[81] Übrigens fehlt es auch nicht an Beispielen, wo noch dazu das Hauptwort auf ung von einem Zeitwort gebildet ist, das den Dativ regiert, also eigentlich gar keinen Objektsgenitiv zu sich nehmen kann, wie: der Zinsfuß wird herabgesetzt in Entsprechung eines Gesuchs (vgl. [S. 243]). Eine Behörde schreibt: In Begegnung von (!) an (!) andern Orten sich ereignet habenden (!) Vorgängen wird hierdurch bekanntgemacht; das soll heißen: um Vorgängen zu begegnen (vorzubeugen), wie sie sich an andern Orten ereignet haben.

[82] In Leipzig empfiehlt man freilich auch echt Madeirahandarbeiten, echt Gose und echt Bütten (nämlich -papier)!

[83] Manche Leute sind in diese Formen auf er so vernarrt, daß sie sie sogar von Wörtern bilden, die gar keine wirklichen Ortsnamen sind. So redeten die Leipziger Förster früher vom Rosentäler, vom Kuhturmer und vom Burgauer Revier, statt vom Rosentalrevier, Kuhturmrevier, Burgauenrevier. Ob sies auch heute noch tun, weiß ich nicht.

[84] Über die Bedeutung mancher von unsern Straßennamen herrscht ohnehin in den Köpfen der Masse eine solche Unklarheit, daß man sie nicht noch durch fehlerhafte Schreibung zu steigern braucht. Unter den Straßen Leipzigs, die nach den Helden der Freiheitskriege genannt sind, ist auch eine Lützowstraße, eine Schenkendorfstraße, eine Gneisenaustraße. Was machen die Kinder daraus, die kleinen wie die großen Kinder? Eine Lützower Straße, eine Schenkendorfer Straße, eine Gneisenauer Straße! Wir haben ferner eine Senefelderstraße. Auch die wird im Volksmunde als Senefelder Straße verstanden. Freilich gibt es bei Leipzig kein Senefeld, kein Schenkendorf, kein Gneisenau, kein Lützow. Aber das Volk, namentlich das ewig zu- und abfließende niedrige Volk, weiß doch von der Umgebung Leipzigs ebensowenig etwas wie von dem Erfinder der Lithographie und den großen Männern der Freiheitskriege. Wurde doch auch die Fichtestraße, als sie neu war, sofort als Fichtenstraße verstanden, und ein unternehmender Schenkwirt eröffnete dort schleunigst ein „Restaurant zur Fichte“!

[85] Als vor einigen Jahren die Firma August Scherl den Verlag des Leipziger Adreßbuchs an sich gebracht hatte, beliebte es ihr, alle Leipziger Straßennamen über einen Kamm zu scheren und sie alle als zusammengesetzte Wörter drucken zu lassen: Dresdnerstraße, Grimmaischestraße, Hohestraße usw., obwohl in allen amtlichen Veröffentlichungen und an allen Straßenecken zwischen zusammengesetzten und nicht zusammensetzbaren Namen streng geschieden wird, auch das frühere Adreßbuch dazwischen streng geschieden hatte. Zum Glück griff sofort die Behörde ein und zwang den Verleger, vom nächsten Jahrgang an die Namen wieder richtig zu drucken. Geschadet hat aber doch das böse Beispiel ungeheuer. Der Verlag der bekannten Leipziger Illustrierten Zeitung befindet sich noch heute auf der Reudnitzerstraße!

[86] Freilich findet sich auch schon in Leipziger Urkunden des fünfzehnten Jahrhunderts: uf der nuwestrasse (auf der Neuen Straße).

[87] Auf der einen Seite schreiben sie: Kaiser Park, Hôtel Eingang, hier werden Kinder und Damenschuhe gemacht, auf der andern Seite: Grüne-Waren, Täglich-frei-Konzert u. ähnl.

[88] Nachdem die Sprachdummheiten erschienen waren, redeten auch andre von Sprachsünden, Sprachleben, Sprachgefühl usw. Wären die Sprachdummheiten nicht vorangegangen, so kann man sicher sein, daß die andern von sprachlichen Sünden, sprachlichem Leben, sprachlichem Gefühl geredet hätten.

[89] Es handelt sich um Beobachtungen an dem noch ungebornen Kinde!

[90] Fühlt man denn gar nicht, daß bei der silbernen und der goldnen Hochzeit das silbern und golden nur ein schönes Gleichnis ist, wie beim silbernen und goldnen Zeitalter? und daß dieses Gleichnis durch Silberhochzeit sofort zerstört und die Vorstellung in plumper Weise auf das Metall gelenkt wird, das dem Jubelpaar in Gestalt von Bechern, Tafelaufsätzen u. dgl. winkt? Oder wollen wir in Zukunft auch von der Goldhochzeit und vom Goldzeitalter reden? Wir reden von einem Bronzezeitalter, aber in wie anderm Sinne! Daß schon Goethe einmal das Wort Silberhochzeit gebraucht – in einem Brief an Schiller nennt er Gedichte Wielands „Schoßkinder seines Alters, Produkte einer Silberhochzeit“ –, auch Rückert einmal (in trochäischen Versen, wo silberne Hochzeit gar nicht unterzubringen gewesen wäre), will gar nichts sagen.