Der gute Rat, bei den Adjektiven, deren Stamm auf er endigt, immer die schönen, kräftigen Formen: unsers, andern den weichlichen Formen: unsres, andren vorzuziehen (vgl. [S. 29]), erleidet eine Ausnahme bei dem Neutrum anders. Unser heutiges Umstandswort anders (ich hätte das anders gemacht) ist ursprünglich nichts „andres“ als das Neutrum von andrer, andre, andres (ein andres Kleid). Die Sprache hat sich hier des ganz äußerlichen Mittels bedient, das einemal den Vokal der Endung, das andremal den des Stammes auszuwerfen, um einen Unterschied zwischen Adjektiv und Adverb zu schaffen. (Ebenso bei besondres und besonders.) An diesem Unterschied ist natürlich nun festzuhalten, niemand wird schreiben ein anders Kleid. Zum Glück hat sich aber in der lebendigen Sprache in den Verbindungen: wer anders, was anders, jemand anders, niemand anders die kräftigere Form erhalten; man sagt: wer anders sollte mir helfen? – das ist niemand anders gewesen als du – und die Schlußzeile einer bekannten Fabel: ja, Bauer, das ist ganz was anders – ist durchaus nicht bloß wegen des Reimes auf Alexanders so geschrieben. In allen diesen Verbindungen ist anders nicht etwa als Adverb aufzufassen, sondern es ist der Genitiv des geschlechtslosen Neutrums, das zur Bezeichnung beider Geschlechter dient, wie in jemand fremdes. Darnach kann nun auch kein Zweifel sein, wie diese Verbindungen zu deklinieren sind. Der Volksmund hat das richtige, wenn er sagt: von wem anders soll ich mir denn helfen lassen? – ich bin mit niemand anders in Berührung gekommen. Mit niemand anderm ist falsch, freilich nicht viel falscher als: von was anderm, zu was besserm, zu nichts gutem, wo auch das abhängige Wort, das eigentlich im Genitiv stehen müßte, die Kasusbezeichnung übernommen hat, die in was und nichts nicht zum Ausdrucke kommt.

Ein andres und etwas andres

Das Neutrum von jemand anders heißt etwas andres, im Volksmunde was andres. Die Mutter sagt: ich habe dir was schönes oder etwas schönes mitgebracht. Ebenso etwas gutes, etwas rechtes, etwas wahres, etwas großes, etwas wesentliches, etwas neues, etwas weiteres. Dieses schlichte was oder etwas verschmäht man aber jetzt, man schreibt: und noch ein andres muß ich erwähnen – zunächst möchte ich ein allgemeines voranschicken – und nun können wir noch ein weiteres hinzufügen – man darf nicht glauben, daß damit ein wesentliches gewonnen sei – auch der reichhaltigste Stoff muß ein spezifisches haben, das ihn von tausend andern unterscheidet; und man kommt sich äußerst vornehm vor, wenn man so schreibt. Sogar ein Lied von Oskar von Redwitz, das in der Komposition von Liszt das Entzücken aller Backfische ist, fängt an: Es muß ein wunderbares sein ums Lieben zweier Seelen! Es ist aber nichts als alberne Ziererei. Poetischer wird das Lied durch das ein sicherlich nicht.

„Etwas andres“ ist es, wenn ein nicht das unbestimmte Fürwort, sondern das Zahlwort bedeuten soll, z. B.: dann hätte das Unternehmen wenigstens ein gutes gehabt. Das ist natürlich ebenso richtig wie: das eine gute.

Zahlwörter

Gegen die richtige Bildung der Zahlwörter werden nur wenig Verstöße begangen; es ist auch kaum Gelegenheit dazu. Lächerlich ist es, daß manche Leute immer sechszig und siebenzig drucken lassen, denn in ganz Deutschland sagt man sechzig und siebzig. Für fünfzehn und fünfzig sagen manche lieber funfzehn und funfzig. Im Althochdeutschen stand neben unflektiertem funf ein flektiertes funfi, woraus im Mittelhochdeutschen fünfe wurde. Funfzig ist nun mit funf gebildet, mit fünf dagegen fünfzehn und fünfzig, die in der Schriftsprache die Oberhand gewonnen haben.[32]

Statt hundertunderste kann man jetzt öfter lesen: hundertundeinte, aber doch nur nach dem unbestimmten Artikel: nicht als ob ich zu den hundert Fausterklärungen noch eine hundertundeinte hinzufügen wollte. Es schwebt dabei wohl weniger die Reihenfolge und der neue letzte Platz in dieser Reihenfolge vor, als die Zahl, die von hundert auf hundertundeins steigt. Trotzdem hat die Form keine Berechtigung.

Die Bildungen anderthalb (d. h. der andre, der zweite halb), drittehalb (2½), viertehalb (3½) sind jetzt mehr auf die Umgangssprache beschränkt; in der Schriftsprache sind sie seltner geworden. Es ist aber nichts gegen sie einzuwenden.

Starke und schwache Konjugation

Wie bei den Hauptwörtern zwischen einer starken und einer schwachen Deklination, so unterscheidet man bei den Zeitwörtern zwischen einer starken und einer schwachen Konjugation. Starke Zeitwörter nennt man die, die ihre Formen nur durch Veränderung des Stammwortes bilden, schwache die, die zur Bildung ihrer Formen andrer Mittel bedürfen. Ein starkes Zeitwort ist: ich springe, ich sprang, ich bin gesprungen, ein schwaches: ich sage, ich sagte, ich habe gesagt. Die Veränderung des Stammvokals nennt man den Ablaut, die verschiednen Wege, die der Ablaut einschlägt, die Ablautsreihen.[33] Die wichtigsten Ablautsreihen sind: ei, i, i (reite, ritt, geritten), ei, ie, ie (bleibe, blieb, geblieben), ie, o, o (gieße, goß, gegossen), i, a, u (binde, band, gebunden), i, a, o (schwimme, schwamm, geschwommen), e, a, o (nehme, nahm, genommen), i, a, e (bitte, bat, gebeten), e, a, e (lese, las, gelesen), a, u, a (fahre, fuhr, gefahren). Außerdem gibt es noch eine Mischgruppe mit ie im Imperfekt und einunddemselben Vokal im Präsens und im Partizip, wie falle, fiel, gefallen, stoße, stieß, gestoßen, rufe, rief, gerufen, laufe, lief, gelaufen, heiße, hieß, geheißen, wofür man jetzt bisweilen falsch gehießen hören muß, als ob es in die zweite Ablautsreihe gehörte.