Unterdrückung des Subjekts

Die meisten Fehler gegen die grammatische Richtigkeit und den guten Geschmack werden natürlich auf dem schwierigsten Gebiete der Sprache, auf dem des Satzbaues begangen. Hier sollen zunächst Subjekt und Prädikat und dann die Tempora und die Modi des Zeitworts in Haupt- und Nebensätzen besprochen werden.

Nicht bloß in dem Geschäfts- und Briefstil der Kaufleute, sondern im Briefstil überhaupt halten es viele für ein besondres Zeichen von Höflichkeit, das Subjekt ich oder wir zu unterdrücken. Kaufleute schreiben in ihren Geschäftsanzeigen: Kisten und Tonnen nehmen zum Selbstkostenpreise zurück, Zeitungen drucken über ihren Inseratenteil: Sämtliche Anzeigen halten der Beachtung unsrer Leser empfohlen, und Ärzte machen bekannt: Habe mich hier niedergelassen, oder: Meine Sprechstunden halte von heute ab von acht bis zehn Uhr. Aber auch gebildete Frauen und Mädchen, denen man etwas Geschmack zutrauen sollte, schreiben: Vorige Woche habe mit Papa einen Besuch bei R.s gemacht.

Wenn man jemand seine Hochachtung unter anderm auch durch die Sprache bezeugen will, so ist das gar nicht so übel. Aber vernünftigerweise kann es doch nur dadurch geschehen, daß man die Sprache so sorgfältig und sauber behandelt wie irgend möglich, aber nicht durch äußerliche Mittelchen, wie große Anfangsbuchstaben (Du, Dein), gesuchte Wortstellung, bei der man den Angeredeten möglichst weit vor, sich selbst aber möglichst weit hinter stellt (so bitte Ew. Wohlgeboren infolge unsrer mündlichen Verabredung ich ganz ergebenst), oder gar dadurch, daß man den grammatischen Selbstmord begeht, wie es Jean Paul genannt hat, ich oder wir wegzulassen. Derartige Scherze schleppen sich aus alten Briefstellern fort – wer Gelegenheit hätte, in den Briefen des alten Goethe zu lesen, würde mit Erstaunen sehen, daß sich auch der nie anders ausgedrückt hat –, sie sollten aber doch endlich einmal überwunden werden.

Noch schlimmer freilich als die Unterdrückung von ich und wir ist die Albernheit, wenn man den andern nicht recht verstanden hat, zu fragen: Wie meinen? Hier mordet man grammatisch gar den Angeredeten!

Die Ausstattung war eine glänzende

Eine häßliche Gewohnheit, die in unserm Satzbau eingerissen ist, ist die, das Prädikat, wenn es durch ein Adjektiv gebildet wird, nicht, wie es doch im Deutschen das richtige und natürliche ist, in der unflektierten, prädikativen Form hinzuschreiben, z. B.: das Verfahren ist sehr einfach, sondern in der flektierten, attributiven Form, als ob sich der Leser dazu das Subjekt noch einmal ergänzen sollte: das Verfahren ist ein sehr einfaches (nämlich Verfahren). Es ist das nicht bloß ein syntaktischer, sondern auch ein logischer Fehler, und daß man das gar nicht empfindet, ist das besonders traurige dabei.

Ein Adjektiv im Prädikat zu flektieren hat nur in einem Falle Sinn, nämlich wenn das Subjekt durch die Aussage in eine bestimmte Klasse oder Sorte eingereiht werden soll. Wenn man sagt: die Kirsche, die du mir gegeben hast, war eine saure – das Regiment dort ist ein preußisches – diese Frage ist eine rein wirtschaftliche – der Genuß davon ist mehr ein sinnlicher, kein rein geistiger – der Begriff der Infektionslehre ist ein moderner – der Hauptzweck der Regierung war ein fiskalischer – das Amt des Areopagiten war ein lebenslängliches – das Exemplar, das ich bezogen habe, war ein gebundnes – das abgelaufne Jahr war für die Geschäftswelt kein günstiges – so teilt man die Kirschen, die Regimenter, die Fragen, die Genüsse usw. in verschiedne Klassen oder Sorten ein und weist das Subjekt nun einer dieser Sorten zu. Es wäre ganz unmöglich, zu sagen: diese Frage ist rein ästhetisch oder: das Regiment dort ist preußisch. Die Kirsche ist sauer – das kann man wohl von einer unreifen Süßkirsche sagen, aber nicht, wenn man ausdrücken will, daß die Kirsche zu der Gattung der sauern Kirschen gehöre. Das unflektierte Adjektiv also urteilt, das flektierte sortiert. An ein Sortieren ist aber doch nicht zu denken, wenn jemand sagt: meine Arbeit ist eine vergebliche gewesen. Es fällt dem Schreibenden nicht im Traume ein, die Arbeiten etwa in erfolgreiche und vergebliche einteilen und nun die Arbeit, von der er spricht, in die Klasse der vergeblichen einreihen zu wollen, sondern er will einfach ein Urteil über seine Arbeit aussprechen. Da genügt es doch, zu sagen: meine Arbeit ist vergeblich gewesen.

In der Unterhaltung sagt denn auch kein Mensch: die Suppe ist eine zu heiße, aber eine sehr gute. Der lebendigen Sprache ist diese unnötige und häßliche Verbreiterung des Ausdrucks ganz fremd, sie gehört ausschließlich der Papiersprache an, stellt sich immer nur bei dem ein, der die Feder in die Hand nimmt, oder bei dem Gewohnheitsredner, der bereits Papierdeutsch spricht, oder dem gebildeten Philister, der sich am Biertisch in der Sprache seiner Leibzeitung unterhält. Die Papiersprache kennt gar keine andern Prädikate mehr. Man sehe sich um: in zehn Fällen neunmal dieses schleppende flektierte Adjektiv, im Aktendeutsch durchweg, aber auch in der wissenschaftlichen Darstellung, im Essay, im Leitartikel, im Feuilleton. Lächerlicherweise ist das Adjektiv dabei oft durch ein Adverb gesteigert, sodaß gar kein Zweifel darüber sein kann, daß ein Urteil ausgesprochen werden soll. Aber es wird nirgends mehr geurteilt, es wird überall nur noch sortiert: das Befinden der Königin ist ein ausgezeichnetes – die Ausstattung war eine überaus vornehme – die Organisation ist eine sehr straffe, fast militärische – der Andrang war ein ganz enormer – der Beifall war ein wohlverdienter – diese Forderung ist eine durchaus gerechtfertigte – die Stellung des neuen Direktors war eine außerordentlich schwierige – in einigen Lieferungen ist die Bandbezeichnung eine falsche – der Erfolg mußte von vornherein ein zweifelhafter sein – diese Anschauung vom Leben der Sprache ist eine durchaus verkehrte – die Verfrachtung ist eine außerordentlich zeitraubende und kostspielige – die Beurteilung des Gedichts war eine verschiedne, doch günstige – dieser Standpunkt ist ein völlig undurchführbarer – die kirchliche Lage der kleinen Gemeinden war eine sehr gedrückte, wenig beneidenswerte – die Aussicht auf die kommende Session ist eine sehr trübe – dieses Gedicht ist ein dem ganzen deutschen Volke teures (!) – allen Verehrern Moltkes dürfte der Besitz dieses Kunstblattes ein sehr willkommner (!) sein – die Notwendigkeit einer Ausdehnung wird schwerlich so bald eine fühlbare (!) sein usw. Ebenso dann auch in der Mehrzahl: die Meinungen der Menschen sind sehr verschiedne – die Pachtsummen waren schon an und für sich hohe – die mythologischen Kenntnisse der Schüler sind gewöhnlich ziemlich dürftige – ich glaube nicht, daß die dortigen Verhältnisse von den unsrigen so grundverschiedne (!) seien. Ist das Prädikat verneint, so heißt es natürlich kein statt nicht: die Schwierigkeiten waren keine geringen – die Kluft zwischen den einzelnen Ständen war keine sehr tiefe – die Rührung ist keine erkünstelte – die Grenze ist keine für alle Zeiten bestimmte und keine für alle Orte gleiche – bei Goethe und Schiller ist der Abstand von der Gegenwart kein so starker mehr. Eine musterhafte Buchkritik lautet heutzutage so: ist der Inhalt des Lexikons ein sehr wertvoller und die Behandlung der einzelnen Punkte eine vorzügliche, so hält die Ausstattung gleichen Schritt damit, denn sie ist eine sehr gediegne.[58]