Und die evangelische Christenheit? Sie war, was ihre Arbeit in Afrika betraf, in viele einzelne kleine Missionsgesellschaften zersplittert. Würden sie in diesen Fragen Stoßkraft genug besitzen, in schneller und wirksamer Weise die Wunden zu verbinden, die der Sklavenhandel geschlagen hatte, und in die Gegenden, wo nur noch Völkertrümmer saßen, neue Entwicklungsmöglichkeiten zu tragen?
Nun erschien bei Vater eines Tages, es war im Januar 1892, unvermutet ein Fräulein Sutter. Sie war die Tochter eines deutschen von Basel nach Indien entsandten Missionars. Dort war sie geboren. Ihr Lebensweg führte sie nach Deutschland und später nach England. Ein treues deutsches Herz war bei ihr vereinigt mit einem starken Verständnis für die Schwäche nicht nur, sondern auch für die Stärke Englands. Sie hatte die Schriften des bekannten Naturforschers Drummond ins Deutsche übersetzt, darunter die geistvolle Beschreibung seiner Forschungstätigkeit in Inner-Afrika, der er auf Fräulein Sutters Wunsch für die deutschen Leser noch ein besonderes Kapitel über die afrikanischen Sklavengreuel beifügte. Sie war eine glühende Verehrerin Gordons, des Helden von Chartum, dessen Lebensbild sie in fesselnder Darstellung gezeichnet hatte. Das zog Vater an, denn auch er hatte die Tätigkeit Gordons im Sudan mit tiefster Anteilnahme begleitet und an der Hand einer Spezialkarte, die er sich eigens zu dem Zweck verschaffte, den Marsch der Entsatztruppen auf Chartum mit hoher Spannung verfolgt und fast wie um einen Freund geklagt, als der Entsatz drei Tage zu spät kam und der edle Mann sein Leben lassen mußte.
Nun stellte es sich heraus, daß Fräulein Sutter die katholische Afrika-Liga genau studiert hatte und dafür brannte, daß die evangelische Christenheit doch nicht zurückstehen, sondern in ähnlich großzügiger Weise auch an ihrem Teile bei der Rettung der Negerstämme mithelfen möchte. Sie hatte eine ergreifende Flugschrift über den Sklavenhandel verfaßt, die in Hunderttausenden von Exemplaren durch Deutschland ging. In Berlin hatte sie die führenden Kreise aufgesucht und überall Verständnis für ihre Absicht gefunden, aber niemand, der die Bereitwilligkeit der Gedanken und Gefühle zu einer gemeinsamen Tat sammelte. So war sie nach Bethel gekommen. Die außergewöhnliche Glut, die in ihr für alles Vergessene, Verachtete, Verstoßene lebte, tat Vater ungemein wohl. In dieser kinderlosen, einsam ihres Weges ziehenden Frauengestalt spürte er den Pulsschlag eines im höchsten Sinne mütterlichen Herzens, das für Millionen von armen versinkenden schwarzen Menschenkindern Raum hatte.
Nie hatte Vater den Eindruck, daß er selbst genug getan hätte, daß in Bethel genug geschähe, daß man überhaupt jemals genug tun könnte. Ja, alles, was die Christenheit tat, erschien ihm nur wie ein einziger kleiner kühlender Tropfen auf die weite fieberheiße Leidensstirn der Menschheit. So nahm er die Spuren auf, die Fräulein Sutter in Berlin hinterlassen hatte, und es entstand, mit dem Sitz in Berlin und unter einem dortigen Präsidium, der evangelische Afrika-Verein.
Kulturelle, soziale, humanitäre Pflege der Eingeborenen in allen deutschen afrikanischen Kolonien war das Ziel des Vereins. Alle evangelischen Kräfte, die an der Entwicklung Afrikas interessiert waren, auch die, die der eigentlichen Evangelisations- und Missionsaufgabe fernstanden, sollte er in sich vereinigen. Kulturstationen sollten in Afrika gegründet, in der Heimat geeignete Kräfte für die Hebung und Förderung der Eingeborenen herangebildet, zunächst aber in erster Linie für die befreiten und zu befreienden Sklaven gesorgt werden.
Das Blatt „Afrika” sollte alle diese Aufgaben vor der Öffentlichkeit vertreten. Pastor Müller, Grottendorf, später Superintendent in Schleusingen, der schon als Kandidat in Bethel seine große Hingabe bewährt hatte, übernahm mit höchstem Fleiß die Herausgabe des Blattes. Namentlich mit der Bekämpfung der Schnapseinfuhr in die Kolonien setzte das Blatt sofort mit größter Energie ein.
Es kam auch, wenn ich mich recht besinne, schon bald zu einer selbständigen kleinen Expedition nach der Insel Ukerewe im Viktoria-Nyanza zwecks Gründung einer dortigen Kulturstation, auf der die Eingeborenen zur Anlegung eigener Baumwollkulturen herangebildet werden sollten; und in der Heimat wurde die Anregung gegeben, die zur Aufrichtung der Kolonialschule in Witzenhausen führte.
Das kräftigste Reis aber ging aus der Arbeit des Vereins an den befreiten Sklaven hervor. Die arabischen Sklavenhändler pflegten ihre Menschenware in kleinen offenen Segelbooten von den ostafrikanischen Küstenplätzen aus zu verschiffen. Auf diese Boote wurde seitens der deutschen Küstenfahrzeuge Jagd gemacht, ihre Inhaber wurden kurzerhand gehängt und die Sklaven in Freiheit gesetzt. Aber nur ein Teil von ihnen konnte bei den vielfach ungeheuren Entfernungen an eine Rückkehr in die Heimat denken, und die evangelischen und katholischen Missionsstationen wurden gebeten, sie in Pflege zu nehmen. So kam eine große Schar befreiter Sklaven auf unsere Station in Tanga und in die Obhut einer Diakonisse und eines Diakonen. Der Aufenthalt in dem verführungsreichen, ungesunden Küstenplatz erwies sich aber je länger je mehr als durchaus ungeeignet. So empfahl Vater dem inzwischen ins Leben getretenen Afrika-Verein die Gründung einer besonderen Freistätte für befreite Sklaven auf den gesunden Höhen von Usambara. In unvergleichlich schöner Lage am Rande des Urwaldes, von starken Gebirgsbächen umrauscht, mit freiem Blick in das grüne Tal des Pangani und in die weite Tiefebene wurde die Station Lutindi gegründet.
Erwies es sich auch, daß das Gelände für eine Ausdehnung der Station zu abschüssig war und daß die Nähe des Urwaldes zu gewissen Jahreszeiten immer wieder die kalten Morgennebel festhielt, so zeigte es sich doch, daß auch in einem geringen Gefäß edler Wein geborgen werden kann. Jahrelang haben hier die befreiten Sklaven, namentlich die Kinder, ihre Heimat gefunden, bis dem Sklavenhandel endgültig das Handwerk gelegt war, die Kinder selbst herangewachsen, in ihre Heimat zurückgekehrt oder in der umwohnenden Bevölkerung aufgegangen waren. Einige waren Christen geworden und hatten sich zu den Füßen des Lutindi-Hügels angesiedelt. Und gerade für diese hatte sich, noch ehe die Arbeit an den Sklavenkindern zu Ende ging, eine Aufgabe von eigenartiger Schönheit und Bedeutung gefunden:
Im Urwald von Lutindi hauste ein schwarzer Geisteskranker ganz für sich allein. Er nährte sich von den Früchten und Wurzeln des Waldes, schlief in irgend einer zerfallenden Hütte und war nur noch mit Fetzen bekleidet. Von Zeit zu Zeit wagte er sich hervor, kehrte für einige Augenblicke in Lutindi ein, aß sich satt, ließ sich ein Stück Stoff zur Kleidung schenken und war dann wieder verschwunden. Als er wieder einmal erschien, war gerade die Mittagsmahlzeit gerichtet. Auch für Bruder Bokermann, den Leiter der Station, stand das Essen bereit, und es gab sich, daß er aus seiner eigenen Schüssel dem verstörten Menschen seine Mahlzeit aufschüttete. Das wandelte dem armen Kranken das Herz um. Wider Erwarten verschwand er diesmal nicht, sondern blieb. Bokermann berichtete darüber an Vater und schilderte zugleich das Elend vieler anderer armer Geisteskranker, die teils das Opfer furchtbarer, qualvoller Geisterbeschwörungen wurden, teils auch gefesselt an den Felsenhang jenseits des Lutindi-Urwaldes geschleppt und dort in die Tiefe gestürzt wurden. „Darf ich diese Geisteskranken sammeln und aufnehmen?” fragte Bokermann. Es braucht nicht gesagt zu werden, wie die Antwort lautete.