Was es aber umgekehrt heißt: sich nicht zersplittern, sondern mit aller Kraft in das gesunde Heidentum vorstoßen, zeigen die guten Erfahrungen von Uganda. Rechtzeitig und mit einer schnell wachsenden Truppe von männlichen und mindestens ebenso zahlreichen weiblichen Kräften hat hier die englische Mission eingesetzt und ist so tatsächlich dem verheerenden Anmarsch des Islam zuvorgekommen. In den Bergländern, die im Gebiet des Indischen Ozeans liegen, ist es nicht mehr gelungen, das Eindringen des Islams zu verhindern, weder in Usambara noch in seinen Nachbargebieten. Vielmehr mußte das kümmerliche Dasein, das die evangelische Mission in den Hochburgen des Islams an der Küste führte, dem Mohammedanismus den Mut stärken für die mohammedanische Propaganda im Hinterlande. Um den Sieg zwischen Christentum und Islam wird dort noch heute gerungen.

Aber unter all den Schmerzen, die er im Widerstreit der Überzeugungen litt, hat Vater sich nicht ermatten lassen. Wie oft haben seine Freunde in Bethel, wie oft auch seine eigenen Kinder ihn gebeten, die Arbeit an der Mission aufzugeben und das Aufgehen der kleinen Gesellschaft in eine größere in die Wege zu leiten oder aber sie ganz nach Bethel zu übernehmen! Er sah für beides die Wege nicht gewiesen. „Berlin hat unsere Arbeit nötig,” konnte er wohl sagen.

Darum bemühte er sich, da die Missionsleitung jahrelang nur zur Miete wohnte, ihr eine eigene Heimat in Berlin zu verschaffen. Er dachte vor allem an die Johannisgemeinde in Alt-Moabit, wo eine kleine Truppe von Sarepta-Schwestern eine Gemeindepflege-Station bediente. An einem Winterabend habe ich ihn einmal dorthin begleitet. Er überzeugte sich, daß der Platz neben der Kirche noch Raum genug bieten würde für ein bescheidenes Missionshaus. Hier sollte nach seiner Hoffnung ein kleines neues Zentrum entstehen zur Pflege des geistlichen Lebens in Berlin. Indem die Schwestern mit ihrem stillen Dienst in den Häusern die Arbeit in der Gemeinde taten, sollten sie zugleich mithelfen, die Blicke der Gemeinde über die eigenen Nöte hinweg zu den großen Aufgaben an der Heidenwelt zu richten. Der Plan zerschlug sich an dieser Stelle, kam aber später in Groß-Lichterfelde zur Ausführung, wo wirklich ein Missionshaus gebaut wurde. Doch gelang es auch von hier aus nicht, dauernd Fuß in Berlin zu fassen, sodaß schließlich aus dem Vorstand selbst heraus der Wunsch entsprang, das Zentrum der Arbeit einheitlich nach Bethel zu verlegen. Nur mit schwerem Herzen hat Vater sich dem gefügt. Er empfand diesen schließlichen Ausgang als einen innersten Verlust für die Berliner Gemeinden, deren wagemutigen Gliedern der erste Anfang der ostafrikanischen Missionsarbeit zu verdanken war.

Aber schließlich lag in dieser Entwicklung doch eine innere Notwendigkeit. Schon mit dem Augenblick, wo damals Pastor Diestelkamp in Bethel erschien, war der eigentliche Schwerpunkt der Arbeit von Berlin nach Bethel verlegt worden. Denn hier lagen die Ausbildungsstätten der Arbeiter und Arbeiterinnen für das Missionsfeld. Hier sahen sie, wenn sie ausgezogen waren, ihre geistige Heimat. Von hier führte Vater, namentlich solange die Arbeit noch klein blieb, mit jedem einzelnen einen eingehenden Briefwechsel, der eine Fülle von väterlichen, seelsorgerlichen Ratschlägen und praktischen Winken enthielt und das gesamte Gebiet der Arbeit umfaßte. Es wurde keine Station draußen angelegt ohne Vaters eingehende Vorstudien, namentlich auch in bezug auf die so wichtige Frage nach gesundem Wasser, und mehrfach war er es, der auf Grund solcher Studien den Stationsplatz bestimmte.

Die Posttage für Afrika, die alle vierzehn Tage wiederkehrten, hielt er pünktlich inne, und oft waren nicht nur Vaters treuer Sekretär, sondern auch wir Kinder auf das angestrengteste beschäftigt, um die Übertragung der zahlreichen Stenogramme rechtzeitig fertigzustellen.

Doch war es nicht so, daß mit der Übersiedlung nach Bethel im Jahre 1906 alsbald eine neue Blütezeit angebrochen wäre, die an die erste Zeit der jungen afrikanischen Liebe erinnert hätte. Während für Vater alle Arbeitsgebiete der Erde in eins zusammenflossen und die Grenzen zwischen der Heimat und der Heidenwelt ineinander überglitten, lenkte Pastor Rahn, seit er der Leiter des Konvikts geworden war, die Blicke der Kandidaten bewußt auf das Feld der heimischen Arbeit zurück in der Überzeugung, daß für den Dienst unter den Heiden ein besonderer, nur ausnahmsweise erfolgender Ruf gehöre.

So kam es, daß das Konvikt nicht mehr wie früher das starke Quellgebiet bildete, das ganz der Arbeit in Afrika zur Verfügung stand. Darum kam zeitweilig der Gedanke auf, man müsse auf die Hoffnung verzichten, Kräfte mit voller theologischer Ausbildung immer in genügender Zahl zur Hand zu haben, und die Frage entstand, ob nicht nach dem Vorbilde anderer Missionsgesellschaften an die Heranbildung seminaristisch geschulter Kräfte gedacht werden müßte.

Es war nicht Vaters Art, namentlich wenn es sich um seine nächsten Freunde und Mitarbeiter handelte, sich sofort solchen Gedanken zu widersetzen. Er ließ sie ausreifen und wartete. Für seine Person blieb er bei der Zuversicht: „Wir haben Theologen genug, wir müssen sie nur rufen.” Als einmal der Leiter einer alten deutschen Missionsgesellschaft ihn besuchte und ihm seine Not klagte, die ihm die beständigen pekuniären Schwierigkeiten bereiteten, sagte Vater: „Ich habe nach immer die Erfahrung gemacht, daß Gott uns nicht mehr Geld gibt, als er uns Geist gibt.” Er lebte auch im Blick auf die wichtigsten Missionsgaben, d. h. die lebendigen sich für die Arbeit unter den Heiden darbietenden Menschen, auch soweit die Theologen in Betracht kamen, der Überzeugung, daß gerade so viele sich einstellen würden, als Geist Gottes in der Missionsgemeinde lebendig ist.

Das zeigte sich in der Tat, als wieder einmal, von Vater unvermutet und ungewollt, im Jahre 1907 ein großes afrikanisches Arbeitsfeld sich öffnete. Unvermutet und ungewollt. Denn inzwischen war das südliche Missionsgebiet Usaramo an die große Berliner Missionsgesellschaft abgegeben worden, deren im Innern gelegene Arbeitsfelder in Dar-es-Salam ihren Hafenort hatten. Es schien, als wenn wir in Bethel auf die sorgsame Bearbeitung des Usambara-Gebietes beschränkt bleiben sollten. Nun aber war der Usambara-Missionar Röhl auf einer Instruktionsreise durch Südafrika mit einem Goldsucher bekannt geworden, der ganz unbekannte zentralafrikanische Gebiete bereist hatte und Röhl auf die starken Völkerschaften hinwies, die, vom Mohammedanismus noch unberührt, jene Gebiete bewohnten.

Jahr und Tag hatten diese Worte in Röhls Seele geschlummert, bis ihm das Buch des Forschers Kandt in die Hände fiel, in dem dieser unter dem Titel „Caput Nili” seine Forschungsreisen zur Entdeckung der Nilquellen beschrieben hatte. Dieses Buch und jene Worte des südafrikanischen Goldsuchers bestimmten die Konferenz der Usambara-Missionare, den heimischen Vorstand zu bitten, einen Vorstoß in jene unbekannten Gebiete unternehmen zu dürfen.