[91] Darum gehört auch die Behandlung dieses Fehlers nicht, wie manche wohl meinen könnten, in die Wortbildungslehre, sondern sie gehört in die Satzlehre. Der Fehler liegt nicht in der Bildung der Adjektiva – gebildet sind sie ja richtig –, sondern in ihrer falschen Anwendung.
[92] Zu welcher Geschmacklosigkeit sich manche Leute verirren vor lauter Angst, mißverstanden zu werden, dafür noch ein Beispiel. Ein Zeichenlehrer wollte einen Unterrichtskursus für Damen ankündigen. Aber das Wort Damen wollte er als Fremdwort nicht gebrauchen, Frauen auch nicht, denn dann wären am Ende die Mädchen ausgeblieben, auf die ers besonders abgesehen hatte, Frauen und Mädchen aber auch nicht, denn dann wären vielleicht Schulmädchen mitgekommen, die er nicht haben wollte. Was kündigte er also an? Zeichenunterricht für erwachsene Personen weiblichen Geschlechts!
[93] Auch sie hat es übrigens nicht immer gegeben. Noch im siebzehnten Jahrhundert erteilte, wer mit seinem halben Bruder im Streite lag, einem Anwalt volle Macht, den Prozeß zu führen, noch 1820 wurde auf der Leipziger Messe von kurzen Waren gesprochen.
[94] Neuerdings hat man es durch Uraufführung ersetzt, kein glücklicher Ersatz.
[95] Daher Ortsnamen wie Karlsruhe, Ludwigsburg, Wilhelmshaven, die ja nichts andres sind als Karls Ruhe usw.
[96] Das Haarsträubendste, was auf diesem Gebiete geleistet worden ist, sind wohl die Ausdrücke, die einem täglich in den Zeitungen entgegenschreien: Henckell Trocken, Kupferberg Gold u. ähnl. Als vernünftiger Mensch möchte man sich doch hierbei gern etwas denken und fragt: Was sind denn das für Waren: Trocken und Gold? Es sind gar keine Waren, die Bezeichnung der Ware fehlt hier ganz! Gemeint ist Henckellscher Schaumwein, Kupferbergscher Schaumwein. Aber keiner der beiden Fabrikanten sagt das, sondern der eine schreibt statt der Ware eine Eigenschaft der Ware hin (sec, dry), aber mit großem Anfangsbuchstaben, sodaß sie jeder denkende Mensch für die Bezeichnung der Ware selbst halten muß, der andre die Art der Ausstattung, denn Gold soll sich doch wohl auf die Farbe der Kapsel beziehen? Die Sprache mancher afrikanischen Wilden ist gebildeter und fortgeschrittner als solches Fabrikantendeutsch.
[97] Überhaupt kann man nicht, um eine nähere Bestimmung zu schaffen, mechanisch alles mit allem zusammensetzen; es kommt doch sehr auf Sinn und Bedeutung der beiden Glieder an. Bei Gesellschaft und Verein z. B. liegt der Gedanke an die Personen, die den Verein bilden, so nahe, daß es mindestens etwas kühn erscheint, eine Anzahl Geldleute eine Aktiengesellschaft oder eine Immobiliengesellschaft, eine Gesellschaft von Schlittschuhläufern einen Eisverein und eine Vereinigung von Förstern einen Forstverein zu nennen. Noch gewagter ist es, daß sich die deutschen Papierhändler zu einem Papierverein zusammengetan haben. Mit demselben Recht und demselben guten Geschmack könnte sich schließlich auch eine Fleischergesellschaft einen Fleischverein nennen.
[98] Schokolade und Tee – deutsch geschrieben! Manche verbinden die beiden Wörter gar noch durch einen Bindestrich, wie Atelier-Strauß, Tee-Meßmer, was doch nur Männer bezeichnen kann (der Atelier-Strauß, der Tee-Meßmer). In Sachsen gibt es wirklich Geschäftsleute, die sich mit solchen Namen bezeichnen und sich dadurch selber lächerlich machen, wie: Butter-Bader, Gold-Richter, Fahrrad-Klarner, Zigarren-Krause, Schokoladen-Hering.
[99] Man könnte ebensogut eine Abfahrthalle auf dem Bahnhof die Abfahrtei nennen oder die Kopierstube im Amtsgericht die Abschriftei.
[100] Unsre Schiffe werden bekanntlich, wenn sie einen Länder- oder Städtenamen tragen, als Weiber betrachtet: die.