Beim Gebrauche der Zeitwörter kommen in Betracht die Genera (Aktivum und Passivum), die Tempora und die Modi. Im Gebrauche der Genera können kaum Fehler vorkommen. Zu warnen ist nur vor der unter Juristen und Zeitungschreibern weit verbreiteten Gewohnheit, alles passivisch auszudrücken, z. B.: namentlich muß von dem obersten Leiter der Politik dieser Zustand als eine Erschwerung seines Amtes empfunden werden (statt: der oberste Leiter muß empfinden) – das hat sehr dazu beigetragen, daß von der Regierung nicht an den bisher befolgten sozialpolitischen Grundsätzen festgehalten worden ist (statt: daß die Regierung nicht festgehalten hat) – bei einem Pachtverhältnis sollte von seiten (!) des Verpächters nicht bloß auf die Höhe der gebotnen Pachtsumme gesehen werden, sondern auch die Persönlichkeit des Bewerbers berücksichtigt und auf dessen Befähigung Wert gelegt werden (statt: der Verpächter sollte berücksichtigen). Das nächstliegende ist doch immer das Aktivum.
Geschmacklos ist es, ein Passivum von einem reflexiven Zeitwort zu bilden: es brach ein Gewitter los, und es wurde sich in ein Haus geflüchtet – mit dem Beschlusse des Rats wurde sich einverstanden erklärt – über dieses Thema ist sich in pädagogischen Zeitschriften wiederholt geäußert worden. Dergleichen Sätze kann man höchstens im Scherz bilden. In gutem Deutsch müssen sie mit Hilfe des Fürworts man umschrieben werden.
Ist gebeten oder wird gebeten?
Zahlreiche Verstöße werden gegen den richtigen Gebrauch der Tempora begangen. Ganz undeutsch und nichts als eine gedankenlose Nachäfferei des Französischen, noch dazu eines falsch verstandnen Französisch, ist es, zu schreiben: die Mitglieder sind gebeten, pünktlich zu erscheinen. In dem Augenblicke, wo jemand eine derartige Aufforderung erhält, ist er noch nicht gebeten, sondern er wird es erst. Man kann wohl sagen: du bist geladen, d. h. betrachte dich hiermit als geladen. Aber die Mitteilung einer Bitte, einer Einladung usw. kann nur durch das Präsens, nicht durch das Perfektum ausgedrückt werden.
Mißbrauch des Imperfekts
Ganz widerwärtig und ein trauriges Zeichen der zunehmenden Abstumpfung unsers Sprachgefühls ist ein Mißbrauch des Imperfekts, der seit einiger Zeit mit großer Schnelligkeit um sich gegriffen hat.
Das Imperfektum ist in gutem Deutsch das Tempus der Erzählung. Was heißt erzählen?
Mariandel kommt weinend aus der Kinderstube und klagt: Wolf hat mich geschlagen! Die Mutter nimmt sie auf den Schoß, beruhigt sie und sagt: erzähle mir einmal, wies zugegangen ist. Und nun erzählt Mariandel: ich saß ganz ruhig da und spielte, da kam der böse Wolf und zupfte mich am Haar usw. Mit dem Perfektum also hat sie die erste Meldung gemacht; auf die Aufforderung der Mutter, zu erzählen, springt sie sofort ins Imperfektum über. Da sehen wir deutlich den Sinn des Imperfekts. Erzählen heißt aufzählen, herzählen. Das Wesentliche einer Erzählung liegt in dem Eingehen in Einzelheiten. Weiterhin besteht aber zwischen Imperfekt und Perfekt auch ein Unterschied in der Zeitstufe: das Imperfekt berichtet früher geschehene Dinge (man kann sich meist ein damals dazu denken), das Perfektum Ereignisse, die sich soeben zugetragen haben, wie der Schlag, den Mariandel bekommen hat. Wenn ich eine Menschenmasse auf der Straße laufen sehe und frage: was gibts denn? so wird mir geantwortet: der Blitz hat eingeschlagen, und am Markt ist Feuer ausgebrochen; d. h. das ist soeben geschehen. Wenn ich dagegen nach einigen Wochen oder Jahren über den Vorgang berichte, kann ich nur sagen: der Blitz schlug ein, und am Markte brach Feuer aus. Nur wenn ich etwas, was mir ein andrer erzählt hat, weiter erzähle, gebrauche ich das Perfektum; selbst dann, wenn mirs der andre im Imperfekt erzählt hat, weil ers selbst erlebt, selbst mit angesehen hatte, kann ich es nur im Perfekt weiter erzählen. Wollte ich auch im Imperfekt erzählen, so müßte ich auf die Frage gefaßt sein: bist du denn dabei gewesen?
Also mit dem Imperfekt wird erzählt, und zwar selbsterlebtes; es ist daher das durchgehende Tempus aller Romane, aller Novellen, aller Geschichtswerke, denn sowohl der Geschichtschreiber wie der Romanschreiber berichtet so, als ob er dabeigewesen wäre und die Dinge selbst mit angesehen hätte. Das Perfektum ist dagegen das Tempus der bloßen Meldung, der tatsächlichen Mitteilung. Der Unterschied ist so handgreiflich, daß man meinen sollte, er könnte gar nicht verwischt werden.
Nun sehe man einmal die kurzen Meldungen in unsern Zeitungen an, die das Neueste vom Tage bringen, unter den telegraphischen Depeschen, unter den Stadtnachrichten usw. – ist es nicht widerwärtig, wie da das Imperfekt mißbraucht wird? Da heißt es: Prinz A. erkrankte schwer in Venedig; seine Gemahlin reiste aus München dahin ab – Bahnhofsinspektor S. in R. erhielt das Ritterkreuz zweiter Klasse – in Heidelberg starb Professor X – Minister Soundso reichte seine Entlassung ein – in Dingsda wurde die Sparkasse erbrochen – ein merkwürdiges Buch erschien in Turin. Wann denn? fragte man unwillkürlich, wenn man so etwas liest. Du willst mir doch eine Neuigkeit mitteilen und drückst dich aus, als ob du etwas erzähltest, was vor dreihundert Jahren geschehen wäre. Ein merkwürdiges Buch erschien in Turin – das klingt doch, als ob der Satz aus einer Kirchengeschichte Italiens genommen wäre.