Mit größtem Interesse las Vater das geistvolle Buch Kandts. Hier taten sich in der Tat neue große Ausblicke für die evangelische Missionsarbeit auf. Und alsbald ging die freudige Zustimmung nach Usambara hinüber: Vorwärts nach Ruanda!
Vater hat dann noch die hoffnungsvollen Anfänge in diesem wunderbaren Land der zentralafrikanischen Riesen und Zwerge erlebt. Bis über die Quellgebirge des Nil hinaus konnte die Arbeit ausgedehnt werden.
Auf der Insel Ijwi im Kiwusee, in dem sich die Berge des Kongo und des Nil spiegeln, wurde das Kreuz errichtet zum Zeichen, daß diese Insel, auf die Vater mit besonderem Nachdruck hinwies, mit ihrer starken, eigenartigen Bevölkerung die lebendige Brücke bilden sollte zwischen den Völkern des Nil und des Kongo. Neue Arbeitskräfte stellten sich ein. Theologen, Handwerker, Landwirte, Kaufleute und vor allem die, die überall mit mütterlichem Sinn im Kindheitszustand des einzelnen Menschen wie der Völker die tiefsten Wirkungen ausüben: Frauen, verheiratete und unverheiratete.
Die Erfahrungen, die in Usambara gesammelt waren, konnten jetzt auf dem neuen Gebiet ausgenutzt werden und fanden in der Person Johanssens, der vor dem Aufbruch nach Ruanda die Leitung der Usambara-Mission in die treu bewährten Hände seines Freundes und Schwagers Wohlrab legen konnte, ihren Brenn- und Mittelpunkt. Die schwarzen Gemeinden in Usambara sandten ihre besten Glieder zur Mitarbeit, das Mutterhaus Sarepta, in Verbindung mit der Frauenschule in Freienwalde, half die freiwilligen Frauenkräfte ausbilden, das Brüderhaus Nazareth die Handwerker und Landwirte. Durch die Verbindung mit dem Baseler Missionshaus und seinen kaufmännischen Unternehmungen traten auch Kaufleute in die Arbeit ein, um dem indischen und mohammedanischen Handel mit seinen verderblichen Wirkungen zuvorzukommen, und das erste Krankenhaus, von einem ausgebildeten Arzt geleitet, war in Vorbereitung.
So schickten sich alle Kräfte der Zionsgemeinde an, in vereinigtem Zusammenwirken untereinander und mit den Christengemeinden in Usambara im Herzen Afrikas das große Millionenvolk Ruandas zu erfassen. Gerade der Weg, den Vater von Anfang an eingeschlagen hatte, Kräfte auszusenden, die in ihrem Fach so gründlich wie nur möglich ausgebildet waren, verbürgte eine den Frieden der Mitarbeiter sichernde Arbeitsteilung und damit den tiefgegründetsten Erfolg: Theologen mit vollem wissenschaftlichem Rüstzeug für die allseitige Erforschung und Durchdringung des Volkslebens, Handwerker, die ihre ganze Kraft ihrem Berufe widmen wollten, ebenso Landwirte, Kaufleute und Ärzte, jeder mit freiem Raum zur Entfaltung seiner Gaben und Kräfte auf seinem besonderen Gebiet, und dazwischen eingestreut in Haushalt, Schule und unter den Kranken die durch stillen Dienst herrschende Frau. Dieser Weg wurde immer fester ausgebaut, immer fröhlicher beschritten, immer dankbarer zurückgelegt. Er wird auch, sobald uns Gott eine Rückkehr schenkt, aufs neue klar ins Auge zu fassen sein.
Übrigens war es nicht so, daß Vater durch die besonderen Aufgaben, die Afrika stellte, den Blick der Zionsgemeinde und ihrer Mitarbeiter auf dies eine Missionsfeld beschränkte. Im Jahre 1905 lernte er im Berliner St. Michael-Hospiz in der Wilhelmstraße den Kandidaten Wilhelm Gundert kennen, einen Menschen von ungewöhnlicher innerer Glut und Hingabe, der sich entschlossen hatte, auf eigene Faust als Missionar nach Japan zu gehen. Vater riet ihm dringend, nicht ohne festen Rückhalt, wenn nicht an einer Gesellschaft, so doch an einer Gemeinde, den Schritt in die Heidenwelt zu tun. Gundert folgte Vaters Einladung nach Bethel, arbeitete dort eine Zeitlang mit und wurde von Vater in der Zionskirche für den Dienst in Japan abgeordnet und von der Zionsgemeinde für die ersten Anfänge in Japan auch mit Geldmitteln ausgestattet. Zu einer engeren Verbindung kam es nicht. Doch blieb die einsame Gestalt Gunderts auf fernem Vorposten im Osten für Vater und die ganze Gemeinde wie der ausgestreckte Arm eines Wegweisers zu neuen Aufgaben und Zielen, die der deutschen Christenheit gesteckt sind.
Lutindi.
(Der Afrika-Verein.)
Als die Greuel des Sklavenhandels bekannt wurden, der ganz Afrika mit endgültiger Vernichtung bedrohte, war es der Kardinal Lavigerie gewesen, der im Jahre 1889 die Augen der römisch-katholischen Welt auf dieses dunkle Gebiet gelenkt und zur Abhilfe gerufen hatte. Er hatte eine Afrika-Liga ins Leben gerufen, die, mit dem Sitz in Algier, die römisch-katholische Christenheit aller europäischen Völker zum Dienste Afrikas vereinigen sollte, in der richtigen Erkenntnis, daß es nicht genüge, wenn die europäischen Weltmächte den Sklavenhandel auf dem Wege der Gewalt unterdrückten, sondern daß es vor allem darauf ankäme, die blutende Wunde Afrikas zu heilen. Aus dieser Liga ging der Orden der weißen Väter hervor, dessen Boten und Botinnen ganz Zentralafrika vom Indischen bis zum Atlantischen Ozean mit Stätten der Barmherzigkeit durchdringen sollten.