Ist es richtiger, zu sagen: wir Deutsche oder wir Deutschen? Diese Frage, die eine Zeit lang viel Staub aufgewirbelt hat, würde wohl gar nicht entstanden sein, wenn nicht Bismarck in der bekannten Reichstagssitzung vom 6. Februar 1888 den Ausspruch getan hätte, der dann auf zahllosen Erzeugnissen des Gewerbes (Bildern, Gedenkblättern, Denkmünzen, Armbändern usw.) angebracht worden ist: Wir Deutsche fürchten Gott, sonst nichts auf der Welt. Denn so hat er nach den stenographischen Berichten gesagt, und so war er also wohl gewohnt zu sagen. Aber schon der Umstand, daß die Zeitungen am 7. Februar (vor dem Erscheinen der stenographischen Berichte!) druckten: Wir Deutschen, und daß sich die Gewerbetreibenden vielfach zu vergewissern suchten, wie er denn eigentlich gesagt habe, zeigt, daß seine Ausdrucksweise auffällig war; dem Volksmunde war geläufiger: wir Deutschen, und so ist in der Tat schon im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert viel öfter gesagt worden als wir Deutsche, obwohl es in der Einzahl heißt: ich Deutscher, und heute vollends sagt niemand mehr: wir Arme, ihr Reiche, wir Alte, ihr Junge, sondern wir Armen (Gretchen im Faust: am Golde hängt, nach Golde drängt doch alles, ach wir Armen!), ihr Reichen, wir Alten, ihr Jungen, wir Konservativen, wir Liberalen, wir Wilden (Seume: wir Wilden sind doch beßre Menschen), wir Geistlichen, wir Gesandten, wir Vorgenannten, wir Unterzeichneten, wir armen Deutschen, wir guten dummen Deutschen, wir Deutschen sind halt Deutsche! Es ist gar nicht einzusehen, weshalb gerade die Deutschen von all diesen substantivierten Adjektiven und Partizipien eine Ausnahme machen sollen. Wenn sich augenblicklich gewisse Leute, denen es gar nicht einfallen würde, zu sagen: wir Arme, mit dem vereinzelt aufgeschnappten und ihrem eignen Munde ganz ungewohnten wir Deutsche spreizen, so ist das einfach lächerlich.

Die Ursache, weshalb hinter wir und ihr schon früh die schwache Form bevorzugt worden ist, ist offenbar dieselbe, die hinter den hinweisenden Fürwörtern, den besitzanzeigenden Adjektiven und hinter alle und keine wirksam gewesen ist (vgl. [S. 32]): daß es sich um eine bestimmte Menge handelt. Wenn man sagt: wir Deutschen, so meint man damit entweder alle Deutschen überhaupt oder alle Deutschen in einem bestimmten Falle, z. B. alle, die in einer aus Angehörigen verschiedner Nationen gemischten Versammlung anwesend sind. Daß im Akkusativ der Mehrzahl die starke Form vorgezogen worden ist: uns Deutsche, hat seinen Grund wieder darin, daß man ihn sonst nicht hätte vom Dativ unterscheiden können (bei Burkhard Waldis aber: und das Reich an uns Deutschen kummen).

Ein Unterschied läßt sich zwischen wir beiden und wir beide machen. Wenn der Lehrer am Schluß der Stunde fragt: wer ist noch nicht drangewesen? ein Schüler dann antwortet: Wir beiden sind noch nicht drangewesen, der Lehrer das bezweifelt und sagt: Ich dächte, du wärst schon drangewesen, so kann der Schüler das zweitemal antworten: Nein, wir beide sind noch nicht drangewesen. Im zweiten Falle wird beide zum Prädikat gezogen, wir beiden dagegen ist dasselbe wie wir zwei. Freilich heißt es in Holteis Mantellied auch: Wir beide haben niemals gebebt.

Verein Leipziger Gastwirte – an Bord Sr. Maj. Schiff

Ein gemeiner Fehler, für den leider in den weitesten, auch in gebildeten Kreisen schon gar kein Gefühl mehr vorhanden zu sein scheint, liegt in Verbindungen vor wie: Verein Leipziger Gastwirte, Ausschank Zwenkauer Biere, Hilfskasse Leipziger Journalisten, Verein Berliner Buchhändler, Radierungen Düsseldorfer Künstler, Photographien Magdeburger Baudenkmäler, eine Sammlung Meißner Porzellane, die frühesten Namen Breslauer Konsuln, zur Topographie südtiroler Burgen, nach Meldungen Dresdner Zeitungen.

Die von Ortsnamen gebildeten Formen auf er werden von vielen jetzt für Adjektiva gehalten, wie sich schon darin zeigt, daß sie sie mit kleinen Anfangsbuchstaben schreiben: pariser, wiener, thüringer, schweizer. Das ist ein großer Irrtum. Diese Formen sind keine Adjektiva, sondern erstarrte Genitive von Substantiven. Der Leipziger Bürgermeister ist, wörtlich ins Lateinische übersetzt, nicht consul Lipsiensis – das wäre der Leipzigische Bürgermeister –, sondern Lipsiensium consul, der Bürgermeister der Leipziger. Man sieht das deutlich, wenn man solche Verbindungen zugleich mit einem wirklichen Adjektivum dekliniert, z. B. der neue Berliner Ofen. Dann lauten die einzelnen Kasus: des neuen Berliner Ofens, dem neuen Berliner Ofen, den neuen Berliner Ofen, die neuen Berliner Öfen usw. Während also das Adjektiv neu und das Substantiv Ofen dekliniert werden, bleibt Berliner stets unverändert. Ganz natürlich; es ist eben kein Adjektivum, sondern ein eingeschobner, abhängiger Genitiv. Der Irrtum ist dadurch entstanden, daß man, durch den Gleichklang der Endungen verführt, solche abhängige Genitive mit dem Genitiv von wirklichen Adjektiven wie deutscher, preußischer zusammengeworfen hat. Weil man richtig sagt: eine Versammlung deutscher Gastwirte, glaubt man auch richtig zu sagen: ein Verein Leipziger Gastwirte. Leider heißt nur hier der Nominativ nicht Leipzige, während er dort deutsche heißt.

Nun ist aber in der artikellosen Deklination der Genitiv der Mehrzahl, wenn er nicht durch ein hinzugesetztes Adjektiv kenntlich gemacht wird, überhaupt nicht kenntlich; er muß (leider!) durch die Präposition von umschrieben werden. Wenn man sagt: eine Versammlung großer Künstler, so ist der Genitiv durch das Attribut großer genügend kenntlich gemacht; aber societas artificum läßt sich nimmermehr übersetzen: ein Verein Künstler, sondern nur ein Künstlerverein oder: ein Verein von Künstlern; erst durch das von entsteht ein erkennbarer Genitiv. Ganz ebenso ist es aber auch, wenn zu dem Substantiv ein Attribut tritt, das nicht deklinierbar ist, z. B. ein Zahlwort oder ein abhängiger (kein attributiver) Genitiv. So unmöglich und so falsch es ist, zu sagen: infolge Streitigkeiten, wegen Sonderzüge, mangels Beweise, ein Bund sechs Städte, innerhalb vier Wochen, nach Verlauf vier Wochen, die Lieferung fünftausend Gewehre, in der ersten Zeit dessen Leitung, mit Bewilligung dessen Eltern, unter Angabe deren Kennzeichen, die Neubesetzung Herrn Dornfelds Stelle, unterhalb Dr. Heines Brücke, der Verkauf ihres Mannes Bücher, Genüsse mancherlei Art, eine Quelle allerhand Verlegenheiten, so gewiß in allen diesen Fällen der Genitiv nur mit Hilfe der Präposition von kenntlich gemacht werden kann (ein Bund von sechs Städten, eine Quelle von allerhand Verlegenheiten), so gewiß muß es auch heißen: Verein von Leipziger Gastwirten, Verhaftung von Erfurter Bürgern, Verkauf von Magdeburger Molkereibutter; bei Verein Berliner Künstler glaubt man immer nur einen Nominativ zu hören: ein Verein Künstler, wie bei: eine Menge Menschen, ein Haufe Steine, ein Sack Geld, ein Stück Brot usw.[25]

Ebenso falsch ist es, wenn geschrieben wird: an Bord Sr. Majestät Schiff Möwe, die Forschungsreise Sr. Majestät Schiff Gazelle. Der Genitiv Sr. Majestät hängt ab von Schiff. Aber wovon hängt Schiff ab? Von nichts: es schwebt in der Luft. Und doch soll auch das ein Genitiv sein, der von Bord oder Reise abhängt. Der kann nur dadurch erkennbar gemacht werden, daß man schreibt: an Bord von Sr. Majestät Schiff Gazelle, denn an Bord Sr. Majestät Schiffs Gazelle wird niemand sagen wollen.[26]

Anstatt des abhängigen dessen und deren braucht man sich nur des attributiven sein und ihr zu bedienen, und der Genitiv ist sofort erkennbar. Falsch ist: ich gedenke dessen Güte und Macht – die Briefe Goethes an seinen Sohn während dessen Studienjahre in Heidelberg – eine Darstellung der alten Kirche und deren Kunstschätze – die Interessen der Stadt und deren Einwohner – eine Aufzählung aller Güter und deren Besitzer – eine Versammlung sämtlicher evangelischen Fürsten und deren Vertreter – eine Tochter des Herrn Direktor Schmidt und dessen Gemahlin – zum Besten der Verunglückten und deren Hinterlassenen – die Sicherstellung der Zukunft der Beamten und deren Familien; es muß heißen: seiner Güte und Macht, seiner Gemahlin, ihrer Hinterlassenen, ihrer Familien usw.[27]

Steigerung der Adjektiva. Schwerwiegender oder schwerer wiegend?