Der Bund, den Vater und Diestelkamp zum Besten Afrikas geschlossen hatten, blieb freilich nicht unwidersprochen. Manche der alten Missionsgesellschaften erschraken. Führer der deutschen Mission erhoben laut Einspruch; das junge Unternehmen bedeute eine Zersplitterung der deutschen Missionswelt und der deutschen Missionskräfte. Vater blieb dem gegenüber nicht taub. Er suchte sich durch eingehende Nachforschungen zu überzeugen, ob nicht doch irgend eine andere deutsche Missionsgesellschaft bereit und in der Lage war zu helfen. Aber ein klarer Ausweg zeigte sich ihm nicht. So ging er seinen Weg fort und trat in den Vorstand der jungen Gesellschaft ein, die von da ab neben der alten Berliner und der Goßnerschen Mission als dritte Berliner Missionsgesellschaft ihren bescheidenen Platz an der Sonne beanspruchte.
Es war damals ein hochbegabter baltischer Pastor nach Bethel gekommen, der nach dem Tode seiner Lebensgefährtin und seines einzigen Kindes einen Zufluchtsort suchte, wo in der Stille sein wundes Herz ausheilen konnte. Er hatte mit einer ungewöhnlichen Hingabe auf verschiedenen Krankenstationen gearbeitet; und als er nach einiger Zeit sich entschloß, sein Schweigen zu brechen, zeigte es sich, daß er zugleich eine hohe Gabe hatte, mit dem Wort an die Herzen heranzukommen. Vater fragte ihn, ob er bereit wäre, der Führer der ersten kleinen afrikanischen Vortruppe zu sein. Dieser hochgemute, edle Mann schien ihm gerade gut genug für die Arbeit unter den Negern. „Denn”, so sagte er gerade im Blick auf Afrika, „die Untersten und Elendesten müssen die besten Pfleger haben.” Und Worms sagte zu. Erst auf der Insel Zanzibar, dann in Dar-es-Salam, wo Missionar Greiner inzwischen die erste Pionierarbeit getan hatte, griff Worms den Pflegedienst an den kranken Deutschen und zugleich die Arbeit an den Eingeborenen an, von zwei Schwestern Sareptas und einem Bruder aus Nazareth unterstützt, alle wiederum von Missionar Greiner beraten, dem seiner Eigenart und Neigung nach die gesamte Arbeit des äußeren Ausbaues der Station vorbehalten blieb.
Inzwischen hatte auch Missionar Krämer in der nördlichen Hafenstadt der Kolonie, Tanga, Fuß gefaßt, und nun entstand die Frage, in welcher Weise sich in Zukunft die Arbeit gestalten sollte. Vater hatte alsbald mit den deutschen Kolonial-Pionieren Wissmann, Baumann, Meyer teils persönlich Fühlung genommen, teils ihre Reisewerke eingehend studiert.
Er hatte daraus die Überzeugung gewonnen, daß die Küstenbevölkerung durch das Arabertum, den Sklavenhandel und den Mohammedanismus schon zu sehr durchseucht sei, um einen fruchtbaren Ackerboden für junge heidenchristliche Gemeinden abgeben zu können. Lediglich die Pflege der Kranken komme hier in Betracht, eine eigentliche Missionsarbeit nicht.
Ebenso lagen für ihn die Dinge im Hinterland der großen Hafenplätze. Auch hier sah er das Volkstum schon zu stark durch die fremden Einflüsse angekränkelt, als daß ein gesundes Aufblühen heidenchristlicher Gemeinden noch zu erhoffen gewesen wäre. Nur unter Widerstreben willigte er darum in die Pläne des Missionsvorstandes, daß im Hinterlande von Dar-es-Salam auf den Höhen von Usaramo ein Versuch gemacht würde, und lenkte für seine Person gleichzeitig den Blick auf das Bergland von Usambara, auf das ihn die Reisenden Baumann und Meyer hingewiesen hatten.
Hier fand er beides: einen gesunden, durch den Mohammedanismus noch nicht berührten Bauernstamm von 80 000 Menschen und ein gesundes Klima, das den Missionaren und ihren Familien eine dauernde, gleichmäßige Arbeit unter dem Volke sicherte.
Gleichzeitig boten sich ihm auch die nötigen Kräfte: zwei Theologen, Johanssen und Wohlrab, mit umfassender wissenschaftlicher Schulung, im Glauben gegründet, in der Liebe glühend und von zäher Gesundheit. Im Frühjahr 1891 wurden sie in Berlin und in Bethel abgeordnet.
Von Vater geleitet, sind wir dann im Geist mit ihnen über das Meer gefahren, erst in Zanzibar, dann in Tanga gelandet, haben den ersten Erkundungszug mit ihnen in das Bergland gemacht, sind wieder zurückgereist durch die Steppe sechs, acht Tage lang an den Indischen Ozean, um es dann mit zu erleben, wie der älteste Sohn des Groß-Häuptlings selbst mit seinen Leuten kam, um unsere ersten Boten wie im Triumphzug hinaufzugeleiten auf die Höhen von Mlalo, die Vater schon lange im voraus als den Ort der ersten Niederlassung ausersehen hatte. Jeden einzelnen kleinen Fortschritt hat dann ganz Bethel geteilt, die erste Hütte, die ersten Sprachstudien, die ersten Schüler, die ersten Taufbewerber, den ersten erlegten Panther, den ersten Einzug der deutschen Frau, das erste Tauffest, das erste weiße Kindchen unter den Schwarzen, die ersten Briefe der schwarzen Christen usf.
Vaters Herz ging in Sprüngen. Das Volk, das Land, die unermeßliche Steppe in der Tiefe, der Spiegel des Indischen Ozeans am Horizont, die blauen Berge von Pare, die herüberwinkten, und das schneeige Haupt des Kilimandscharo, der alles überragte, standen ihm so lebendig vor Augen, wußte er so glühend, so nah, so gegenwärtig zu schildern, daß Besucher, die in den Familienabend von Sarepta oder in die Donnerstagstunde in der Zionskirche kamen, fragten, wann er denn eigentlich in Afrika gewesen wäre. So konnte es nicht anders sein, als daß die Glut auf uns alle übersprang, auf Kranke und Gesunde; und wenn Vater gefragt hätte, wer von uns hinüberziehen wolle, dann hätte keiner zurückbleiben mögen, weil wir alle längst drüben zu Hause waren und es bei jedem von uns im Gedanken an Afrika nach der alten Weise klang: