Derer und deren

Die Genitive der Mehrzahl derer und deren sind der alten Sprache überhaupt unbekannt, sie hat nur der; beide sind – ebenso wie die Genitive der Einzahl dessen und deren – erst im Neuhochdeutschen gebildet worden und als willkommne Unterscheidungen des betonten und lang gesprochnen Determinativs und Relativs der (dēr) von dem gewöhnlich unbetonten und kurz gesprochnen Artikel der (dĕr) festgehalten worden. Derer steht vor Relativsätzen (und verdient dort den Vorzug vor dem schleppenden derjenigen); deren ist Demonstrativum: die Krankheit und deren Heilung (d. i. ihre Heilung) und Relativum: die Krankheiten, deren Heilung möglich ist. Falsch ist es also, wenn Relativsätze angefangen werden: in betreff derer, vermöge derer.

Ein ganz neuer Unsinn, den man jetzt bisweilen lesen muß, ist dessem und derem: der Dichter, dessem löblichen Fortschreiten ich mit Freuden folge – die Geschäfte werden inzwischen von dessem Stellvertreter besorgt – die fremde Kunst, bei derem Studium der Deutsche seine eigne Kunst vergaß – für die Behörden zu derem alleinigen Gebrauch ausgefertigt. Der Dativ, der in diesen Sätzen steht, hat gleichsam den vorangehenden abhängigen Genitiv angesteckt und dadurch die Mißbildungen geschaffen. Die Verirrung geht aber wohl öfter in den Köpfen der Setzer als in denen der Schriftsteller vor; bei der Korrektur lesen die Verfasser über den Unsinn weg, und so wird er mit gedruckt. Auch dergleichem findet sich schon: er ist zu Verschickungen und dergleichem gebraucht worden.[31]

Einundderselbe

Der arge Mißbrauch, der mit dem Pronomen derselbe getrieben wird (daß man es fortwährend für er oder dieser gebraucht; vgl. [S. 226]), hat dazu geführt, daß man nun einundderselbe sagen zu müssen glaubt, wo man derselbe mit seiner wirklichen Bedeutung meint. Diese überflüssige Zusammensetzung wird vollends schleppend, wenn man sie pedantisch dekliniert: eines und desselben, einem und demselben. Wer sie nicht entbehren zu können glaubt, der schreibe wenigstens: an einunddemselben Tage, im Laufe einunddesselben Jahres, in einundderselben Hand. Dieselbe Freiheit nimmt man sich ja auch bei Grund und Boden: die Entwertung des Grund und Bodens (als ob beides nur ein Wort wäre), nicht des Grundes und Bodens; ebenso: ein Hut mit blau und weißem Band, wenn nicht zwei verschiedenfarbige Bänder gemeint sind, sondern ein zweifarbiges.

Man

Daß auch das unpersönliche Fürwort man dekliniert werden kann, dessen sind sich die allerwenigsten bewußt. In der lebendigen Rede bilden sie zwar, ohne es zu wissen, die casus obliqui ganz richtig, aber wenn sie die Feder in die Hand nehmen, getrauen sie sich nicht, sie hinzuschreiben, sondern sinnen darüber nach, wie sie sich ausdrücken sollen. Der Junge, der von einem andern Jungen geneckt wird, sagt: laß einen doch gehn! und wenn er sich über den Necker beschwert, sagt er: der neckt einen immer. Auch der Erwachsne sagt: das kann einem alle Tage begegnen. Und Lessing schreibt: macht man das, was einem so einfällt? – so was erinnert einen manchmal, woran man nicht gern erinnert sein will – muß man nicht grob sein, wenn einen die Leute sollen gehn lassen? – Goethe sagt sogar: eines Haus und Hof steht gut, aber wo soll bar Geld herkommen? Es ist also klar, die casus obliqui von man werden in der lebendigen Sprache gebildet durch eines, einem, einen. Aber viele scheinen diese Ausdrucksweise jetzt nicht mehr für fein zu halten, scheinen sich einzubilden, daß sie nur der niedrigen Umgangssprache zukomme. Das ist bloßer Aberglaube, man kann sich gar nicht besser ausdrücken, als wie es Goethe getan hat, wenn er z. B. sagt: wenn man für einen reichen Mann bekannt ist, so steht es einem frei, seinen Aufwand einzurichten, wie man will.

Jemandem oder jemand?

In jemand und niemand ist das d ein unorganisches Anhängsel. Die Wörter sind natürlich mit man (Mann) zusammengesetzt (ieman, nieman), im Mittelhochdeutschen heißen Dativ und Akkusativ noch iemanne, niemanne, ieman, nieman. Da sich das Gefühl dafür durchaus noch nicht verloren hat, da es jedermann noch versteht, wenn man sagt: ich habe niemand gesehen, du kannst niemand einen Vorwurf machen, so ist nicht einzusehen, weshalb die durch Mißverständnis entstandnen Formen jemandem, niemandem, jemanden, niemanden den Vorzug verdienen sollten.

Jemand anders