Unnötigen Aufruhr und Streit erregt bisweilen die Frage, ob in dem Bestimmungswort einer Zusammensetzung die Einzahl oder die Mehrzahl am Platze sei. Einen Braten, der nur von einem Rind geschnitten ist, nennt man in Leipzig Rinderbraten, eine Schüssel Mus dagegen, die aus einem halben Schock Äpfel bereitet ist, Apfelmus. Das ist doch sinnwidrig, heißt es, es kann doch nur das umgekehrte richtig sein! Nein, es ist beides richtig. Es kommt in solchen Zusammensetzungen weder auf die Einzahl noch auf die Mehrzahl an, sondern nur auf den Gattungsbegriff. Im Numerus herrscht völlige Freiheit; die eine Mundart verfährt so, die andre so,[48] und selbst innerhalb der guten Schriftsprache waltet hier scheinbar die seltsamste Laune und Willkür. Man sagt: Bruderkrieg, Freundeskreis, Jünglingsverein, Ortsverzeichnis (neuerdings leider auch Namensverzeichnis und Offizierskasino!), Adreßbuch, Baumschule, Fischteich, Kartoffelernte, Trüffelwurst, Federbett, obwohl hier überall das Bestimmungswort unzweifelhaft eine Mehrzahl bedeutet; dagegen sagt man Kinderkopf (in der Malerei), Liedervers, Eierschale, Lämmerschwänzchen, Hühnerei, Städtename, Gänsefeder, obwohl ein Vers nur zu einem Liede, eine Schale nur zu einem Ei gehören kann. Wer näher zusieht, findet freilich auch hinter dieser scheinbaren Willkür gute Gründe. Baumschule, Bruderkrieg und Fischteich sind noch nach der ursprünglichen Zusammensetzungsweise, die nach singularischer oder pluralischer Bedeutung des Bestimmungswortes nicht fragte, mit dem bloßen Stamme des ersten Wortes gebildet. Jünglingsverein und Ortsverzeichnis haben das s, das eigentlich nur dem vorgesetzten maskulinen Genitiv zukommt, aber von da aus weiter gegriffen hat und zum Bindemittel schlechthin, selbst für pluralisch gemeinte Substantiva, geworden ist; auch Freundeskreis ist ein Absenker dieser Bildungsweise. Und ebenso natürlich erklärt sich die Gruppe mit scheinbar pluralischer Form und singularischer Bedeutung. In ihr kommen nur Neutra mit der Pluralendung er und umgelautete Feminina in Frage. Aber sowohl der Umlaut der Feminina wie das er (und der Umlaut) der Neutra gehörte in alter Zeit nicht nur dem Plural, sondern dem Stamme dieser Wörter an, und daß es sich bei den Zusammensetzungen mit ihnen um nichts weiter als um den Stamm handelt, können wir bei einigem guten Willen noch jetzt nachfühlen. Kein Mensch denkt bei dem Worte Gänseblume an mehrere Gänse, sondern jeder nur an den Begriff Gans, so gut wie er bei Rinderbrust nicht mehrere Rinder vor Augen hat.

Trotz alledem ist natürlich Äpfelwein neben Apfelwein nicht zu verurteilen. Der wirklich pluralischen Zusammensetzungen und der pluralisch gefühlten gibt es zu viel, als daß ihnen ein Eingreifen in dieses Gebiet der Zusammensetzungen mit Gattungsbegriffen verwehrt werden könnte. Schwankt man doch auch in Zusammensetzungen wie Anwaltstag, Juristentag, Ärztetag, Bischofkonferenz, Rektorenkonferenz, Gastwirtverein, Gastwirtstag, Architektenverein u. a. Wenn etwas hier bestimmend wäre, so könnte es nur der Wohlklang sein. Die schwach deklinierten ziehen augenscheinlich den Plural, die stark deklinierten den Singular vor; zu Ärztetag hat man ausnahmsweise gegriffen, weil Arzttag undeutlich, Arztstag unerträglich klingt, während gegen eine Arztversammlung niemand etwas einwenden wird, also auch die Ärztekammer (statt Arztkammer) überflüssig war, ebenso überflüssig wie der Wirteverein. Höchst ärgerlich aber ist es, wenn man, nachdem man vierzig Jahre lang von Kollegienheften hat sprechen hören, plötzlich an dem Ladenfenster eines Schreibwarenkrämers Kolleghefte angepriesen sieht. Aber der gute Mann macht es ja bloß den Professoren nach, die jetzt keine Kollegiengelder mehr beanspruchen, sondern Kolleggelder!

Zeichnenbuch oder Zeichenbuch?

Die falschen Zusammensetzungen Zeichnenbuch, Zeichnensaal, Rechnenheft sind in der Schule, wo sie sich früher auch breitmachten, jetzt wohl überall glücklich wieder beseitigt; außerhalb der Schule aber spuken sie doch noch und gelten noch immer manchen Leuten für das Richtige. In Wahrheit sind es Mißbildungen. Wenn in Zusammensetzungen das Bestimmungswort ein Verbum ist, so kann dieses nur in der Form des Verbalstammes erscheinen; daher heißt es: Schreibfeder, Reißzeug, Stimmgabel, Druckpapier, Stehpult, Rauchzimmer, Laufbursche, Spinnstube, Trinkhalle, Springbrunnen, Zauberflöte, oder auch mit einem Bindevokal: Wartesaal, Singestunde, Bindemittel.[49] Nun gibt es aber Verbalstämme, die auf n ausgehen, z. B. zeichen, rechen, trocken, turn; die Infinitive dazu heißen: rechnen (eigentlich rechenen), zeichnen (eigentlich zeichenen), trocknen, turnen. Werden diese in der Zusammensetzung verwendet, so können natürlich nur Formen entstehen wie Rechenstunde, Zeichensaal, Trockenplatz, Turnhalle. Wäre Rechnenbuch und Zeichnensaal richtig, so müßte man doch auch sagen: Trocknenplatz, Turnenhalle, ja auch Schreibenfeder und Singenstunde.

Das Binde-s

In ganz unerträglicher Weise greift jetzt das unorganisch eingeschobne s in zusammengesetzten Wörtern um sich. In Himmelstor, Gotteshaus, Königstochter, Gutsbesitzer, Feuersnot, Wolfsmilch kann man ja überall das s als die Genitivendung des männlichen oder sächlichen Bestimmungswortes auffassen, wiewohl es auch solche Zusammensetzungen gibt, in denen der Genitiv keinen Sinn hat, das s also nur als Bindemittel betrachtet werden kann, z. B. Rittersmann, segensreich (Schiller hat in der Glocke noch richtig segenreiche Himmelstochter geschrieben). Aber wie kommt das s an Wörter weiblichen Geschlechts, die gar keinen Genitiv auf s bilden können? Wie ist man dazu gekommen, zu bilden: Liebesdienst, Hilfslehrer, Geschichtsforscher, Bibliotheksordnung, Arbeitsliste, Geburtstag, Hochzeitsgeschenk, Weihnachtsabend, Fastnachtsball, Zukunftsmusik, Einfaltspinsel, Zeitungsschreiber, Hoheitsrecht, Sicherheitsnadel, Wirtschaftsgeld, Konstitutionsfest, Majestätsbeleidigung, ausnahmsweise, rücksichtsvoll, vorschriftsmäßig?

Dieses Binde-s stammt ebenso wie das falsche Plural-s (vgl. [S. 23]) aus dem Niederdeutschen. Dort wird es wirklich aus Verlegenheit gebraucht, um von artikellosen weiblichen Hauptwörtern einen Genitiv zu bilden, natürlich immer nur dann, wenn er dem Worte, von dem er abhängt, voransteht, wie Mutters Liebling, vor Schwesters Tür, Madames Geschenk (Lessing: Antworts genug, über Naturs Größe), und so ist aus diesem Verlegenheits-s dann das Binde-s geworden. Es gehört aber erst der neuern Zeit an. Im Mittelhochdeutschen findet es sich nur vereinzelt, erst im Neuhochdeutschen ist es eingedrungen, hat sich dann mit großer Schnelligkeit verbreitet und sucht sich noch immer weiter zu verbreiten. Schon fängt man an zu sagen: Doktorsgrad, Wertspapiere, Raumsgestaltung, Gesteinsmassen, Gewebslehre, Gesangsunterricht, Kapitalsanlage, Inventursaufnahme, Examensvorbereitung, Aufnahmsprüfung, Einnahmsquelle, teilnahmslos, Niederlagsraum, Schwadronsbesichtigung, ja in einzelnen Gegenden Deutschlands, namentlich am Rhein, sogar schon Stiefelsknecht, Erbsmasse (statt Erbmasse), Ratshaus, Stadtsgraben, Nachtswächter, Zweimarksstück, Schiffsbruch, Kartoffelsbrei u. a. In Leipzig sind wir neuerdings mit einem Kajütsbureau beglückt worden (!), und die sächsischen Eisenbahnen reden seit einiger Zeit nur noch von Zugsverkehr, Zugsverbindungen und Zugsverspätungen. Das widerwärtigste aber wegen ihrer Häufigkeit sind wohl die Zusammensetzungen mit Miets- und Fabriks-: das Mietshaus, die Mietskaserne, der Mietsvertrag, der Mietspreis, der Fabriksdirektor, das Fabriksmädchen, das tollste der in rheinischen Städten übliche Stehsplatz und der Verpflegsdienst. Das Binde-s hinter einem Verbalstamm eingeschmuggelt!

Nur eine Wortgattung hat sich des Eindringlings bis jetzt glücklich erwehrt: die Stoffnamen. Von Gold, Silber, Wein, Kaffee, Mehl, Zucker usw. wird nie eine Zusammensetzung mit dem Binde-s gebildet. Nur mit Tabak hat man es gewagt: Tabaksmonopol, Tabaksmanufaktur, natürlich durch das verwünschte k verführt. Der Fabrikstabak und die Tabaksfabrik sind einander wert. Die Tabakspfeife geht freilich schon weit zurück.

Wo das falsche s einmal festsitzt, da ist nun freilich jeder Kampf vergeblich, und das ist der Fall bei allen Zusammensetzungen mit Liebe, Hilfe, Geschichte, hinter vielen weiblichen Wörtern, die auf t endigen, ferner bei allen, die mit ung, heit, keit und schaft gebildet sind, endlich bei den Fremdwörtern auf ion und tät. Hier jetzt noch den Versuch zu machen, das s wieder loszuwerden, wäre wohl ganz aussichtslos.[50] Wo es sich aber noch nicht festgesetzt hat, wo es erst einzudringen versucht, wie hinter Fabrik und Miete, da müßte doch der Unterricht alles aufbieten, es fernzuhalten, das Sprachgefühl für den Fehler wieder zu schärfen.[51] Es ist das nicht so schwer, wie es auf den ersten Blick scheint, denn dieses Binde-s ist ein solcher Wildling, daß es nicht die geringste Folgerichtigkeit kennt. Warum sagt man Rindsleder, Schweinsleder, vertragsbrüchig, inhaltsreich, beispielsweise, hoffnungslos, da man doch Kalbleder, Schafleder, wortbrüchig, gehaltreich, schrittweise, gefühllos sagt? Hie und da scheint wieder der Wohllaut im Spiele zu sein, aber doch nicht immer.

Nach Hilfe wird übrigens in der guten Schriftsprache ein Unterschied beobachtet: man sagt Hilfsprediger, Hilfslehrer, Hilfsbremser, hilfsbedürftig und hilfsbereit, auch aushilfsweise, dagegen Hilferuf und Hilfeleistung, weil man bei diesen beiden das Akkusativverhältnis fühlt, bei den übrigen bloß die Zusammensetzung. Ähnlich ist es mit Arbeitgeber im Gegensatz zu Arbeitsleistung, Arbeitsteilung, mit staatserhaltend und vaterlandsliebend im Gegensatz zu kriegführend, rechtsuchend, betriebstörend. Niemand redet von kriegsführenden Mächten, auch nicht von Kriegsführung, weil hier die einzelne Handlung vorschwebt und deshalb der Akkusativ (Krieg) deutlich gefühlt wird, während vaterlandsliebend und staatserhaltend eine dauernde Gesinnung bezeichnen. Was nützt aber die Freude über diesen feinen Unterschied? In der nächsten Zeitungsnummer stößt man auf den geschäftsführenden Ausschuß, auf die verkehrshindernde Barriere und auf die vertragsschließenden Parteien.[52]