Viel schwerer als unter dem Widerstande, der nach außen hin zu überwinden war, litt Vater unter dem Gegensatz, in welchem er sich zu dem Vorstand der jungen Missionsgesellschaft in Berlin befand, obwohl auch dieser Gegensatz ganz auf das sachliche Gebiet beschränkt blieb. Keiner von den Vorstandsmitgliedern war jemals in Afrika gewesen. Jeder mußte sich sein Urteil aus den Erfahrungen und Anschauungen anderer holen. Aber selbst als der leitende Inspektor eine Reise in das junge Gebiet machte, konnte sich Vater den Eindrücken, die er mitbrachte, nicht fügen. Sie waren ihm zu jung, zu voreingenommen durch alte Tradition, zu wenig in persönlichem Leiden und persönlicher Arbeit an Ort und Stelle erprobt.
Tief setzte sich seitdem bei Vater die Überzeugung fest, der er immer wieder Ausdruck gab, die Missionsgesellschaften sollten alles daransetzen, nur solche Männer in die verantwortlichen Stellen in der Heimat zu rufen, die auf dem Missionsfelde selbst jahrelang in Reih’ und Glied gearbeitet und dort ihre Erfahrungen gesammelt hätten.
Der Gegensatz drehte sich immer wieder um die Hauptfrage: Arbeit an der Küste oder Arbeit im Innern. An der Küste saß der Mohammedanismus, im Innern das Heidentum. Es war damals die Zeit, wo die Mohammedanermission anfing, sich ihren Platz neben der Heidenmission zu erringen. Darum „Mohammedanermission und Heidenmission”, „Arbeit an der Küste und im Innern”, war die Linie, auf der sich die meisten Missionsvorstände bewegten. Vater konnte diese Bewegung nicht mitmachen. Er war freilich weit davon entfernt, die Mohammedaner preiszugeben. Noch kurz vor seinem Sterben hat er mit tiefster Anteilnahme das Buch des Missionars, jetzigen Superintendenten, Simon über den Islam studiert. Aber für die Küstenplätze Ostafrikas blieb er fest: Hier ist die Arbeit an den Mohammedanern zwecklos. Aufgeben wollte er die Küste nicht. Aber hier sollten nur kleine Stützpunkte bleiben, auf denen einmal den Kranken gedient und zugleich den christlichen Eingeborenen, die durch Erwerb und Handel aus dem Innern an die Küste gezogen waren, ein Halt gewährt wurde.
Der Hauptstoß aber sollte mit ungebrochener Kraft in das Heidentum selbst geführt werden. Je schneller und kräftiger dieser Stoß erfolge, desto besser. Nur so könne dem Vordringen des Islam Einhalt geboten werden. Jede Zersplitterung zwischen Küste und Innerem sei weggeworfene Kraft; und die Gewinnung der vom Islam unberührten Volksstämme des Innern sei die wirksamste Missionsarbeit gegenüber dem Islam selbst.
Nun hatte Vater aber seinerzeit Diestelkamp versprochen, die notwendigen Kräfte für die Aufgaben der jungen Gesellschaft zu stellen. Forderte darum der Vorstand für die Arbeit an der Küste oder an dem schon halb vom Mohammedanismus durchseuchten Stamm der Wasaramo im Hinterlande von Dar-es-Salam die Einlösung dieses Wortes, dann gab es für Vater jedesmal einen Kampf, unter dem wir oft sein ganzes Herz haben erbeben sehen. „Wieder soll ich jemand nutzlos hinschlachten,” rief er dann wohl aus, wenn die Tagesordnung der Vorstandssitzung, die aus Berlin eintraf, Kräfte für die umstrittenen Gebiete begehrte.
Im Konvikt selbst, in der Brüderschaft und Schwesternschaft konnte man nicht anders als sich neutral verhalten. Man ging ja nicht hinaus, um sein Leben zu schonen, sondern es zu opfern, auch wenn der Kampf ganz hoffnungslos schien. „Wehe euch,” konnte dann Vater wohl sagen, „wenn ihr nicht bereit wäret, jeden Augenblick im Fieberland zu sterben, — aber wehe auch mir, wenn ich nicht alles daran setzte, daß euer Leben nicht vergeblich hingeopfert wird!”
Mit unermüdlicher Treue reiste Vater, oft die Nächte zu Hilfe nehmend, nach Berlin, um im Vorstande der Mission seine Überzeugung zu vertreten. Mit fast leidenschaftlicher Glut malte er die Fäulnis des Mohammedanismus an der Küste, für die jedes Salz weggeworfen wäre, und dagegen den sehnsuchtsvollen Ruf der noch unberührten Völkerschaften: Kommt herüber und helft uns!
Seitdem ist die Arbeit an der Küste 25 Jahre lang mit zäher Energie fortgesetzt worden, oft so, daß man gerade die tüchtigsten Kräfte an sie wandte, nicht nur seitens der kleinen Mission Berlin III, sondern auch der großen Berliner Mission, die später die Arbeit in Dar-es-Salam übernahm. Aber weder in Tanga noch in Dar-es-Salam hat die Mission unter der eigentlichen Küstenbevölkerung Fuß fassen können. In Tanga waren es, wie Vater richtig vorausgesehen hatte, fast ausschließlich eingeborene Christen aus dem Innern, die sich vor den Toren der Stadt als ein kleines, beständig vom Islam gefährdetes Häuflein behaupteten.
Als ich im Jahre 1916 die kleine Christengemeinde von Dar-es-Salam besuchte, die sich jenseits des Hafens, fern von dem Getriebe der Stadt, unter ihrem treuen Lehrer und Ältesten Martin ihre kleine Niederlassung geschaffen hatte, und ich einen nach dem andern nach Heimat und Herkunft fragte, da stellte es sich heraus, daß auch nicht ein einziger darunter war, der in Dar-es-Salam geboren war; sie stammten alle aus dem Innern, aus Volksstämmen, die von Mohammedanern noch nicht berührt waren.