Wo der Unsinn hergekommen ist? Er stammt aus dem Niederdeutschen und hat seine schnelle Verbreitung unzweifelhaft auf dem Wege über Berlin gefunden. Die Unterscheidung der beiden Perfekta in unsrer Sprache ist nämlich verhältnismäßig jung, sie ist erst im fünfzehnten Jahrhundert zustande gekommen, und zwar ganz allmählich. Erst um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts fing man an, zu sagen: daß ein Knecht geschlagen ist worden (anfangs immer in dieser Wortstellung). Aber schon im sechzehnten Jahrhundert war die willkommne Unterscheidung durchgedrungen und unentbehrlich geworden. Nur die niederdeutsche Vulgärsprache lehnte sie ab und beharrt – noch heute, nach vierhundert Jahren – dabei. Welche Lächerlichkeit nun, diesen unvollkommnen Sprachrest, der heute doch lediglich auf der Stufe eines Provinzialismus steht, aller Vernunft und aller Logik zum Trotz der gebildeten Schriftsprache wieder aufnötigen zu wollen! Der Unterricht sollte sich mit aller Macht gegen diesen Rückschritt sträuben.
Wurde geboren, war geboren, ist geboren
Eine biographische Darstellung ist natürlich auch eine Erzählung, kann sich also in keinem andern Tempus bewegen als im Imperfekt. Aber der erste Satz, die Geburtsangabe, wie stehts damit? Soll man schreiben: Lessing war geboren, Lessing wurde geboren oder Lessing ist geboren? Alle drei Ausdrucksweisen kommen vor. Aber merkwürdigerweise am häufigsten die falsche! Er ist geboren – das kann man doch vernünftigerweise nur von dem sagen, der noch lebt. Den Lebenden fragt man: wann bist du denn geboren? Und dann antwortet er: ich bin am 23. Mai 1844 geboren. Von einem, der nicht mehr lebt, kann man wohl am Schlusse seiner Lebensbeschreibung sagen: gestorben ist er am 31. Oktober 1880. Damit fällt man zwar aus der Form der Erzählung heraus in die der bloßen tatsächlichen Mitteilung; aber die ist dort ganz am Platze, denn sie drückt die gegenwärtige Sachlage aus. Am Anfang einer Lebensbeschreibung aber kann es vernünftigerweise nur heißen: er war oder er wurde geboren; mit wurde versetze ich mich – was das natürlichste ist – an den Anfang des Lebenslaufs meines Helden, mit war versetze ich mich mitten hinein. In wieviel hundert und tausend Fällen aber wird in Zeitungsaufsätzen, im Konversationslexikon, in Kunst- und Literaturgeschichten usw. die Gedankenlosigkeit begangen, daß man von Verstorbnen zu erzählen anfängt, als ob sie lebten! Den Fehler damit verteidigen zu wollen, daß man sagte: ein großer Mann lebe eben nach seinem Tode fort, wäre eine arge Sophisterei. Das Fortleben ist doch immer nur bildlich gemeint, in der Biographie aber handelt sichs um das wirkliche Leben.
Erzählung und Inhaltsangabe
Wer eine Geschichte erzählt, bedient sich des Imperfekts; alle Ereignisse; die vor der Geschichte liegen, die erzählt wird, also zu der sogenannten Vorfabel gehören, müssen im Plusquamperfekt mitgeteilt werden. Imperfekt und Plusquamperfekt sind die beiden einzigen Tempora, die in den erzählenden Abschnitten einer Novelle oder eines Romans vorkommen können. Die Vorfabel braucht nicht am Anfang der Novelle zu stehen, sie kann mitten in der Novelle nachgetragen, ja selbst auf mehrere Stellen der Novelle verteilt werden. Immer aber muß das sofort durch den Tempuswechsel kenntlich gemacht werden. Zieht sich nun die Vorfabel in die Länge, so wird der Leser bald des Plusquamperfekts überdrüssig, und der Erzähler muß dann auch für die Vorfabel in das Imperfekt einzulenken suchen. Das geschickt und fein und an der richtigen Stelle zu machen ist eine Aufgabe, an der viele Erzähler scheitern.
Noch schwieriger freilich scheint eine andre Aufgabe zu sein: wenn Rezensenten den Inhalt eines Romans, eines erzählenden Gedichts, eines Dramas angeben, so zeigen sie nicht selten eine klägliche Hilflosigkeit in der Anwendung der Tempora. Man kann Inhaltsangaben lesen, deren Darstellung zwischen Präsens und Imperfekt, Perfekt und Plusquamperfekt nur immer so hin und her taumelt. Und doch ist auch diese Aufgabe eigentlich nicht schwieriger als die andre. Ein Buch, das besprochen wird, liegt vor. Da hat kein andres Tempus etwas zu suchen als das Präsens und das Perfektum, das Präsens für die Geschichte selbst, das Perfektum für die Vorgeschichte. Wer den Inhalt wissen will, fragt nicht: wie war denn die Geschichte? sondern: wie ist denn die Geschichte? Und anders kann auch der nicht antworten, der den Inhalt des Buches angibt; er kann nur sagen: die Geschichte ist so, und nun fängt er im Präsens an: Auf einem Gut in der Nähe von Danzig lebt ein alter Rittmeister; er hat früher eine zahlreiche Familie gehabt, steht aber jetzt allein da usw. Auch wer in der Unterhaltung den Inhalt eines Schauspiels angibt, das er am Abend zuvor im Theater gesehen hat, bedient sich keines andern Tempus und kann sich keines andern bedienen. Nur manche Zeitungschreiber scheinen das nicht begreifen zu können.[60]
Nicht ganz leicht dagegen ist es wieder, in der Erzählung das sogenannte Praesens historicum, das Präsens der lebhaften, anschaulichen Schilderung richtig anzuwenden. Genau an der richtigen Stelle in dieses Präsens einzufallen, genau an der richtigen Stelle sich wieder ins Imperfekt zurückzuziehen, das glückt nur wenigen. Die meisten fangen es recht täppisch an.
Tempusverirrung beim Infinitiv
Wenn jemand anstatt: da muß ich mich geirrt haben – sagen wollte: da mußte ich mich irren oder: da habe ich mich irren müssen, so würde man ihn wohl sehr verdutzt ansehen, denn eine solche Tempusverschiebung aus dem Infinitiv in das regierende Verbum ließe auf eine nicht ganz normale Geistesverfassung schließen. Der Fehler wird aber gar nicht selten gemacht, nur daß er nicht immer so verblüffend hervortritt, z. B.: ich glaube bewiesen zu haben, daß die Verfügung des Oberpräsidenten an dem Anschwellen der Bewegung nicht schuld sein konnte (anstatt: nicht schuld gewesen sein kann). Nicht besser, eher noch schlimmer ist es, die Vergangenheit doppelt zu setzen, z. B.: später mochten wohl die Arbeiten für den Kurfürsten dem Künstler nicht mehr die Muße gelassen haben. Wenn ein Vorgang aus der Vergangenheit nicht als wirklich, sondern mit Hilfe von scheinen, mögen, können, müssen nur als möglich oder wahrscheinlich hingestellt werden soll, so gehört die Vergangenheit natürlich nicht in die Form der Aussage, denn die Aussage geschieht ja in der Gegenwart, sondern sie gehört in den Infinitiv. Es muß also heißen: mögen nicht gelassen haben.
Manche möchten es ja nun gern richtig machen, sind sich aber über die richtige Form des Infinitivs nicht klar. Wenn z. B. jemand schreibt: Ludwig scheint sich durch seine Vorliebe für die Musik etwas von den Wissenschaften entfernt zu haben – und sich einbildet, damit den Satz: Ludwig hatte sich von den Wissenschaften entfernt – in das Gebiet der Wahrscheinlichkeit gerückt zu haben, so irrt er sich. Die Tempora des Indikativs und des Infinitivs entsprechen einander in folgender Weise: