Frägt und frug

Eine Schande ist es – nicht für die Sprache, die ja nichts dafür kann, wohl aber für die Schule, die das recht gut hätte verhüten können und doch nicht verhütet hat –, mit welcher Schnelligkeit in ganz kurzer Zeit die falschen Formen frägt und frug um sich gegriffen haben, auch in Kreisen, die für gebildet gelten wollen und den Anspruch erheben, ein anständiges Deutsch zu sprechen. Der Fehler wird deshalb so ganz besonders widerwärtig, weil sichs dabei um ein Zeitwort handelt, das hundertmal des Tags gebraucht wird. Das immer falsch hören und – lesen zu müssen, ist doch gar zu greulich.

Die Zeitwörter mit ag im Stamme teilen sich in zwei Gruppen; die eine Gruppe gehört dem starken Verbum, die andre dem schwachen an. Die erste Gruppe bilden die beiden Verba: ich trage, du trägst – ich trug – ich habe getragen, ich schlage, du schlägst – ich schlug – ich habe geschlagen; sie haben dieselbe Ablautsreihe wie fahre, fuhr, gefahrengrabe, grub, gegrabenwachse, wuchs, gewachsen u. a. Zur zweiten Gruppe gehören: ich sage, du sagst – ich sagte – ich habe gesagt, ich jage, du jagst – ich jagte – ich habe gejagt; ebenso klagen, nagen, plagen, ragen, wagen, zagen. Fragen hat nun seit Jahrhunderten unbezweifelt zur zweiten Gruppe gehört: ich frage, du fragst – ich fragte – ich habe gefragt. Unsre Klassiker kennen keine andre Form. Zwei der besten deutschen Prosaiker, Gellert und Lessing, wissen von frägt und frug gar nichts. Nur ganz vereinzelt findet sich in Versen, also unter dem beengenden Einflusse des Rhythmus, frug; so bei Goethe in den Venezianischen Epigrammen: niemals frug ein Kaiser nach mir, es hat sich kein König um mich bekümmert – bei Schiller im Wallenstein: jawohl, der Schwed frug nach der Jahrszeit nichts. Auch Bürger hat es (Lenore: sie frug den Zug wohl auf und ab, und frug nach allen Namen), und da haben wir denn auch die Quelle: es stammt aus dem Niederdeutschen. Bürger war 1747 in Molmerswende bei Halberstadt geboren; wahrscheinlich sagte man dort schon zu seiner Zeit allgemein frug.[35] Aber noch in den fünfziger und sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts hörte man die Dialektform in der gebildeten Umgangssprache so gut wie gar nicht. Auf einmal tauchte sie auf. Und nun ging es ganz wie mit einer neuen Kleidermode, sie verbreitete sich anfangs langsam, dann schneller und immer schneller,[36] und heute schwatzen nicht bloß die Ladendiener und die Ladenmädchen in der Unterhaltung unaufhörlich: ich frug ihn, er frug mich, wir frugen sie, sondern auch der Student, der Gymnasiallehrer, der Professor, alle schwatzens mit, alle Zeitungen, alle Novellen und Romane schreibens, das richtige bekommt man kaum noch zu hören oder zu lesen. Es fehlte nur, daß auch noch gesagt und geschrieben würde: ich habe gefragen, er hat mich gefragen usw.[37] Wie lange wird die alberne Mode dauern? wird sie nicht endlich dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen? Alle guten Schriftsteller und alle anständigen Zeitschriften und Zeitungen brauchten nur die falschen Formen beharrlich zu meiden, so würden wir sie bald ebenso schnell wieder lossein, wie sie sich eingedrängt haben.[38]

Merkwürdig ist es, daß in diesem Falle die Sprache einmal aus der schwachen in die starke Konjugation abgeirrt ist. Gewöhnlich verläuft sie sich in umgekehrter Richtung. Wie kleine Kinder, die erst reden lernen, anfangs starke Verba gern nach der schwachen Konjugation bilden: ich schreibte, der Käfer fliegte, der Mann, der da reinkamte, so haben es auch immer die großen Kinder gemacht, die nicht ordentlich hatten reden lernen. So werden falten und spalten, die ursprünglich stark flektiert wurden (falte, fielt, gefalten), jetzt schwach flektiert: mit gefalteten Händen; von spalten hat sich nur das starke Partizip erhalten: gespaltnes Holz. Aber einzelne Zeitwörter sind schon in alter Zeit auch den umgekehrten Weg gegangen; so ist das ursprüngliche geweist und gepreist schon längst durch gewiesen und gepriesen verdrängt worden, und in Mitteldeutschland kann man im Volksmunde hören: es wurde mit der großen Glocke gelauten, ich habe den ganzen Winter kalt gebaden.[39]

Übergeführt und überführt

Auch das transitive führen (d. h. bringen) und das intransitive fahren (d. h. sich bewegen) noch auseinanderhalten zu wollen, wäre vergebliches Bemühen. In beiden Bedeutungen wird schon längst bloß noch fahren gebraucht: ich fahre im Wagen, und der Kutscher fährt mich. Es kann aber gar nichts schaden, wenn man sich an Fuhre, Fuhrmann, Bierführer, dem ältern Buchführer (statt Buchhändler) u. a. den ursprünglichen Unterschied gegenwärtig hält. Und dazu könnte auch überführen dienen, das jetzt in der Zeitungsprache (als Ersatz für transportieren) beliebt geworden ist, wenn man es nur nicht fortwährend falsch flektiert lesen müßte! Täglich muß man in Zeitungen von überführten Kranken und überführten Leichen lesen, das soll heißen: von Personen, die in das oder jenes Krankenhaus oder nach ihrem Tode in die Heimat zum Begräbnis gebracht worden sind. Wie kann sich das Sprachgefühl so verirren! Verbrecher werden überführt, wenn ihnen trotz ihres Leugnens ihr Verbrechen nachgewiesen wird: dann aber werden sie ins Zuchthaus übergeführt, wenn denn durchaus „geführt“ werden muß.

Es gibt eine große Anzahl zusammengesetzter Zeitwörter, bei denen, je nach der Bedeutung, die sie haben, bald die Präposition, bald das Zeitwort betont wird, z. B. übersetzen (den Wandrer über den Fluß) und übersetzen, überfahren (über den Fluß) und überfahren (ein Kind auf der Straße), überlaufen (vom Krug oder Eimer gesagt) und überlaufen (es überläuft mich kalt, er überläuft mich mit seinen Besuchen), überlegen (über die Bank) und überlegen, übergehen (zum Feinde) und übergehen (den nächsten Abschnitt), unterhalten (den Krug am Brunnen) und unterhalten, unterschlagen (die Beine) und unterschlagen (eine Geldsumme), unterbreiten (einen Teppich) und unterbreiten (ein Bittgesuch), hinterziehen (ein Seil) und hinterziehen (die Steuern), umschreiben (noch einmal oder ins Reine schreiben) und umschreiben (einen Ausdruck durch einen andern), durchstreichen (eine Zeile) und durchstreichen (eine Gegend), durchsehen (eine Rechnung) und durchschauen (einen Betrug), umgehen und umgehen, hintergehen und hintergehen, wiederholen und wiederholen usw. Gewöhnlich haben die Bildungen mit betonter Präposition die eigentliche, sinnliche, die mit betontem Verbum eine übertragne, bisweilen auch die einen eine transitive, die andern eine intransitive Bedeutung. Die Bildungen nun, die die Präposition betonen, trennen bei der Flexion die Präposition ab, oder richtiger: sie verbinden sie nicht mit dem Verbum (ich breite unter, ich streiche durch, ich gehe hinter, daher auch hinterzugehen) und bilden das Partizip der Vergangenheit mit der Vorsilbe ge (untergebreitet, durchgestrichen, hintergegangen); die dagegen, die das Verbum betonen, lassen bei der Flexion Verbum und Präposition verbunden (ich unterbreite, ich durchstreiche, ich hintergehe, daher auch zu hintergehen) und bilden das Partizip ohne die Vorsilbe ge (unterbreitet, durchstrichen, hintergangen). Darnach ist es klar, daß von einem Orte zum andern etwas nur übergeführt, aber nicht überführt werden kann. Ebenso verhält sichs mit übersiedeln, wo das Sprachgefühl neuerdings auch ins Schwanken gekommen ist. Richtig ist nur, wann siedelst du über? ich bin schon übergesiedelt, aber nicht: wann übersiedelst du? ich bin schon übersiedelt, die Familie übersiedelte nach Berlin.

Die Verwirrung stammt aus Süddeutschland und namentlich aus Österreich, wo nicht nur der angegebne Unterschied vielfach verwischt wird, sondern überhaupt die Neigung besteht, das Gebiet der trennbaren Zusammensetzung immer mehr einzuschränken. Der Österreicher sagt stets: überführt, übersiedelt; er anerkennt etwas, er unterordnet sich, eine Aufgabe obliegt ihm, er redet von einem unterschobnen Kinde, von dem Text, der einem Liede unterlegt ist, er unterbringt einen jungen Mann in einem Geschäft, er überschäumt vor Entrüstung, er hat die verschiednen Weine des Landes durchkostet usw. Wir sollen uns mit allen Kräften gegen diese Verwirrung wehren, da sie ein Zeichen trauriger Verlotterung des Sprachgefühls ist.

Von den mit miß zusammengesetzten Zeitwörtern sind Partizipia mit oder ohne ge- gebräuchlich, je nachdem man sich lieber miß oder das Verbum betont denkt, also mißlungen, mißraten, mißfallen, mißbilligt, mißdeutet, mißgönnt, mißbraucht, mißhandelt, neben gemißbraucht, gemißbilligt, gemißhandelt. Die Vorsilbe ge- kann aber niemals zwischen miß und das Zeitwort treten, miß bleibt in der Flexion überall mit dem Zeitwort verwachsen. Daher ist es auch falsch, Infinitive zu bilden wie mißzuhandeln, es muß unbedingt heißen: zu mißhandeln, zu mißbrauchen.

Für neubacken wird jetzt öfter neugebacken geschrieben: ein neugebackner Doktor, ein neugebackner Ehemann usw., aber doch immer nur von solchen, die sich die gute alte Form nicht zu schreiben getrauen. Und doch fürchten sie sich weder vor neuwaschen noch vor altbacken noch vor hausbacken.