Von dem einfachen mit der Kopula gebildeten Prädikat geht aber der Schwulst nun weiter zu den Verben, die mit doppeltem Akkusativ, einem Objekts- und einem Prädikatsakkusativ, verbunden werden. Auch da heißt es nur noch: diesen Kampf kann man nur einen gehässigen nennen (statt: gehässig nennen!) – mehr oder minder sehen wir alle die Zukunft als eine ernste an (statt: als ernst an) – ich möchte diesen Versuch nicht als einen durchaus gelungnen bezeichnen – ich bin weit davon entfernt, diese Untersuchung als eine abschließende hinzustellen – das, was uns diese Tage zu unvergeßlichen macht (statt: unvergeßlich macht!) – und passiv: der angerichtete Schade wird als ein beträchtlicher bezeichnet – abhängige Arbeit löst sich los und wird zu einer unabhängigen (statt: wird unabhängig) – bis die Bildung der Frauen eine andre und bessere wird (statt: anders und besser wird) – unsre Kenntnis der japanischen Industrie ist eine viel umfassendere und gründlichere geworden – durch diese Nadel ist das Fleischspicken ein müheloseres (!) geworden usw.
Besonders häßlich wird die ganze Erscheinung, wenn statt des Adjektivs oder neben dem Adjektiv ein aktives Partizip erscheint, z. B.: das ganze Verfahren ist ein durchaus den Gesetzen widersprechendes. Hier liegt ein doppelter Schwulst vor: statt des einfachen verbum finitum widerspricht ist das Partizip gebraucht: ist widersprechend, und statt des unflektierten Partizips auch noch das flektierte: ist ein widersprechendes. Aber gerade auch solchen Sätzen begegnet man täglich: das Ergebnis ist ein verstimmendes – da die natürliche Beleuchtung doch immer eine wechselnde ist – der Anteil war ein den vorhandnen männlichen Seelen entsprechender – die Mache ist eine verschiedenartige, der Mangel selbständiger Forschung aber ein stets wiederkehrender – die Stellung des Richters ist eine von Jahr zu Jahr sinkende – das schließt nicht aus, daß der Inhalt der Sitte ein verwerflicher, d. h. dem wahren Besten der Gesellschaft nicht entsprechender sei (statt: verwerflich sei, d. h. nicht entspreche) – die Armierung ist eine sehr schwache und absolut nicht ins Gewicht fallende – die Sprache des Buchs ist eine klare, einfache und allgemein verständliche, vom Herzen kommende und zum Herzen gehende – im ganzen ist das Werk freilich kein den Gegenstand erschöpfendes – und auch hier passiv: der Zweck des Buchs ist ein durchaus anzuerkennender (statt: durchaus anzuerkennen).
Es ist kein Zweifel, daß diese breitspurig einherstelzenden Prädikate allgemein für eine besondre Schönheit gehalten werden. Wer aber einmal auf sie aufmerksam gemacht worden oder von selbst aufmerksam geworden ist, der müßte doch jeden Rest von Sprachgefühl verloren haben, wenn er sie nicht so schnell wie möglich abzuschütteln suchte.
Eine Menge war oder waren?
Wenn das Subjekt eines Satzes durch ein Wort wie Zahl, Anzahl, Menge, Masse, Fülle, Haufe, Reihe, Teil und ähnliche gebildet wird, so wird sehr oft im Prädikat ein Fehler im Numerus gemacht. Zu solchen Wörtern kann nämlich entweder ein Genitiv treten, der als Genitiv nicht erkennbar und fühlbar ist, sondern wie ein frei angeschlossener Nominativ erscheint (eine Menge Menschen) und deshalb sogar ein Attribut im Nominativ zu sich nehmen kann (eine Menge unbedeutende Menschen[59]), oder ein auf irgendeine Weise erkennbar gemachter Genitiv (eine Menge von Menschen, eine Menge unbedeutender Menschen); die eine Verbindung ist so gebräuchlich wie die andre. Nun ist wohl klar, daß in dem ersten Falle das Prädikat in der Mehrzahl stehn muß; der scheinbare Nominativ Menschen tritt da so in den Vordergrund, daß er geradezu zum Subjekt, daher für die Wahl des Numerus im Prädikat entscheidend wird. Ebenso klar ist aber doch, daß in dem zweiten Falle das Prädikat nur in der Einzahl stehn kann, denn der abhängige Genitiv von Menschen bleibt im Hintergrunde, und entscheidend für den Numerus im Prädikat kann dann nur der Singular Menge sein. Man kann zwar zu solchen Begriffen – nach dem Sinne – das Prädikat auch in die Mehrzahl setzen, aber doch nur, wenn sie allein stehen; durch den abhängigen deutlichen Plural-Genitiv wird das zusammenfassende, einheitliche in dem Begriff Menge so eindringlich fühlbar gemacht, daß es in hohem Grade stört, wenn man Sätze lesen muß wie: eine auserlesene Zahl deutscher Kunstwerke sind gegenwärtig in Leipzig zu sehen – eine große Anzahl seiner Erzählungen beginnen mit dem jugendlichen Alter des Helden – erfreulich ist es, daß eine große Anzahl unsrer Ärzte schon über zehn Jahre ihren Dienst versehen haben – die größere Anzahl der Lieder und Bearbeitungen sind nicht frei – eine Menge abweichender Beispiele dürfen nicht dazu verleiten, die Regel als ungiltig zu bezeichnen – außer den Seen müssen noch eine Menge kleiner Kanäle benutzt werden – dem Reichsdeutschen treten in dem schweizerischen Schriftdeutsch eine ganze Menge von Besonderheiten entgegen – von diesem schönen Unternehmen liegen nun schon eine Reihe von Heften vor – eine Reihe von Kunstbeilagen ermöglichen dem Kunsthistoriker weitergehendes Studium – kaum ein halbes Dutzend der vorzüglichsten Dramen finden nachhaltige Teilnahme – der größte Teil der Grundbesitzer waren gar nicht mehr Eigentümer – ein ganz geringer Bruchteil der Stellen sind auskömmlich bezahlt – mindestens ein Viertel seiner Lieder stehen in jedem Gesangbuche – wer da weiß, wie schrecklich unbeholfen die Mehrzahl unsrer Knaben sind – dem Erfolge stehen eine Fülle von verschiednen Bedingungen entgegen usw. Alle, die so schreiben, verraten ein stumpfes Sprachgefühl und lassen sich von dem Krämer beschämen, der in der Zeitung richtig anzeigt: ein großer Posten zurückgesetzter Unterröcke ist billig zu verkaufen. Besonders beleidigend wird der Fehler, wenn das Zeitwort im Plural unmittelbar vor dem singularischen Begriff der Menge steht.
Umgekehrt sind manche geneigt, alle Angaben von Bruchteilen als Singulare zu behandeln und zu schreiben: bei Aluminium wird zwei Drittel des Gewichts erspart – es wurde nur fünf Prozent der Masse gerettet. Hier ist der Singular natürlich ebenso anstößig wie in den vorher angeführten Beispielen der Plural.
Dem Deutschen eigentümlich ist die Anrede Sie, eigentlich die dritte Person der Mehrzahl. Sie ist dadurch entstanden, daß man vor lauter Höflichkeit den Angeredeten nicht bloß, wie andre Sprachen, als Mehrzahl, sondern sogar als abwesend hinstellte. Man wagte gleichsam gar nicht, ihm unter die Augen zu treten und ihn anzublicken. Das pluralische Prädikat zu diesem Sie wird aber nun sogar mit singularischen Subjekten verbunden, wie Eure Majestät, Exzellenz, der Herr Hofrat (Goethe im Faust: Herr Doktor wurden da katechisiert). So unnatürlich das ist, es wird schwerlich wieder zu beseitigen sein. Die wunderlichste Folge dieser Spracherscheinung ist wohl ein Satz wie der: Verzeihen Sie, daß ich Sie, der Sie ohnehin so beschäftigt sind, mit dieser Frage belästige.
Noch ein falscher Plural im Prädikat
Ein Prädikat, das sich auf zwei oder mehr Subjekte bezieht, muß selbstverständlich im Plural stehen, wenn die Subjekte zu einer Gruppe zusammengefaßt werden. Das geschieht aber immer, wenn sie durch das Bindewort und verbunden sind. Dagegen werden die Subjekte niemals zu einer Gruppe vereinigt, wenn sie mit trennenden (disjunktiven) oder gegenüberstellenden Bindewörtern verbunden werden – eigentlich ein Widerspruch, aber doch nur ein scheinbarer, denn die Verbindung ist etwas äußerliches, rein syntaktisches, die Gegenüberstellung ist etwas innerliches, logisches. Zu diesen Bindewörtern (zum Teil eigentlich mehr Adverbien) gehören: oder, teils – teils, weder – noch, wie, sowie, sowohl – wie, sowohl – als auch. Es ist eins der unverkennbarsten Zeichen der zunehmenden Unklarheit des Denkens, daß in solchen Fällen das Prädikat jetzt immer öfter in den Plural gesetzt wird. Verhältnismäßig selten liest man ja so unsinnige Sätze wie: wenn ein schwacher Vater oder eine schwache Mutter der Schule ein Schnippchen schlagen (schlägt!) – es ist sehr fraglich, ob ein roher, trunksüchtiger Mann oder eine böse, schlecht wirtschaftende Frau im Hause mehr Schaden anrichten (anrichtet!) – so war es teils die Willkür des Geschmacks, teils die Willkür des Zufalls, die zu entscheiden hatten (hatte!) – oder gar: sein Milieu, wenn nicht etwas andres in ihm, erhalten (erhält!) ihn unparteiisch und nüchtern. Aber schon etwas ganz alltägliches ist der Fehler bei weder – noch: wenn weder der Beklagte noch er selbst sich stellen – während doch sonst weder Tinte noch Papier gespart werden – da weder der Vater noch die Mutter des Jungen mit uns das geringste zu tun haben – weder die Gräfin noch ihr Bruder verfügen über ein größeres Vermögen – weder Boccaccio noch Lafontaine haben solche Abweichungen geduldet – weder Preußen noch das junge Reich waren stark genug, das Zentrum zu überwinden. Am häufigsten wird der Fehler bei wie, sowie und den verwandten Verbindungen begangen: die vornehme Salondame wie die schlichte Hausfrau stellen an Dienstboten oft unerhörte Anforderungen – der Verfasser zeigt, wie sich von da an das Heer wie das Reich immer mehr barbarisierten – da der Rationalismus den Grundzug dieser Religion bildet, so ist es klar, daß ihr der Gebildete wie der Ungebildete in gleicher Weise anhängen – die Ausbildung der städtischen Verfassung wie die Entwicklung der Fürstentümer zwangen zur Vermehrung der Beamten – der höchste Gerichtshof sowie der Rechnungshof des Reichs befinden sich nicht in der Reichshauptstadt – Frankreich sowohl wie Deutschland entwickeln sich sozialistisch – Custine sowohl wie die französische Regierung waren hinlänglich davon unterrichtet – sowohl der romantische als der realistische Meister hatten der Entwicklung eine breite Bahn geöffnet – sowohl der Wortschatz als auch die Formenlehre haben im Verlaufe von hundert Jahren merkliche Veränderungen erfahren – die freundlichen Worte, die sowohl der Vizepräsident an mich als auch der Herr Ministerpräsident an die Direktoren gerichtet haben. In allen diesen Sätzen kann gar kein Zweifel sein, daß nur von einem Singular etwas ausgesagt wird. Dieser Singular wird einem andern Singular gleichgestellt, von dem dieselbe Aussage gilt. Aber dadurch wird doch aus den beiden Singularen noch kein Plural. Wer das Prädikat in den Plural setzen will, muß eben die Subjekte durch und verbinden, nicht durch wie.