Etwas andres wird es schon, wenn eine Zeitbestimmung der Vergangenheit hinzutritt, und wäre es nur ein gestern; dann kann der Satz den Charakter einer bloßen tatsächlichen Mitteilung verlieren und den der Erzählung annehmen. Es ist ebenso richtig, zu schreiben: gestern starb hier nach längerer Krankheit Professor X, wie: gestern ist hier nach längerer Krankheit Professor X gestorben. Im zweiten Falle melde ich einfach das Ereignis, im ersten Falle erzähle ich. Fehlt aber jede Zeitangabe, soll das Ereignis schlechthin gemeldet werden, so ist der Gebrauch des Imperfekts ein Mißbrauch.

Der Fehler ist aber nicht auf Zeitungsnachrichten beschränkt geblieben; auch unsre Geschäftsleute schreiben schon in ihren Anzeigen und Briefen und halten das für eine besondre Feinheit: ich verlegte mein Geschäft von der Petersstraße nach der Schillerstraße – ich eröffnete am Johannisplatz eine zweite Filiale u. ähnl. Ein Schuldirektor schreibt einem Schüler ins Zeugnis: M. besuchte die hiesige Schule und trat heute aus. Eine Verlagsbuchhandlung schreibt in der Ankündigung eines Werkes, dessen Ausgabe bevorsteht: wir scheuten kein Opfer, die Illustrationen so prächtig als möglich auszuführen; den Preis stellten wir so niedrig, daß sich unser Unternehmen in den weitesten Kreisen Eingang verschaffen kann. Wann denn? fragt man unwillkürlich. Sind diese Sätze Bruchstücke aus einer Selbstbiographie von dir? erzählst du mir etwas aus der Geschichte deines Geschäfts? über ein Verlagsunternehmen, das du vor zwanzig Jahren in die Welt geschickt hast? Oder handelt sichs um ein Buch, das soeben fertig geworden ist? Wenn du das letzte meinst, so kann es doch nur heißen: wir haben kein Opfer gescheut, den Preis haben wir so niedrig gestellt usw. Eine andre Buchhandlung schreibt auf die Titelblätter ihrer Verlagswerke: den Buchschmuck zeichnete Fidus. Zeichneetee! Wann denn?

Es kommt aber noch eine weitere Verwirrung hinzu. Das Perfekt hat auch die Aufgabe, die gegenwärtige Sachlage auszudrücken, die durch einen Vorgang oder eine Handlung geschaffen worden ist. Auch in dieser Bedeutung wird es jetzt unbegreiflicherweise durch das Tempus der Erzählung verdrängt. Da heißt es: die soziale Frage ist das schwierigste Erbteil, das Kaiser Wilhelm von seinen Vorfahren erhielt (statt: erhalten hat, denn er hat es doch nun!) – auch die vorliegende Arbeit führt nicht zum Ziel, trotz der großen Mühe, die der Verfasser auf sie verwandte (statt: verwendet hat, denn die Arbeit liegt doch vor!) – da die Ehe des Herzogs kinderlos blieb (statt: geblieben ist) – folgt ihm sein Neffe in der Regierung – die letzten Wochen haben dazu beigetragen, daß das Vertrauen in immer weitere Kreise drang (statt: gedrungen ist) – wir beklagen tief, daß sich kein Ausweg finden ließ (statt: hat finden lassen) – kein Wunder, daß aus den Wahlen solche Ergebnisse hervorgingen usw. Der letzte Satz klingt, als wäre er aus irgendeiner geschichtlichen Darstellung genommen, als wäre etwa von Wahlen zum ersten deutschen Parlament die Rede. Es sollen aber die letzten Reichstagswahlen damit gemeint sein, die den gegenwärtigen Reichstag geschaffen haben! Da muß es doch heißen: kein Wunder, daß aus den Wahlen solche Ergebnisse hervorgegangen sind, denn diese Ergebnisse bilden doch die gegenwärtige Sachlage.

Es kann wohl kaum ein Zweifel darüber sein, woher der Mißbrauch des Imperfekts stammt. In Norddeutschland ist er durch Nachäfferei des Englischen entstanden und mit dem lebhaftern Betriebe der englischen Sprache aufgekommen. Der Engländer sagt: I saw him this morning (ich habe ihn diesen Morgen gesehen) – I expected you last Thursday (ich habe Sie vorigen Donnerstag erwartet) – Yours I received (ich habe Ihr Schreiben erhalten) – That is the finest ship I ever saw (das ist das schönste Schiff, das ich je gesehen habe) – Sheridan’s Plays, now printed as he wrote them (wie er sie geschrieben hat). Wahrscheinlich weniger durch nachlässiges Übersetzen aus englischen Zeitungen als durch schlechten englischen Unterricht, bei dem nicht genug auf den Unterschied der Sprachen in dem Gebrauche der Tempora hingewiesen, sondern gedankenlos wörtlich übersetzt wird, ist der Mißbrauch ins Deutsche hereingeschleppt worden. In Leipzig kann man schon hören, wie ein Geck, der den Tag zuvor aus dem Bade zurückgekehrt ist, einem andern Gecken auf der Straße zuruft: Jä, ich käm gestern zurück, wie ein Geck in Gesellschaft sagt: ich hatte schon den Vorzug (ich habe schon die Ehre gehabt). In Süddeutschland aber kommt dazu noch eine andre Quelle. Dem bayrisch-österreichischen Volksdialekt fehlt das Imperfektum (mit Ausnahme von ich war) gänzlich; er kennt weder ein hatte, noch ein ging, noch ein sprach, er braucht in der Erzählung immer das Perfekt (bin ich gewesenhab ich gesagt). Daher hat diese Form in Süddeutschland und Österreich den Beigeschmack des Vulgären, und wenn nun der Halbgebildete Schriftdeutsch sprechen will, so gebraucht er überall, auch da, wo es gar nicht hinpaßt, das Imperfektum, weil er mit dem Perfekt in den Dialekt zu fallen fürchtet. In großen Dresdner Pensionaten, wo englische, norddeutsche und österreichische Kinder zusammen sind, soll man den Einfluß beider Quellen gleichzeitig beobachten können.

Ein wunderliches Gegenstück zu dem Mißbrauch des Imperfekts verbreitet sich in neuern Geschichtsdarstellungen, nämlich die Schrulle, im Perfektum zu – erzählen! Nicht bloß vereinzelte Sätze werden so geschrieben, wie: der Enkel hat ihm eine freundliche und liebevolle Erinnerung bewahrt (statt: bewahrte ihm), sondern halbe und ganze Seiten lang wird das Imperfekt aufgegeben und durch das Perfektum ersetzt. Geschmackvoll kann man auch das nicht nennen.

Worden

Ebenso schlimm wie die beiden eben bezeichneten ist aber nun noch eine dritte Verwirrung, die neuerdings aufgekommen ist und in kurzer Zeit reißende Fortschritte gemacht hat: die Verwirrung, die sich in dem Weglassen des Partizips worden im passiven Perfektum zeigt. Es handelt sich auch hier um eine Vermengung zweier grundverschiedner Zeitformen, der beiden, die man in der Grammatik als Perfektum und als Perfectum praesens bezeichnet.

Nicht nur in gutem Schriftdeutsch, sondern auch in der gebildeten Umgangssprache ist noch bis vor kurzem aufs strengste unterschieden worden zwischen zwei Sätzen wie folgenden: auf dem Königsplatze sind junge Linden angepflanzt worden, und: auf dem Königsplatze sind junge Linden angepflanzt. Der erste Satz meldet den Vorgang oder die Handlung des Anpflanzens – das ist das eigentliche und wirkliche Perfektum; der zweite beschreibt den durch die Handlung des Anpflanzens geschaffnen gegenwärtigen Zustand – das ist das, was die Grammatik Perfectum praesens nennt. Der Altarraum ist mit fünf Gemälden geschmückt worden – das ist eine Mitteilung; der Altarraum ist mit fünf Gemälden geschmückt – das ist eine Beschreibung. Wenn mir ein Freund Lust machen will, mit ihm vierhändig zu spielen, so sagt er: komm, das Klavier ist gestimmt! Dann kann ich ihn wohl fragen: so? wann ist es denn gestimmt worden? aber nicht: wann ist es denn gestimmt? denn ich frage nach dem Vorgange. Wenn ein Maler sagt: mir sind für das Bild 6000 Mark geboten, so heißt das: ich kann das Geld jeden Augenblick bekommen, der Bieter ist an sein Gebot gebunden. Sagt er aber: mir sind 6000 Mark geboten worden, so kann der Bieter sein Gebot längst wieder zurückgezogen haben.

Handelte sichs um einen besonders feinen Unterschied, der schwer nachzufühlen und deshalb leicht zu verwischen wäre, so wäre es ja nicht zu verwundern, wenn er mit der Zeit verschwände. Aber der Unterschied ist so grob und so sinnfällig, daß ihn der Einfältigste begreifen muß. Und doch dringt der Unsinn, eine Handlung, einen Vorgang, ein Ereignis als Zustand, als Sachlage hinzustellen, in immer weitere Kreise und gilt jetzt offenbar für fein. Selbst ältere Leute, denen es früher nicht eingefallen wäre, so zu reden, glauben die Mode mitmachen zu müssen und lassen das worden jetzt weg. Täglich kann man Mitteilungen lesen wie: Dr. Sch. ist zum außerordentlichen Professor an der Universität Leipzig ernannt – dem Freiherrn von S. ist auf sein Gesuch der Abschied bewilligt – in H. ist eine Eisenbahnstation feierlich eröffnet – oder Sätze wie: über den Begriff der Philologie ist viel herumgestritten – die märkischen Stände sind um ihre Zustimmung offenbar nicht befragt – so ist die Reformation in Preußen als Volkssache vollzogen – er behauptete, daß er in dieser Anstalt wohl gedrillt, aber nicht erzogen sei – die Methode, in der Niebuhr so erfolgreich die römische Geschichte behandelte, ist von Ranke auf andre Gebiete ausgedehnt – man rühmt sich bei den Nationalliberalen, daß über 12000 Stimmen von ihnen abgegeben seien – es kann nicht geleugnet werden, daß an Verhetzung geleistet ist, was möglich war – es ist zu bedauern, daß so viel Fleiß nicht auf eine lohnendere Aufgabe verwendet ist – wie hätte die schöne Sammlung zustande kommen können, wenn nicht mit reichen Mitteln dafür eingetreten wäre?

Doppelt unbegreiflich wird der Unsinn, wenn durch Hinzufügung einer Zeitangabe noch besonders fühlbar gemacht wird, daß eben der Vorgang (manchmal sogar ein wiederholter Vorgang) ausgedrückt werden soll, nicht die durch den Vorgang entstandne Sachlage. Aber gerade auch diesem Unsinn begegnet man täglich in Zeitungen und neuen Büchern. Da heißt es: das Verbot der und der Zeitung ist heute wieder aufgehoben (worden! möchte man immer dem Zeitungschreiber zurufen) – der österreichische Reichsrat ist gestern eröffnet (worden!) – der Anfang zu dieser Umgestaltung ist schon vor längerer Zeit gemacht (worden!) – diese Frage ist schon einmal aufgeworfen und damals in verneinendem Sinne beantwortet (worden!) – vorige Woche ist ein Flügel angekommen und unter großen Feierlichkeiten im Kursaal aufgestellt (worden!) – in späterer Zeit sind an dieser Tracht die mannigfachsten Veränderungen vorgenommen (worden!) – in gotischer Zeit ist das Schiff der Kirche äußerlich verlängert und dreiseitig geschlossen (worden!) – an der Stelle, wo Tells Haus gestanden haben soll, ist 1522 eine mit seinen Taten bemalte Kapelle errichtet (worden!) – am Tage darauf, am 25. Januar, sind noch drei Statuen ausgegraben (worden!) – jedenfalls ist der Scherz in Karlsbad bei irgendeiner Gelegenheit aufs Tapet gebracht (worden!) – in B. ist dieser Tage ein Kunsthändler wegen Betrugs zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt (worden!) – diese Dinge sind offenkundig, denn sie sind hundertmal besprochen (worden!) – die Wandlungen der Mode sind zu allen Zeiten von Sittenpredigern bekämpft (worden!) – bis 1880 ist von dieser Befugnis nicht ein einzigesmal Gebrauch gemacht (worden!).