Mannigfachen Verstößen begegnet man in der Steigerung der Adjektiva (Positiv, Komparativ, Superlativ). Von viel heißt der Komparativ nicht mehrere, sondern mehr: ich habe in meinem Garten viel Rosen, du hast mehr Rosen, er hat die meisten Rosen. Mehrere ist nichts andres als einige, etliche. Wenn also ein Hausbesitzer genötigt wird, zu bescheinigen, daß mehrere Hunde als die hier verzeichneten in seinem Hause nicht gehalten werden, so wird er genötigt, einen Schnitzer zu unterschreiben.

Bei Adjektiven, deren Stamm auf einen Zischlaut endigt, stoßen im Superlativ zwei Zischlaute zusammen. Das stört nicht, wenn die Wörter mehrsilbig sind (der weibischste, der malerischste), wohl aber, wenn sie einsilbig sind (der hübschste, der süßste). Man bewahrt dann lieber das e, das sonst immer ausgeworfen wird, und sagt: der hübscheste, der süßeste. Von groß ist allgemein der größte üblich geworden (Goethe im Götz auch: der hübschte, in den Briefen aus Italien: der genialischte).

Bei der Vorliebe, womit jetzt einfache Begriffe wie groß, stark, schwer durch schleppende Zusammensetzungen wie tiefgehend, weitgehend, weittragend, schwerwiegend ersetzt werden, entsteht oft Verlegenheit, wie man solche Zusammensetzungen im Komparativ und im Superlativ behandeln soll. Logisch ist ja die Frage leicht zu beantworten; was gesteigert werden soll, ist nicht das Partizip gehend, sondern das dabeistehende Adverb tief oder weit. In vielen solchen Zusammensetzungen ist aber das Adverb mit dem Partizip so innig verwachsen, daß man kaum noch die Zusammensetzung empfindet. Wenn also auch niemand wagen wird, eine weitverbreitete Unsitte zu steigern: eine weitverbreitetere Unsitte, sondern eine weiter verbreitete,[28] das hochbesteuerte Einkommen, nicht: das hochbesteuertste, sondern das höchstbesteuerte, so ist doch gegen einen Komparativ wie zartfühlender nichts einzuwenden, denn das Partizipium fühlend wird hier gar nicht mehr als Verbalform empfunden, sondern etwa wie fühlig in feinfühlig, und solche Zusammensetzungen (feinsinnig, kleinmütig, böswillig, fremdartig, gleichmäßig) gelten für einfache Wörter und können nur steigern: kleinmütiger, der kleinmütigste. Ihnen würde sich auch das neumodische hochgradig anschließen. Dazwischen liegen aber nun Zusammensetzungen, bei denen manchmal kaum zu entscheiden ist, ob man sie als einfache oder als zusammengesetzte Wörter behandeln soll; sogar derselbe Mensch kann darin zu verschiednen Zeiten verschieden fühlen. Ganz unerträglich sind: der schöngelegenste Teil, die vielgenannteste Persönlichkeit, die naheliegendste Erklärung, die leichtlaufendste Maschine, die tiefliegendere Bedeutung, tiefgehendere Anregungen, die feinschmeckenderen Sorten, die weitblickendere Klugheit, eine engbegrenztere Aufgabe; es muß heißen: der schönstgelegne, noch besser der am schönsten gelegne Teil, die am meisten genannte Persönlichkeit, die tiefer liegende Bedeutung, tiefer gehende Anregungen, die feiner schmeckenden Sorten, die nächstliegende Erklärung, die weiter blickende Klugheit, eine enger begrenzte Aufgabe. Nicht ganz so anstößig erscheint: die wohlgemeinteste Warnung, die weitgehendste Mitwirkung, die weittragendste Bedeutung, die fernliegendsten Dinge, die hochfliegendsten Pläne, obwohl natürlich der bestgemeinte Rat, die weitestgehende Mitwirkung vorzuziehen ist. Völlig gewöhnt haben wir uns an den tiefgefühltesten Dank und an die hochgeehrtesten oder hochverehrtesten Damen und Herren. Schön kann man trotzdem solche Steigerungen nicht nennen; sie klingen alle mehr oder weniger schleppend und schwülstig, und was sie ausdrücken sollen, kann meist durch ein einfacheres Wort oder durch einen kurzen Nebensatz ebenso kräftig und deutlich gesagt werden.

Größtmöglichst

Noch schlimmer freilich sind die jetzt so beliebten doppelten Superlativbildungen, wie die besteingerichtetsten Verkehrsanstalten, die bestbewährtesten Fabrikate, die höchstgelegenste Wohnung, der feinstlaubigste Kohlrabi u. ähnl. (statt der besteingerichteten oder der bewährtesten). Für so gut wie möglich kann man natürlich auch sagen: möglichst gut. Es gibt ja verschiedne Grade der Möglichkeit, es kann etwas leichter möglich sein und auch schwerer möglich; man sagt auch: tue dein möglichstes! Wie muß sich aber diese Steigerung mißhandeln lassen! Die einen stellen die Wörter verkehrt, bringen den Superlativ an die falsche Stelle und sagen bestmöglich, in der irrigen Meinung, das Wort sei eine Zusammenziehung aus: der beste, der möglich ist; andre wissen sich gar nicht genug zu tun und bilden auch hier wieder den doppelten Superlativ bestmöglichst, größtmöglichst: mit größtmöglichster Beschleunigung. Das beste ist, auch solche schwülstige Übertreibungen zu vermeiden. Das gilt auch von der beliebten Steigerung: der denkbar größte. Wenn ein Nutzen nicht der denkbar größte wäre, so wäre er doch auch nicht der größte. Welch unnötiger Wortschwall also! Manche sind aber in dieses denkbar so verliebt, daß sie es sogar zum Positiv setzen: in ihrer Stimmung sind beide Altarflügel denkbar verschieden.

Vollkommener Unsinn ist es natürlich, wenn gedankenlose Menschen jetzt der erste beste zusammenziehen in der erstbeste, wenn ein Arzt bittet, möglichst keine Briefe an ihn zu richten, da er verreist sei, eine Herrschaft einen möglichst verheirateten oder einen möglichst unverheirateten Kutscher zu möglichst sofortigem Antritt sucht, Zeitungen ihre Abonnenten auffordern, das Abonnement baldgefälligst zu erneuern, oder ein Kaufmann seine Kunden bittet, ihm baldmöglichst oder baldgefälligst ihre geschätzten Aufträge oder Bestellungen zukommen zu lassen. Was sie meinen, ist weiter nichts als: womöglich keine, womöglich verheiratet, womöglich sofort, und: möglichst bald, gefälligst bald. Aber namentlich das baldgefälligst, so albern es auch ist, gehört zu den Lieblingswörtern aller Geschäftsleute und Beamten.

Ebenso unsinnig ist es, wenn ein Superlativ von einzig gebildet wird: der Einzigste, der bisher Großes in diesem Fache geleistet hat. Einziger als einzig kann doch niemand sein.

Gedenke unsrer oder unser?

Auch in der Deklination der Fürwörter herrscht hie und da Unwissenheit oder Unsicherheit. Daß man eine Frage besprechen muß wie die: gedenke unsrer oder unser? ist sehr traurig, aber es ist leider nötig, denn der Fehler: wir sind unsrer acht – es harrt unsrer eine schwere Aufgabe, oder: wir gedenken eurer in Liebe, kommt so oft vor, daß man fast annehmen möchte, die Leute wären der Meinung, die kürzeren Formen seien nur durch Nachlässigkeit entstanden.

Die Genitive der persönlichen Fürwörter ich, du, er, wir, ihr, sie heißen: mein, dein, sein, unser, euer, ihr, z. B.: gedenke mein, vergiß mein nicht, der Buhle mein, ich denke dein, unser einer, unser aller Wohl, unser keiner lebt ihm selber.[29] Daneben sind freilich im Singular schon früh die unorganischen Formen meiner, deiner, seiner aufgekommen und haben sich festgesetzt, aber doch ohne die echten, alten Formen ganz verdrängen zu können (Gellert: der Herr hat mein noch nie vergessen, vergiß, mein Herz, auch seiner nicht); ihr ist leider ganz durch ihrer verdrängt worden; wir wollen uns ihrer annehmen. Aber in der ersten und zweiten Person der Mehrzahl ist doch die richtige alte Form noch so lebendig, daß es unverantwortlich wäre, wenn man sie nicht gegen die falsche, die sich auch hier eindrängen will, in Schutz nähme. Unsrer und eurer sind Genitive des besitzanzeigenden Eigenschaftswortes, aber nicht des persönlichen Fürworts. Also: erbarmt euch unser und unsrer Kinder![30]