[21] Wenn aber ein Antiquar in einem Katalog von einem wertvollen alten Druck sagt: Sechs Blatt sind stockfleckig, so ist das natürlich falsch.

[22] Genau genommen wird freilich auch nicht vereiteln, verändern gesprochen, sondern vereitln, verändrn, l und r werden gleichsam vokalisiert. Aber gemeint ist doch mit dieser Aussprache eln, ern, nicht len, ren. Eigentlich gehören auch noch die Wortstämme auf en hierher, wie rechen, zeichen, orden, offen, eben, eigen, regen (vgl. Rechenschaft, Eigentum, Offenbarung). Die Infinitive können da natürlich nur rechnen, ordnen, eignen lauten; die flektierten Formen aber, die wir jetzt leider allgemein zeichnet, zeichnete, öffnete, gerechnet, geordnet, geeignet schreiben, lauteten im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert noch überall schöner: zeichent, gerechent, geordent, geeigent. Der Volksmund spricht auch heute noch so, selbst der Gebildete sagt – er mag sich nur richtig beobachten –: es regent, es regente, es hat geregent (genau genommen freilich auch hier wieder regnt, geregnt, mit vokalisiertem n). Nur wer sich ziert, wer „wie gedruckt“ redet, sagt: ausgezeichnet! Net, womöglich nett! Man muß ja förmlich eine Pause machen und Kraft sammeln, um das net herauszubringen! Unsre besten und hervorragendsten Zeitschriften brauchten nur einmal die vernünftigen Formen zeichent, öffent, zeichente, öffente, gezeichent, geöffent eine Reihe von Jahren beharrlich drucken zu lassen, so wären sie wieder durchgedrückt. In atmen (Stamm atem) hat natürlich das Stamm-e ausgeworfen werden müssen, weil atemn niemand sprechen kann; für atmet hört man aber im Volksmunde auch oft genug atent, wie denn auch schon in der ältern Sprache Aten neben Atem erscheint, (und wie auch bodem, gadem, besem, busem zu Boden, Gaden, Besen, Busen geworden sind).

[23] Auch wenn ein Schriftsteller die schönen, kräftig klingenden Formen geschrieben hat, werden ihm in den Druckereien stets die garstigen weichlichen Formen oder gar die Formen mit zwei e daraus gemacht, die gar niemand spricht (anderen, unseren). Die Schriftsteller sollten sich das nur ernstlich verbitten, dann würde dem Schlendrian schon ein Ende gemacht werden. Zu Schillers und Goethes Zeit waren in allen Druckereien noch die Formen mit vollem Wortstamm das selbstverständliche.

[24] Früher hat man freilich auch so gesagt. Im siebzehnten Jahrhundert: nach gepflogner reifen Beratschlagung; Lessing: aus eigner sorgfältigen Lesung.

[25] Das vernünftigste wäre natürlich, man setzte den Artikel und sagte: Verein der Berliner Künstler. Es brauchten doch deshalb nicht alle dabei zu sein. Wer nicht mittun will, läßts bleiben.

[26] Der Fehler ist, wie die ganze Phrase und wie so vieles andre heute in unsrer Sprache, eine Nachäfferei des Englischen. Im Englischen wird on board mit dem Akkusativ verbunden (to go on board a ship – on board Her Majesty’s ship Albert). Aber was geht das uns an?

[27] Beim Dichter läßt man sich gefallen: drum komme, wem der Mai gefällt, und freue sich der schönen Welt und Gottes Vatergüte (statt der Vatergüte Gottes).

[28] Völlig unsinnig ist natürlich: es gibt kein leicht verdaulicheres Mehl als Rademanns Kindermehl.

[29] Aus diesen Genitiven sind dann, indem man sie als Nominative auffaßte (mein wie klein) und nun aufs neue deklinierte, die besitzanzeigenden Eigenschaftswörter mein, dein, sein, unser, euer, ihr entstanden. Früher nahm man an, daß auch in den Anfangsworten des Vaterunsers das unser der nachgestellte Genitiv von wir sei (nach dem griechischen πάτερ ἡμῶν). Wahrscheinlicher ist, daß es hier doch das besitzanzeigende Eigenschaftswort ist (nach dem lateinischen Pater noster), das in der ältern Sprache auch nachgestellt werden konnte (in der gotischen Bibelübersetzung: atta unsar).

[30] Genitiv und Dativ von Eure Majestät, Eure Exzellenz heißen natürlich Eurer Majestät, Eurer Exzellenz. Völliger Unsinn aber ist, was man darnach gebildet hat: Eurer Hochwohlgeboren!