Ich bin gestanden oder ich habe gestanden?

Ufm Bergli bin i gsässe, ha de Vögle zugeschaut; hänt gesunge, hänt gesprunge, hänt’s Nestli gebaut – heißt es in Goethes Schweizerlied. Ich bin gesessen, gestanden, gelegen ist das Ursprüngliche, das aber in der Schriftsprache längst durch habe gesessen, gestanden, gelegen verdrängt ist. Nur mundartlich lebt es noch fort, und in einer bayrischen oder österreichischen Erzählung aus dem Volksleben läßt man sichs auch gern gefallen, auch in der Dichtersprache (Rückert: es ist ein Bäumlein gestanden im Wald); in einem wissenschaftlichen Aufsatz ist es unerträglich. Wie köstlich aber ist das hänt gesprunge! Die Verba der Bewegung bilden ja das Perfektum alle mit sein; manche können aber daneben auch ein Perfektum mit haben bilden, nämlich dann, wenn das Verbum der Bewegung eine Beschäftigung bezeichnet. Schon im fünfzehnten Jahrhundert heißt es in Leipzig: Der Custos zu S. Niclas hat mit dem Frohnen nach Erbgeld gangen, d. h. er hat den Auftrag ausgeführt, das Geld einzusammeln. Und heute heißt es allgemein: vorige Woche haben wir gejagt, aber: ich bin in der ganzen Stadt herumgejagt, eine Zeit lang bin ich diesem Trugbilde nachgejagt, wir haben die halbe Nacht getanzt, aber: das Pärchen war ins Nebenzimmer getanzt. Jedermann sagt: ich bin gereist, nur der Handlungsreisende nicht, der sagt: ich habe nun schon zehn Jahre gereist, denn das Reisen ist seine Beschäftigung![40] Wenn er aber sagt: Ich bin mit Müller und Kompagnie zehn Jahre lang verkehrt, so ist das falsch: auch verkehren bildet sein Perfektum mit haben. Und geradezu entsetzlich ist es, wenn er seine junge Frau in der Stadt herumführt und ihr ein Haus zeigt mit den Worten: Hier bin ich ein Jahr lang jewohnt! Richtig unterschieden wird wohl allgemein zwischen: er ist mir gefolgt (nachgegangen) und er hat mir gefolgt (gehorcht), er ist fortgefahren (im Wagen) und er hat fortgefahren (zu lügen).

Singen gehört oder singen hören?

Eine der eigentümlichsten Erscheinungen unsrer Sprache, die dem Ausländer, der Deutsch lernen will, viel Kopfzerbrechen macht, wird mit der Frage berührt, ob es heiße: ich habe dich singen gehört oder singen hören.

Bei den Hilfszeitwörtern können, mögen, dürfen, wollen, sollen und müssen und bei einer Reihe andrer Zeitwörter, die ebenfalls mit dem Infinitiv verbunden werden, wie heißen, lehren, lernen, helfen, lassen (lassen in allen seinen Bedeutungen: befehlen, erlauben und zurücklassen), machen, sehen, hören und brauchen (brauchen im Sinne von müssen und dürfen) ist schon in früher Zeit das Partizipium der Vergangenheit, namentlich wenn es unmittelbar vor dem abhängigen Infinitiv stand (der Rat hat ihn geheißen gehen), durch eine Art von Versprechen mit diesem Infinitiv verwechselt und vermengt worden. In der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts heißt es bunt durcheinander: man hat ihn geheißen gehen und heißen gehen, und passiv: er ist geheißen gehen, er ist heißen gehen, er ist geheißen zu gehen, ja sogar er ist gegangen heißen. Schließlich drang an der Stelle des Partizips der Infinitiv vollständig durch, namentlich dann, wenn der abhängige Infinitiv unmittelbar davorstand, und so sagte man nun allgemein: ich habe ihn gehen heißen, ich habe ihn tragen müssen, ich habe ihn kommen lassen, ich habe ihn kennen lernen, ich habe ihn laufen sehen, ich habe ihn rufen hören, er hat viel von sich reden machen (Goethe im Faust: ihr habt mich weidlich schwitzen machen, der Kasus macht mich lachen), du hättest nicht zu warten brauchen.[41] Das merkwürdigste ist, daß bei vieren von diesen Zeitwörtern der abhängige Infinitiv ebenfalls erst durch ein Mißverständnis aus dem Partizip entstanden ist, nämlich bei hören, sehen, machen und lassen: ich höre ihn singen, ich mache ihn schwitzen, ich lasse ihn liegen ist ja entstanden aus: ich höre ihn singend, ich mache ihn schwitzend, ich lasse ihn liegend.[42] In der Verbindung also: ich habe ihn singen hören sind, so wunderbar das klingt, zwei Partizipia, eins der Gegenwart und eins der Vergangenheit, durch bloßes Mißverständnis zu Infinitiven geworden! Diese merkwürdige Erscheinung ist aber nun durch jahrhundertelangen Gebrauch in unsrer Sprache so eingebürgert, und sie ist uns so vertraut und geläufig geworden, daß es gesucht, ungeschickt, ja geradezu fehlerhaft erscheint, wenn jemand schreibt: ich habe sie auf dem Ball kennen gelernt – Dozent auf der Hochschule hatte ich werden gewollt (behüt dich Gott! es hat nicht sein gesollt!) – er hatte ein Mädchen mit einem Kinde gewissenlos sitzen gelassen – wir haben die Situation kommen gesehen – über diesen Versuch hat er nie Reue zu empfinden gebraucht – du hast mir das Verständnis erschließen geholfen usw. Wer sich ungesucht ausdrücken will, bleibt beim Infinitiv, ja er dehnt ihn unwillkürlich gelegentlich noch auf sinnverwandte Zeitwörter aus und schreibt: wir hätten diese Schuld auch dann noch auf uns lasten fühlen (statt: lasten gefühlt). (Lenau: Drei Zigeuner fand ich einmal liegen an einer Weide.)

Kommen zwei solche Hilfszeitwörter zusammen, so hilft es nichts, und wenn sich der Papiermensch noch so sehr darüber entsetzt: es stehn dann drei Infinitive nebeneinander: wir hätten den Kerl laufen lassen sollen, laufen lassen müssen, laufen lassen können. Klingt wundervoll und ist – ganz richtig.

Du issest oder du ißt?

In der Flexion innerhalb der einzelnen Tempora können keine Fehler gemacht werden und werden auch keine gemacht. Bei Verbalstämmen, die auf s, ß oder z ausgehen, empfiehlt sichs, im Präsens in der zweiten Person des Singular das e zu bewahren, das sonst jetzt ausgeworfen wird: du reisest, du liesest, du hassest, du beißest, du tanzest, du seufzest. Allgemein üblich ist freilich: du mußt, du läßt, fast allgemein auch: du ißt. Aber zu fragen: du speist doch heute bei mir? wäre nicht fein; zwischen speisen und speien muß man hübsch unterscheiden. (Vgl. auch du haust und du hausest.) Bei Verbalstämmen dagegen, die auf sch endigen, kann man getrost sagen: du naschst, du wäschst, du drischst, du wünschst, sogar du rutschst. Auch in der zweiten Person der Mehrzahl wird das e, wenigstens in Nord- und Mitteldeutschland, schon längst nicht mehr gesprochen; also hat es auch keinen Sinn, es zu schreiben. Über Maueranschläge, wie: Besuchet Augsburg mit seinen Sehenswürdigkeiten, oder: Waschet mit Seifenextrakt, lacht man in Leipzig schon wegen des altmodischen et. Nur bei der Abendmahlsfeier läßt man sich gern gefallen: Nehmet hin und esset.

Stände oder stünde? Begänne oder begönne?

Immer größer wird die Unbeholfenheit, den Konjunktiv des Imperfekts richtig zu bilden. Viele getrauen sichs kaum noch, sie umschreiben ihn womöglich überall durch den sogenannten Konditional (würde mit dem Infinitiv), auch da, wo das nach den Regeln der Satzlehre ganz unzulässig ist (vgl. [S. 158]). Besonders auffällig ist bei einer Reihe von Zeitwörtern die Unsicherheit über den Umlautsvokal: soll man ä oder ü gebrauchen? Das Schwanken ist dadurch entstanden, daß im Mittelhochdeutschen der Pluralvokal im Imperfektum vielfach anders lautete als der Singularvokal (half, hulfen; wart, wurden), dieser Unterschied sich aber später ausglich. Da nun der Konjunktiv immer mit dem Umlaut des Pluralvokals gebildet wurde, so entstand Streit zwischen ü und ä. Da aber die ursprünglichen Formen (hülfe, stürbe, verdürbe, würbe, würfe) doch noch lebendig sind, so verdienen sie auch ohne Zweifel geschützt und den später eingedrungnen hälfe, stärbe, verdärbe, wärbe, wärfe vorgezogen zu werden. Neben würde ist die Form mit ä gar nicht aufgekommen. Von stehen hieß das Imperfekt ursprünglich überhaupt nicht stand, sondern stund, wie es in Süddeutschland noch heute heißt; das u ging durch den Singular wie durch den Plural. Folglich ist auch hier stünde älter und richtiger als stände. Bei einigen Verben, wie bei beginnen, hat der Streit zwischen ä und ü im Anschluß an das o des Partizips (begonnen) im Konjunktiv des Imperfekts ö in Aufnahme gebracht. Auch diese Formen mit ö (beföhle, begönne, besönne, empföhle, gewönne, gölte, rönne, schölte, schwömme, spönne, stöhle) verdienen, da sie den Formen mit umgewandeltem Pluralvokal entsprechen, den Vorzug vor denen mit ä.