Von Substantiven, die einen Mann bezeichnen, werden Feminina auf in gebildet: König, KöniginWirt, WirtinKoch, KöchinBerliner, Berlinerin – sogar Landsmann, Landsmännin (während sonst natürlich zu Mann das Femininum Weib oder Frau ist: der Kehrmann, das Waschweib, der Botenmann, die Botenfrau). Von Arzt hat man in letzter Zeit Ärztin gebildet. Manche getrauten sich das anfangs nicht zu sagen und sprachen von weiblichen Ärzten, es ist aber gar nichts dagegen einzuwenden, und es ist abgeschmackt, wenn unsre Zeitungen immer von männlichen und weiblichen Arbeitern, männlichen und weiblichen Lehrern reden statt von Arbeitern und Arbeiterinnen, Lehrern und Lehrerinnen (abgeschmackt auch, wenn es in Polizeiberichten heißt, daß ein neugebornes Kind männlichen oder weiblichen Geschlechts im Wasser gefunden worden sei, statt ein neugeborner Knabe oder ein neugebornes Mädchen). Dagegen ist es nicht gut, ein Femininum auf in zu bilden von Pate, Kunde (beim Kaufmann) und Gast. In der ältern Sprache findet sich zwar zuweilen auch Gästin, auf Theaterzetteln konnte man noch vor gar nicht langer Zeit lesen, daß eine auswärtige Schauspielerin als Gastin auftrete, aber wer möchte noch heute eine Frau oder ein Mädchen seine Gästin oder Gastin nennen? Bei Pate unterscheidet man den Paten und die Pate, je nachdem ein Knabe oder ein Mädchen gemeint ist, und der Kaufmann sagt: das ist ein guter Kunde oder eine gute Kunde von mir. Entsetzlich sind die in der Juristensprache üblichen Bildungen: die Beklagtin, die Verwandtin und – das neueste – die Beamtin. Von Partizipialsubstantiven – und ein solches ist auch der Beamte, d. h. der Beamtete, der mit einem Amte versehene – können keine Feminina auf in gebildet werden; niemand sagt: meine Bekanntin, meine Geliebtin, auch Juristen nicht.

Tintefaß oder Tintenfaß?

Zusammensetzungen aus zwei Substantiven wurden im Deutschen ursprünglich nur so gebildet, daß der Stamm des ersten Wortes, des Bestimmungswortes, an das zweite, das bestimmte Wort vorn angefügt wurde, z. B. Tage-lohn; das e in Tagelohn ist der abgeschwächte Stammauslaut. Später sind zusammengesetzte Wörter auch dadurch entstanden, daß ein vorangehendes Substantiv im Genitiv mit einem folgenden durch einfaches Aneinanderrücken verschmolz, z. B. Gottesdienst, Sonntagsfeier, Tageslicht, Heeressprache, Handelskammer. In manchen Fällen sind jetzt beide Arten der Zusammensetzungen nebeneinander gebräuchlich in verschiedner Bedeutung, z. B. Landmann und Landsmann, Wassernot und Wassersnot. Nun endet bei allen schwachen Femininen der Stamm ursprünglich ebenso wie der Genitiv, beide gehen eigentlich auf en aus, und so haben diese schwachen Feminina eine sehr große Zahl von Zusammensetzungen mit en gebildet, auch in das Gebiet der starken Feminina übergegriffen, sodaß en zum Hauptbindemittel für Feminina überhaupt geworden ist. Man denke nur an Sonnenschein, Frauenkirche (d. i. die Kirche unsrer lieben Frauen, der Jungfrau Maria), Erdenrund, Lindenblatt, Aschenbecher, Taschentuch, Seifensieder, Gassenjunge, Stubentür, Laubendach, Küchenschrank, Schneckenberg, Wochenamt, Gallenstein, Kohlenzeichnung, Leichenpredigt, Reihenfolge, Wiegenlied, Längenmaß, Breitengrad, Größenwahn, Muldental, Pleißenburg, Parthendörfer, Markthallenstraße u. a. Sogar Lehn- und Fremdwörter haben sich dieser Zusammensetzung angeschlossen, wie in Straßenpflaster, Tintenfaß, Kirchendiener, Lampenschirm, Flötenspiel, Kasernenhof, Bastillenplatz, Visitenkarte, Toilettentisch, Promenadenfächer, Kolonnadenstraße. Ein reizendes Bild in der Dresdner Galerie ist das Schokoladenmädchen.

Bei dem einfachen Zusammenrücken von Wörtern stellten sich nun aber Genitive im Plural als erster Teil der Zusammensetzung ein, und das hat neuerdings zu einer traurigen Verirrung geführt. Man bildet sich ein, das Binde-en sei überhaupt nichts andres als das Plural-en, man fühlt nicht mehr, daß dieses en ebenso gut die Berechtigung hat, einen weiblichen Singular mit einem folgenden Substantiv zu verbinden, und so schreibt und druckt man jetzt wahrhaftig aus Angst vor eingebildeten widersinnigen Pluralen: Aschebecher, Aschegrube, Tintefaß, Jauchefaß, Sahnekäse, Hefezelle, Hefepilz, Rassepferd und Rassehund, Stellegesuch, Muldetal, Pleißeufer, Parthebrücke, Gartenlaubekalender, Gartenlaubebilderbuch, Sparkassebuch, Visitekarte, Toiletteseife, Serviettering, Manschetteknopf, Promenadeplatz, Schokoladefabrik usw. In allen Bauzeitungen muß man von Mansardedach und von Lageplan lesen (so haben die Architekten, die erfreulicherweise eifrige Sprachreiniger sind, Situationsplan übersetzt), in allen Kunstzeitschriften von Kohlezeichnungen und Kohledrucken, offenbar damit ja niemand denke, die Zeichnungen oder Drucke wären mit einem Stück Stein- oder Braunkohle aus dem Kohlenkasten gemacht – nicht wahr? Wer nicht fühlt, daß das alles das bare Gestammel ist, der ist aufrichtig zu bedauern. Es klingt genau, wie wenn kleine Kinder dahlten, die erst reden lernen und noch nicht alle Konsonanten bewältigen können. Man setze sich das nur im Geiste weiter fort – was wird die Folge sein? daß wir in Zukunft auch stammeln: Sonneschein, Taschetuch, Brilleglas, Gosestube, Zigarrespitze, Straßepflaster, Roseduft, Seifeblase, Hülsefrucht, Laubedach, Geigespiel, Ehrerettung, Wiegelied, Aschebrödel usw.[44] Sollten einzelne dieser Wörter vor der Barbarei bewahrt bleiben, so könnte es nur deshalb geschehen, weil man annähme, ihr Bestimmungswort stehe im Plural, und der sei richtig, also ein Taschentuch sei nicht ein Tuch für die Tasche, sondern – für die Taschen!

Wo das Binde-en aus rhythmischen oder andern Gründen nicht gebraucht wird, bleibt für Feminina nur noch die eine Möglichkeit, den verkürzten Stamm zu benutzen, der wieder mit dem eigentlichen Stamm der alten starken Feminina zusammenfällt und dadurch überhaupt erst in der Zusammensetzung von Femininen aufgekommen ist. So findet sich in früherer Zeit Leichpredigt neben Leichenpredigt, und so haben wir längst Mühlgasse neben Mühlenstraße, Erdball und Erdbeere neben Erdenrund und Erdenkloß, Kirchspiel und Kirchvater neben Kirchenbuch und Kirchendiener, Elbtal, Elbufer und Elbbrücke neben Muldental und Muldenbett. Vor dreißig Jahren sagte man Lokomotivenführer, und das war gut und richtig. Neuerdings hat die Amtssprache Lokomotivführer durchgedrückt. Das ist zwar ganz häßlich, denn nun stoßen zwei Lippenlaute (v und f) aufeinander, aber es ist ja zur Not auch richtig. Aber ein Wort wie Saalezeitung oder Solebad, wie man auch neuerdings lallt (das Solebad Kissingen), ist doch die reine Leimerei. Bei Saalzeitung könnte wohl einer an den Saal denken statt an die Saale? Denkt denn beim Saalkreis, beim Saalwein und bei der Saalbahn jemand dran?[45] Die Amtssprache fängt jetzt freilich auch an, vom Saalekreis zu stammeln. Als 1747 das erste Rhinozeros nach Deutschland kam, nannten es die Leute bald Nashorn, bald Nasenhorn. Hätte man das Tier heute zu benennen, man würde es unzweifelhaft Nasehorn nennen.[46] Das Neueste ist, daß sich die Herren von der Presse jetzt Pressevertreter nennen und bisweilen ein Pressefest oder einen Presseball veranstalten. Von einem Preßfest oder einem Preßball zu reden fürchten sie sich, offenbar damit niemand an die Preßwurst denke! Ein Glück, daß die Wörter Preßfreiheit, Preßgesetz, Preßvergehen, Preßpolizei, Preßbureau schon in einer Zeit gebildet worden sind, wo die Herren von der Presse noch deutsch reden konnten!

Besonders bei der Zusammensetzung mit Namen wird jetzt (z. B. bei der Taufe neuer Straßen oder Gebäude) fast nur noch in dieser Weise geleimt. Wer wäre vor hundert Jahren imstande gewesen, eine Straße Augustastraße, ein Haus Marthahaus, einen Garten Johannapark zu nennen! Da sagte man Annenkirche, Katharinenstraße, Marienbild, und es fiel doch auch niemand ein, dabei an eine Mehrzahl von Annen, Katharinen oder Marien zu denken.

Speisenkarte oder Speisekarte?

Da haben also wohl die Schenkwirte, die statt der früher allgemein üblichen Speisekarte eine Speisenkarte eingeführt haben, etwas recht weises getan? Sie haben den guten alten Genitiv wiederhergestellt? Nein, daran haben sie nicht gedacht, sie haben die Mehrzahl ausdrücken wollen, denn sie haben sich überlegt: auf meiner Karte steht doch nicht bloß eine Speise. Damit sind sie aber auch wieder gründlich in die Irre geraten. In Speisekarte ist die erste Hälfte gar nicht durch das Hauptwort Speise gebildet, sondern durch den Verbalstamm von speisen. Alles, was zum Speisen gehört: die Speisekammer, das Speisezimmer, der Speisesaal, das Speisegeschirr, der Speisezettel – alles ist mit diesem Verbalstamm zusammengesetzt. So ist auch die Speisekarte nicht die Karte, auf der die Speisen verzeichnet stehen, sondern die Karte, die man beim Speisen gebraucht, wie die Tanzkarte die Karte, die man beim Tanzen gebraucht, das Kochbuch das Buch, das man beim Kochen benutzt, die Spielregel die Regel, die man beim Spielen beobachtet, die Bauordnung die Ordnung, nach der man sich beim Bauen richtet, der Fahrplan der Plan, der uns darüber belehrt, wann und wohin gefahren wird, die Singweise die Weise, nach der man singt, das Stickmuster das Muster, nach dem man stickt, die Zählmethode die Methode, nach der man zählt. Alle diese Wörter sind mit einem Verbalstamm zusammengesetzt. Hätten die Schenkwirte mit ihrer Speisenkarte Recht, dann müßten sie doch auch Weinekarte sagen.[47] Glücklicherweise läßt sich der Volksmund nicht irremachen. Niemals hört man in einer Wirtschaft eine Speisenkarte verlangen, es wird aber immer nur gedruckt, entweder auf Verlangen der Wirte, die damit etwas besonders feines ausgeheckt zu haben glauben, oder auf Drängen der Akzidenzdrucker, die es den Wirten als etwas besonders feines aufschwatzen. Ganz lächerlich ist es, wenn manche Wirte einen Unterschied machen wollen: eine Speisekarte sei die, auf der ich mir eine Speise aussuchen könne, eine Speisenkarte dagegen ein „Menu“, das Verzeichnis der Speisen bei einem Mahl, wofür man neuerdings auch das schöne Wort Speisenfolge eingeführt hat. Die Speisekarte ist die Karte, die zum Speisen gehört, ob ich mir nun etwas darauf aussuche, oder ob ich sie von oben bis unten abesse.

Ein Gegenstück zur Speisenkarte ist die Fahrrichtung; an den ehemaligen Leipziger Pferdebahnwagen stand: nur in der Fahrrichtung abspringen! Es spricht aber niemand von Fließrichtung, Strömrichtung, Schießrichtung, wohl aber von Flußrichtung, Stromrichtung, Schußrichtung, Windrichtung, Strahlrichtung. Bedenkt man freilich, daß der Volksmund die Fahrtrichtung unzweifelhaft sofort zur Fahrtsrichtung verschönert hätte (nach Mietskaserne), so muß man ja eigentlich für die Fahrrichtung sehr dankbar sein.

Äpfelwein oder Apfelwein?