Wie kann man da auf den Gedanken kommen, diese beiden parallelstehenden Sätze verschieden anknüpfen zu wollen! Das natürliche ist es doch, parallellaufende Sätze auch gleichmäßig anzuknüpfen, ja es ist das geradezu notwendig, die Abwechslung stört nur und führt irre. Wenn ich erst der lese und im nächsten Satze welcher, so suche ich unwillkürlich bei dem wechselnden Pronomen auch nach dem wechselnden Hauptwort und sehe zu spät, daß ich genarrt bin. Mit der vermeintlichen Schönheitsregel ist es also nichts; auch sie ist nur ein Erzeugnis der abergläubischen Furcht, kurz hintereinander zweimal dasselbe Wort – geschrieben zu sehen. Die vernünftige Regel heißt: Parallele Relativsätze müssen mit demselben Relativpronomen beginnen, also alle mit der, die, das. Es gibt viele Talente, die vielleicht nie selbständig etwas erfinden werden, die man daher auf der Akademie zwecklos mit Kompositionsaufgaben plagt, die aber beweglich genug sind, das in der Kopierschule erlernte frei umzubilden – das ist gutes Deutsch. Welcher, welche, welches ist auch hier ganz entbehrlich.
Etwas andres ist es, wenn auf einen Relativsatz ein zweiter folgt, der sich an ein neues Hauptwort in dem ersten Relativsatz anschließt, etwa so:
Hauptsatz | ||||||
![]() | Erster Relativsatz | |||||
![]() | Zweiter Relativsatz. | |||||
Da wechselt die Beziehung, und da hat es etwas für sich, auch das Pronomen wechseln zu lassen; die Abwechslung kann da sogar die richtige Auffassung erleichtern und beschleunigen, wie in folgenden Sätzen: Klaviere, die den Anforderungen entsprechen, welche in Tropengegenden an sie gestellt werden – Gesetze, die bestimmte Organisationen zum Gegenstande haben, welche nur bei der katholischen Kirche vorkommen – die Bühnen, die mit einer ständigen Schar von Freunden rechnen können, welche mit liebevollem Interesse ihrer Entwicklung folgen – Verbesserungen, die der Dichter der dritten Ausgabe seiner Gedichte zu geben beabsichtigte, welche er leider nicht mehr erlebte – Amerika zerfällt in zwei Hälften, die nur durch eine verhältnismäßig schwache Brücke zusammenhängen, welche sich nicht zu einem Handelsweg eignet – in dem Pakt, den Faust mit dem Geiste der Verneinung schließt, welcher sich als der Zwillingsbruder des Todes bekennt – es fehlte bisher an einer Darstellung, die allen Anforderungen entsprochen hätte, welche an Kunstblätter von nationaler Bedeutung zu stellen sind – es gelang uns, in Beziehung zu den Stämmen zu treten, die die Artikel produzieren, welche unsern Kaufleuten zugehen, und die zugleich ein weites Absatzgebiet für unsre Industrie bieten. Dabei empfiehlt sich übrigens (aus rhythmischen Gründen, der Steigerung wegen), der immer an die erste, welcher an die zweite Stelle zu bringen, nicht umgekehrt! Aber unbedingt nötig ist der Wechsel auch hier nicht.
Welch letzterer und welcher letztere
An einen ganzen Rattenkönig von Sprachdummheiten rührt man mit der so beliebten Verbindung: welcher letztere. Auf die häßliche unorganische Bildung ersterer und letzterer – eine komparativische Weiterbildung eines Superlativs! – soll dabei gar kein Gewicht gelegt werden, denn solche Erscheinungen gibt es viele in der Sprache und in allen Sprachen, wenn es auch nichts schaden kann, daß man sich einmal das Unorganische dieser Formen durch die Vorstellung zum Bewußtsein bringt, es wollte jemand der größtere, der kleinstere, der bestere, der schönstere bilden. Viel schlimmer ist ihre unlogische Anwendung.
Wenn ein Relativsatz nicht auf ein einzelnes Hauptwort, sondern auf eine Reihe von Hauptwörtern, zwei, drei, vier oder mehr folgt, so ist es selbstverständlich, daß das Relativ nicht an das letzte Glied angeschlossen, sondern nur auf die ganze Reihe bezogen werden kann, also nicht so:
Erstes Hauptwort | ||
Zweites Hauptwort | ||
Drittes Hauptwort | ||
![]() | Relativsatz | |
sondern so:
Erstes Hauptwort | ||
Zweites Hauptwort | ![]() | Relativsatz |
Drittes Hauptwort | ![]() | |

