berliner Mission blieb aber und wurde namentlich durch die südafrikanischen Reisen des Inspektors Wangemann, die Vater eingehend verfolgte, wachgehalten.

Mit der Barmer Mission ergaben sich bald noch engere Anknüpfungen, nicht nur durch die persönlichen Beziehungen zu deren Inspektor Fabri, die seit seiner und Vaters gemeinsamer Studienzeit in Erlangen nicht erloschen waren, sondern besonders auch dadurch, daß die Barmer Mission in allen Gemeinden des Ravensberger Landes treuste Freunde hatte und Vater öfter zu den Missionsfesten eingeladen wurde, auf denen die Barmer Missionare aus ihrer Arbeit berichteten. Missionar Hanstein, aus Hessen gebürtig, hatte sich in Sumatra der Aussätzigen angenommen. Er war auf Schwefelquellen gestoßen, die sich zur Linderung des Aussatzes als besonders wirksam erwiesen, und bat nun um Hilfe, um an den wohltätigen Quellen den Aussätzigen eine Heimat zu errichten. Das war natürlich eine Sache nach Vaters Herzen, der nie gut ins Allgemeine hinaus helfen konnte, sondern immer am liebsten an einer bestimmten Stelle einsetzte und dafür die Herzen erwärmte. Hansteins Briefe verlas Vater in den Familienabenden und wöchentlichen Missionsstunden und entfachte damit unter Kranken und Gesunden die Liebe und Fürsorge für die Aussätzigen, sodaß die Heimat der Aussätzigen auf Sumatra der feste Stützpunkt wurde, um den sich unsere Anteilnahme an den übrigen Aufgaben der Barmer Mission lagerte.

Besonders lebhaft wurden diese Beziehungen, seit der Nestor der Barmer Mission in Südafrika, Missionar Lückhoff, der jene 2000 Mark für die Glockentürme der Zionskirche aus seiner schwarzen Gemeinde gesammelt hatte, nun nicht müde wurde, eine Sendung nach der andern abgehen zu lassen mit südafrikanischen Fellen, Früchten, Straußeneiern und Federn, die den Grundstock bildeten zu einem kleinen Missionsmuseum, das nicht wenig dazu beitrug, unsern Blick in die Völkerwelt hinauszulenken.

So war der Boden längst vorbereitet, als ungewollt und unvermutet sich neue größere Aufgaben auf dem Gebiete der Heidenwelt einstellten.

1884 waren die ersten deutschen Stützpunkte in Ostafrika auf der Insel Zanzibar sowie im Küstengebiet geschaffen worden. Der Kaiser wies sofort darauf hin, daß eine politische Besitzergreifung des Landes nicht genüge, sondern eine Arbeit der Christianisierung ihr auf dem Fuße folgen müsse. Nun hatte Pastor Diestelkamp von der Nazareth-Gemeinde in Berlin von vornherein den regsten Anteil an der Entwicklung der Dinge in Ostafrika genommen und ein kleines Komitee für die Missionsarbeit in der jungen Kolonie zustande gebracht. Der alte, in langjähriger Arbeit in Abessinien erprobte Missionar Greiner und ein junger von der Berliner Mission übernommener Missionar Krämer hatten die Arbeit drüben begonnen.

Aber woher weitere Kräfte nehmen? Sowohl für den Pflegedienst an den Deutschen, die in jener Anfangszeit angesichts des ungesunden Klimas in ganz besonderem Maße solcher Hilfe bedurften, als auch für einen kräftigen Vorstoß in die Welt der Eingeborenen fehlte der Nachschub. Alle Versuche Diestelkamps, bei den bestehenden Gesellschaften und Vereinen der Äußeren und Inneren Mission die nötigen Kräfte zur gründlichen Fortsetzung der Arbeit in Ostafrika zu finden, waren mißlungen. So machte er sich zu Vater auf den Weg. Beide kannten sich von der gemeinsamen Arbeit an den Berliner Arbeitslosen her, für die Diestelkamp die Berliner Arbeiterkolonie in der Reinickendorfer Straße geschaffen hatte. „Es gibt keine Pfütze in Berlin, in die er nicht springt,” sagte Vater einmal, um damit die große Hilfsbereitschaft Diestelkamps und seinen unerschrockenen Unternehmungsgeist auch angesichts schwieriger Aufgaben zu kennzeichnen.

Diestelkamp saß in dem kleinen Sofa unseres Wohnzimmers und Vater ihm gegenüber. Wer wollte es Vater verdenken, daß er angesichts der Aufgaben, die bereits auf seinen und seiner Gemeinde Schultern lagen, zögerte und alle Bedenken darlegte. Aber Diestelkamp blieb fest. Die Absage, die er von allen Seiten bekommen hatte, machte seine Bitte nur um so dringender. Schließlich erklärte er: „Ich stehe nicht eher aus dieser Ecke auf, als bis du mir hilfst.” Anhaltende Bitten aus glühendem Herzen machten auf Vater stets tiefen Eindruck. So auch hier. Er gab nach und sagte Hilfe zu.

Damit war es, als wenn ein Deich überstiegen und der Zionsgemeinde nicht nur der Blick, sondern auch der Weg in unendliche Fernen geöffnet wäre. Bis dahin hatten wir nur von jenseits des Deiches das Rauschen der Völkerwelt gehört; jetzt sollten wir selbst mitten in ihre Wogen hineintauchen. Und es war kein Widerstreben da. Im Schwestern- sowohl wie im Brüderhaus regten und zeigten sich überall die Kräfte, die lieber heute als morgen bereit waren, sich nach Afrika auf den Weg zu machen.