Auch mir stehst du geschrieben
Ins Herz gleich einer Braut;
Es klingt wie junges Lieben
Dein Name mir so traut.

Als darum die Zeltpflöcke auf den Bergen von Usambara weiter gesteckt werden konnten und die ersten beiden Boten um Nachschub baten zur Besetzung weiterer Posten, ging Vater ins Konvikt der Kandidaten: „Wer ist bereit zu ziehen?” Sie waren alle bereit. „Keiner ist brauchbar für den Dienst in der Heimat, der nicht von ganzem Herzen willig und bereit ist, zu den Heiden zu ziehen”, das war der Sinn, den er unter den Kandidaten gepflegt hatte und der nun zur Tat wurde. Darum ging es jetzt nach dem Liede Krummachers: „Zeig’s an, wen du erkoren, — Greif’ in die Schar hinein! — Dir sind wir zugeschworen, — Dein sind wir, Amen! Dein!”

Natürlich waren bei manchen die häuslichen oder die gesundheitlichen Hindernisse so groß, daß sie, oft mit schwerstem Herzen, zurückstehen mußten. Aber so viele Kräfte von drüben verlangt wurden, so viele waren jedesmal auch im Konvikt und im Brüderhause zur Stelle. Becker und Döring, Holst und Göttmann, Gleiß und Lang-Heinrich waren die ersten Paare, die nach Usambara gingen. Ihnen folgte im Laufe der Jahre eine große Schar von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Als fast den letzten in dieser Reihe fiel dann auch meiner Frau und mir und unsern vier Kindern, einem Herzensanliegen unseres sterbenden Vaters entsprechend, die größte aller Freuden zu, in den Dienst der Heidenwelt zu treten. Zu denen, die durch Gesundheitsrücksichten in der Heimat festgehalten wurden, gehörte der Lizentiat Trittelvitz, dem freilich später noch ein Aufenthalt auf dem afrikanischen Missionsfelde zuteil wurde, der aber doch die längste Zeit seines Afrika-Dienstes in der entsagungsvollen Stellung eines Heimatinspektors zubrachte, in der er mit nie ermüdender Beweglichkeit und heiterer Zähigkeit bis heute das Schiff unserer Missionsarbeit steuert.

Und zu den Menschen kamen die Gaben. Wer wollte der Liebe Einhalt tun? Die Schwestern trugen die Nachrichten weiter auf ihre Stationen, die Brüder ebenso. Im Kinderheim hielten die kranken Ärmchen den Besuchern ihre kleinen Sammelbüchsen hin. Die Kranken schrieben es nach Hause. Und Vater selbst war immer wieder wie der Hirte, der das Schaf gefunden hat, wie die Frau, die ihren Freunden und Nachbarn ruft: Freuet euch mit mir! Die kleinen Blätter, die sonst nur die Nachrichten von den Epileptischen oder von den Brüdern von der Landstraße gebracht hatten, füllten sich nun mit den ersten Siegesbotschaften aus dem fernen Afrika. Und wie sich in Bethel selbst der Horizont geweitet hatte, so weitete sich nun auch der Gesichtskreis der Bethelfreunde im Lande. Auch ihnen trat die hohe leidende Schönheit Afrikas vor Augen. „Schwarz bist du, doch bist du lieblich, holdes, stilles Afrika.”

Als nun vollends an den stillen Abhängen von Mtai die ersten beiden Aussätzigen entdeckt wurden, als Becker und Döring wieder und wieder zu ihnen herniederstiegen in ihre Bergkluft, um ihnen die große neue Botschaft zu bringen, und als der eine von ihnen, Kiase, seinen Landsleuten, die von fern standen, um nach ihm zu sehen, die Botschaft von dem Leben nach dem Tode zurief: „Hört es, Leute, kein Leiden mehr, keine Schmerzen mehr, kein Aussatz mehr; Leute, Leute, hört es!” — da hallte die Stimme der Aussätzigen bis zu uns herüber und stärkte die Leidenden, Ausgestoßenen und Sterbenden von Bethel aufs neue in derselben Zuversicht, die die beiden Aussätzigen drüben so froh machte, und ein Dankbarer, der nicht gekannt sein wollte, warf nächtlicherweile eine getragene Hose über den Zaun unseres Gartens mit einem Zettel daran: „Für den aussätzigen Kiase.”[1]

[1] Vergl. die kleine in der Schriftenniederlage der Anstalt Bethel erschienene Schrift von Missionsdiakon W. Hosbach: „Abraham Kilua, der schwarze Vikar von Neu-Bethel”.

Aber solch hellem Sonnenschein fehlte auch der Schatten nicht. Nicht alle konnten sich mit uns und mit den Bergen Afrikas freuen. Die, die es nicht miterlebt hatten, daß Vater sich auch diesmal nicht in ein neues Arbeitsfeld hineingedrängt hatte, sondern sich vielmehr vorwärtsgeschoben und über alle Hindernisse und Schwierigkeiten von hoher Hand hinweggehoben sah, sie standen zum Teil kopfschüttelnd am Wege, tadelten, hemmten und schütteten das Wasser der Kritik in unsern Freudenwein.

Um Klarheit zu schaffen, schrieb Vater in Erinnerung an den Bau der Mauer zu Jerusalem unter Nehemia (Neh. 4, 10–12): „Schwert und Kelle in Sachen der ostafrikanischen Mission”, eine kleine Schrift, die aus manchem Feind einen Freund der Sache machte. Überhaupt blieb der Kampf, in welchem Vater zeitweilig alle Führer der deutschen Missionswelt gegen sich hatte, auf das sachliche Gebiet beschränkt und half mit dazu, daß die Aufgaben in den neuen Kolonien immer gründlicher und rascher von der deutschen Christenheit verstanden und in Angriff genommen wurden, sodaß eine Missionsgesellschaft nach der andern ihr Zögern aufgab, mit in die zentralafrikanische Arbeit eintrat und, um rascher vorwärts zu kommen, in stärkerem Maße als bisher ausgebildete Theologen heranzog und sie unter ihre seminaristisch geschulten Missionare mischte.

So wurde es deutlich, daß die Befürchtung, die neue kleine ostafrikanische Mission entzöge den bestehenden Missionsgebieten und Missionsanstalten geistige und materielle Kräfte, nicht richtig war. Vielmehr wurden umgekehrt durch Vaters entschlossenes Vorgehen, der sich nicht beirren ließ, neue Ziele gesteckt, neue Kräfte geweckt und neue Hilfsquellen erschlossen. Auch auf diesem Gebiete zeigte es sich, daß ein Wettbewerb, der nicht aus irgend welcher künstlichen Mache entstanden ist, sondern aus dem zwingenden Drängen der Verhältnisse, niemals die natürliche Entwicklung der Dinge hemmt, sondern fördert, während umgekehrt jeder Versuch, einen ehrlichen Wettkampf aufzuhalten oder zu vernichten, die eigenen Lebenskräfte unterbindet.

Als der Gedanke auftauchte, die Missionsarbeit in den Kolonien der organisierten Kirche unter Leitung des Oberkirchenrates zu überlassen, riet Vater auf das entschiedenste ab. Es lag darin keine Geringschätzung der organisierten Kirche — die Treue gegen alles geschichtlich Gewordene war ein hervorstechender Zug in Vaters Art und Arbeit, wie er ja auch die durch die Kirche herangebildeten Theologen in die erste Linie der afrikanischen Vorkämpfer stellte —, aber der Apparat der Kirchenverwaltung erschien ihm zu langgestreckt und schwerfällig für ein Unternehmen, das zu seiner gedeihlichen Entwicklung die innigste und schnellste Zusammenarbeit aller beteiligten Kräfte erforderte. Sind es doch auch in der Tat in der Geschichte der Christenheit fast immer die freien Kräfte gewesen, die die erste Bresche gelegt haben in unbezwungene Mauern.