[66] Habe wäre ja ein Eingeständnis, daß der Vorwurf berechtigt sei, denn es kann eben nur als Indikativ gefühlt werden. Manchen Süddeutschen will das nicht in den Kopf, weil sie (in Schwaben) den dialektischen Konjunktiv des Präsens haben: ich häbe, wir häben, sie häben und daher den Konjunktiv ich habe, wir haben, sie haben, wo sie ihn gedruckt sehen, unwillkürlich als häbe verstehen und vielleicht auch so – aussprechen. Die mögen dann nichts davon wissen, habe durch hätte zu ersetzen, und behaupten, sie könnten hätte nur als Konditional fühlen. Mag sein. Wir in Mittel- und Norddeutschland fühlen eben anders.

[67] Im Konjunktiv Futuri von werden zu würden auszuweichen ist freilich nicht möglich, wenn der Hauptsatz im Präsens steht, weil dann würden als Konditional gefühlt werden würde, z. B. ein geschlagnes Ministerium kann dem Herrscher raten, das Parlament aufzulösen, in der Hoffnung, daß die Wähler eine seinen Ansichten günstige Mehrheit von Abgeordneten entsenden werden. In solchen Fällen kann man sich aber leicht dadurch helfen, daß man zum Singular greift: daß die Wählerschaft entsenden werde.

[68] Der Volksmund liebt es, eine irreale Bedingung in der Vergangenheit durch den – Indikativ des Imperfekts auszudrücken: wenn ich Geld hatte, kam ich. Das klingt aber der Angabe einer wiederholten Handlung in der Wirklichkeit (jedesmal, wenn ich Geld hatte, kam ich) so ähnlich, daß man es in der guten Schriftsprache besser vermeidet.

[69] Auch oft verkürzt, ohne Hauptsatz: daß ich nicht wüßtenicht daß es dem Vater an trefflichen Eigenschaften gefehlt hätte.

[70] In einem der schönsten Brahmsschen Lieder, Feldeinsamkeit, das H. Allmers gedichtet hat, heißt es: die schönen, weißen Wolken ziehn dahin – durchs tiefe Blau wie schöne stille Träume; – mir ist, als ob ich längst gestorben bin (!) – und ziehe (!) selig mit durch ewge Räume. Das bringt man doch beim Singen kaum über die Lippen. – Natürlich kann ein Vergleich auch als wirklich hingestellt werden, z. B. hörten wir ein Geräusch, wie wenn in regelmäßigen Zwischenräumen ein großer Wassertropfen auf ein Brett fällt, d. h. wie man es hört, wenn ein Wassertropfen fällt (Schiller im Taucher: wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt). Hier ist selbstverständlich der Indikativ am Platze.

[71] In der älteren Zeit ist auch der Zweck, die Absicht durch das bloße zu ausgedrückt worden; die Ausdrucksweise mit um zu ist die jüngere.

[72] An ein Hauptwort kann ein Infinitivsatz mit um zu niemals angeschlossen werden, selbst nicht an einen substantivierten Infinitiv. Wenn auf Konzertprogrammen steht: Das Belegen der Plätze, um solche Späterkommenden zu sichern, ist streng untersagt – so ist das ein Schnitzer.

[73] Außerdem die partizipähnlichen passiven Formen: zu hoffend, zu fürchtend, anzuerkennend, die durch Anhängen eines unorganischen d aus dem Infinitiv mit zu entstanden sind.

[74] Nur in einzelnen Fällen kann das passive Partizip die Gegenwart bedeuten, z. B. das von mir bewohnte Haus (d. i. das Haus, das von mir bewohnt wird). Eine Anzeige also wie die folgende: die von dem verstorbenen Rentier Sch. bewohnte Wohnung ist zu Ostern anderweit zu vermieten – kann einem geradezu gruselig machen; hier muß es heißen: die bewohnt gewesene.

[75] Zur Verzierung von Leipziger Wäschschränken wurde eine Zeit lang mit Vorliebe der Spruch gestickt: